Kapitel 11   –   Der Ort Marienfels

Abschnitt 8   –   Der 2. Weltkrieg



Dunkle Wolken zogen nun am Horizont auf. Im März 1939 wird Prag besetzt, und die Drohungen gegenüber Polen verstärken sich. Wohl geht das Leben im Dorf weiter seinen üblichen Gang, Aussaat und Ernte im Rhythmus der Natur. Doch immer mehr verdichten sich die Wolken und die Älteren, unsere Eltern, erzählen von Parallelen zu dem Jahr 1914, als in der heißen Sommerzeit mitten in der Ernte die Mobilmachung kam. Doch die Ernte war soweit eingebracht, Roggen, Weizen und Gerste, nur der Hafer stand noch teilweise draußen auf „Kasten“ im Feld.

Es kam keine Mobilmachung mit Läuten der Glocken wie damals, als man aufhörte mit dem Roggenschnitt und heimeilte mit Reff und Sichel. Es war ja auch vier Wochen später und doch kam es über Nacht vom 25. auf den 26. August 1939 wie ein Gewitter aus heiterem Himmel, in Form von Einberufungen und Befehlen zur Ablieferung der Pferde. Aus Marienfels standen in diesen Tagen im aktiven Dienst: Feldwebel Walter Henn, Unteroffizier Otto Kirsch, Pionier Adolf Huth und der Kanonier Artur Wiegand sowie Oberfeldwebel Paul Henn. Sofort einrücken mussten am nächsten Morgen Wilhelm Wiegand und Otto Weis. An diesem Tag, es war ein Samstag, mussten die gemusterten Pferde nach Winterwerb zum Sammelplatz gebracht werden. Es waren Pferde, die man unseren Vätern aus den Ställen holte und fortbrachte, und es gab Tränen, die ersten Tränen, denen noch so viele folgen sollten in diesem Krieg. Doch damit fehlten die Zugtiere, die den Pflug und den Wagen zogen. Es begannen die Wochen mit Aushilfen von Kuh- und Ochsengespannen, bis im Herbst dann Beutepferde aus Polen kamen. An diesem Samstagmorgen hatten auch folgende ältere Einwohner, die schon einmal im letzten Krieg dabei waren, ihre Einberufungsbefehle erhalten: Wilhelm Bingel, Julius Huth II, Adam Steeg, Wilhelm Lenz, Julius Laux, Theodor Schäfer, und von den Jahrgängen 1919/20 Emil Singhof, Helmut Witzki, Walter Neidhöfer, Richard Heimann und Willi Hartmann. Die meisten mussten sofort in die bestimmten Kasernen, ein Teil erst am Dienstag, dem 29. August.

Arbeitsochse Am Sonntag hatte unsere Familie ein Kuhgespann zum Einfahren des noch draußen stehenden Hafers bekommen, mit Mühe gelang dies auch bis zum Abend. Am Montagmorgen ging es an den Schnitt in den Wiesen. Vorsorglich hatten die Parteispitzen schon das Mähen mit den übriggebliebenen Pferden und Kühen organisiert. Wie auch sonst waren zuerst die Bruchwiesen an der Reihe. Doch dieses Mal wurde auf keine Grundstücksgrenzen geachtet, die Mähmaschinen fuhren hintereinander durch den Grund, wobei Gräben und Grenzsteine die Sache erschwerten. Jeder einzelne Landwirt bearbeitete dann den Schnitt seiner Wiese zum Trocknen und Heimfahren. Wir, die wir nun unsere Einberufungsbefehle erhalten hatten, packten nichts mehr an, außer beim Packen der Koffer. An diesem Montagmorgen fuhren wir mit den Fahrrädern zum Frisör Blies in Miehlen. Dabei konnten wir noch die interessante Mäherei in den Bruchwiesen kurz beobachten. Am Dienstag rückten wir in verschiedene Kasernen von Koblenz oder Lahnstein ein.

Am 1. September 1939 beginnt mit dem Überfall auf Polen der Krieg. Und dieser Krieg ist nun überall spürbar. Die Fenster müssen verdunkelt werden, Kleider- und Lebensmittelkarten werden eingeführt. Nach dem Polenfeldzug wurden die älteren Bürger wieder vereinzelt entlassen, nachdem sie am Westwall eingesetzt waren. Ebenso kamen wir zu dritt vom Jahrgang 1920 wieder nach Hause, nach einer 8-wöchigen Ausbildung. Ende Oktober fanden wir daheim noch genügend Arbeit vor. Es war ein sehr nasser Herbst, die Felder waren aufgeweicht und die Rüben noch draußen. Mit den behelfsmäßigen Zugtieren, angelernten Ochsen, den Kühen und den nicht tauglichen Pferden, war das Ernten und Bearbeiten der Felder alles andere als leicht. Dann kam auch noch die Einquartierung ins Dorf. Zuerst war es eine Sanitätskompanie, die aber nicht lange blieb, dann kam Mitte November eine Einheit der Waffen-SS. Die 8. Kompanie der Leibstandarte „Adolf Hitler“ bezog hier Quartier. Der Truppenverband sollte hier im rückwärtigen Aufmarschgebiet der Westfront wieder aufgefüllt und für den Einsatz gedrillt werden. Es kam ein sehr strenger Winter, der Dienst dieser Einheit war hart wie überall sonst, wo die LAH von Bad Ems bis Nassau und Miehlen einquartiert war. Das Verhältnis zur Einwohnerschaft war gut, ja man kann sagen herzlich. Viele dieser jungen 18- bis 20-jährigen Soldaten suchten und fanden neben ihrem harten Dienst Geborgenheit und Familienanschluss bei ihren Quartiersleuten. Von denen, die den Krieg überleben konnten, wird das gute Verhältnis bis heute aufrecht erhalten. Nachdem ein paar Mal Alarm zum Abmarsch gegeben und immer wieder abgeblasen wurde, blieb die Einheit bis Ende Februar 1940 hier liegen. Weitere Einberufungen erfolgten Ende 1939: Paul Debus, Robert Dreßler, Willi Schmidt und Willi Debus.

Das Amt des Bürgermeisters wurde von dem 1. Beigeordneten Theodor Hendorf ausgeübt, der wegen seiner Behinderung schon vorher für diesen Posten im Kriegsfall vorgesehen war. Ortsgruppenleiter wurde nun der Lehrer Wilhelm Henn. Dieser war, wie schon erwähnt, zuerst Anhänger der Deutschen Volkspartei, ist dann aber 1933 sehr schnell umgeschwenkt, wie so viele damals, die man „Märzveilchen“ nannte, und war nun ein eifriger Verfechter der braunen Idee, der Parteihirachie und der späteren Durchhalteparolen bis zum Kriegsende. Das Schulgebäude wurde zum Mittelpunkt von Ortsgruppe, Stützpunkt und Gemeinde.

Kfz Das Wetter war umgeschlagen, es wurde milder. Die Kraftfahrzeuge der LAH brauchte man nicht mehr dauernd warmlaufen zu lassen Ende Januar 1940. Neue Einberufungsbescheide kamen für Willi Hartmann, Walter Neidhöfer, Helmut Witzki und Richard Heimann, alle in Kasernen im ehemaligen Warthegau. Weiterhin wurden dann im Laufe des Jahres noch eingezogen: Emil Heinz, Otto Schreiner, Ernst Kaiser, Emil Kirsch, Alfred Meinecke, Karl Laux, Walter Kirsch, Willi Bauer, Wilhelm Bauer, Karl Clos und Rudolf Kirsch. Im Frühjahr, nachdem die LAH Ende Februar das Dorf wieder verlassen hatte, kam noch einmal Einquartierung vom Inf.Reg. 115. Diese bespannte Einheit half noch teilweise mit bei der Haferaussaat. Doch nun kommt der 10. Mai 1940. Es beginnt der Angriff im Westen und damit auch der Krieg für unsere Heimat. Zunächst sind nur Evakuierte aus dem Saarland, aus dem Westwallgebiet bis nach hier untergebracht worden, nun hängen die Einwohner an den Radios und hören von den schnellen Erfolgen. Damit scheint sich das vorige Drama vom 1. Weltkrieg (Stellungskriege, gegenseitiges Morden bei Verdun und an der Somme) nicht mehr zu wiederholen. Frankreich kapituliert, und die Begeisterung im Land ist groß. Ist den Deutschen doch nun endlich der von Gott gesandte Führer geschenkt worden? Hat sich der alte Barbarossaglaube vom Kyffhäuser bewahrheitet, und der Kaiser aller Deutschen ist nun erwacht? Hitler triumphiert und keiner kann mehr ihn und seine Bewegung zurückhalten. Die Kriegsmaschinerie stampft weiter.

Wenn wir erwähnten, wer bis 1940 schon einberufen wurde, so kann man jetzt sagen: Jahr für Jahr wurden die nachrückenden Jahrgänge vollständig eingezogen. Entgegen der Meinung, der Krieg werde bald zu Ende sein, dehnte er sich mehr und mehr aus und forderte nun seine Opfer, draußen an der Front und in der Heimat. Die Bombenangriffe auf unsere Städte nahmen zu. Wer auf dem Land lebte, hatte den Vorteil, näher an der Nahrung und ferner vom Luftkrieg zu sein. In Marienfels gingen davon unberührt die landwirtschaftlichen Arbeiten weiter. Dabei waren es zunächst gefangene Polen, die mithelfen mussten bei den Bauern, dann kamen Franzosen und Russen ins Dorf. Während die Franzosen noch einigermaßen gut behandelt wurden in den Lagern, und sich auch mit den Arbeitgeberfamilien eine gewisse Freundschaft anbahnte, wurden die Menschen aus den Ostländern nicht gut behandelt, ja, sie galten als Untermenschen. In den Häusern durften sie nicht mit am Tisch sitzen, ihre Mahlzeit nur an einem Nebentisch einnehmen und für Ungebührlichkeiten waren ihnen Prügel und harte Strafen zugedacht. Mittelpunkt der Verwaltung und Parteiführung, die ineinander überging, war die neue Schule. Da der amtierende Bürgermeister Theodor Hendorf körperbehindert war, musste der Lehrer Henn alle Geschäfte tätigen, die mit Tagungen und Reisen verbunden waren. Er war nun der eigentliche Ortsgruppen- und Stützpunktleiter. Wie schwer es in diesen Jahren war, zu verwalten und die Befehle und Anordnungen weiterzugeben, lässt sich denken. Dazu musste auch die Verteilung der Textilien, der Lebensmittelkarten, der Bezugsscheine gerecht und ohne Ansehen der Person durchgeführt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, waren in unserem Dorf alle führenden Personen bemüht. Doch ließen sich Härtefälle nicht vermeiden.

Bomber Der Krieg wurde härter, die Bombardierungen der Städte nahmen zu und immer häufiger kamen die Meldungen, dass wieder ein Einwohner als Soldat sein Leben lassen musste. Seit dem Wegzug von Pfarrer Hahn war die Pfarrstelle zunächst von Pfarrer Neuhaus, dann von Pfarrer Wüst besetzt worden, die aber beide nicht lange hier blieben. Bis zum Kriegsjahr 1943 war das Kirchspiel Marienfels Pfarrer Claus Abels übertragen worden. Als ehrendes Andenken, als Erinnerung für die Angehörigen und alle Gemeindemitglieder hatte man bei Kriegsbeginn begonnen, für jeden Gefallenen an der Empore in der Kirche einen Kranz mit Schleifen anzubringen. Bald war die Empore zu klein für die vielen Kränze. 1943 wurde Pfarrer Hermann Schild, gebürtig aus dem Nachbarort Miehlen, mit der Pfarrstelle betraut. Doch nicht allzulange hatte Marienfels wieder einen neuen Pfarrer, denn Hermann Schild wurde auch zur Wehrmacht eingezogen. Die Pfarrstelle musste von benachbarten Amtskollegen mitversorgt werden. Insbesondere war Pfarrer von Lengerke aus Miehlen nun auch für das Kirchspiel Marienfels zuständig. Im Zuge der Kriegsanstrengungen zur Materialbeschaffung und zum Durchhalten wurde versucht, das Letzte aus dem Volk herauszuholen. So mussten auch die beiden älteren Glocken aus dem Kirchturm, die eine 1439 und die andere 1445 gegossen, ihren Weg zur Einschmelzung schon im Jahre 1944 gehen. Gegen Ende des Jahre l944 wurde der Krieg noch einmal heftiger. Die Offensive in den Ardennen, im Elsass und in der Südpfalz fordern große Opfer an Menschen und Verluste an Material. Die Jahrgänge 1927 und teilweise 1928 werden eingezogen. In der Heimat entsteht nach einem Führerbefehl der Volkssturm. Danach werden nun alle, die nicht zur Wehrmacht eingezogen sind, zur Verteidigung herangezogen und ausgebildet. Das waren Hitlerjungen ab 12 Jahren, Kranke und Versehrte und ältere Männer. Die Übungen, die von diesem zusammengewürfelten Haufen geleistet wurden, nahmen oft groteske Formen an. Unter Leitung von Wilhelm Laux aus Berg, als Btl.-Führer, Wilhelm Henn, Marienfels, als Komp.-Führer und Heinrich Winterwerber aus Ehr, als Zugführer, wurde der Widerstand geprobt und der Umgang mit Waffen geübt. Doch die Front kam näher. Unter großen Mühen war die Haferaussaat begonnen worden, Tiefflieger erschwerten die Arbeit auf den Feldern. Seit lägen hörte man schon den Artilleriedonner von der linken Rheinseite. Die Einwohner suchten Schutz in den Kellern. Ein Stollen der Grube Horchberg vor Ehr war zum Schutzbunker geworden, wie auch ein Stollen in der Pohler Dell im Wald. Einfache Schutzbunker waren noch an verschiedenen Stellen im Ortsbereich errichtet worden, am Waldrand hinter der Mühle, bei Kirsche im Hang, am Markersweg und bei Schütze Haag. Seit Wochen lagen auch dauernd Teile der Wehrmacht im Dorf, sich zurückziehende Reste von Truppeneinheiten und auch ein Div.-Stab, dessen umfangreiches Gepäck von Landwirten mit Pferdefuhrwerken in den Raum vor Idstein gefahren werden musste.

In den letzten Tagen rückte dann eine Genesendenkompanie an, um den Ort zu verteidigen. Vorher hatten schon Pioniereinheiten Sprengladungen an der Mühlbachbrücke und an der Brücke über den Ehrer Bach angebracht. Mit Argusaugen beobachteten beherzte Einwohner nun das weitere Geschehen, dabei immer bestrebt, es nicht zu einer Zerstörung der Brücken kommen zu lassen. Am 25. März 1945 schlugen noch einige Granaten im Unterdorf ein, dadurch wurden viele Fenster und Dächer beschädigt. Der Geschützdonner kam näher. Die Nacht vom 26. auf den 27. März verbrachten die meisten Einwohner in den Bunkern und Kellern. Nach dem Füttern des Viehes war ein großer Teil der Bewohner nun in der Grube Horchberg oder beim Stollen der Pohler Delle untergetaucht, ein kleiner Teil im Dorf in Kellern und Erdbunkern. Dabei hatten, wie schon erwähnt, die Männer im Dorf nun Mühe mit den hier anwesenden Soldaten, um sie an der Verteidigung des Dorfes zu hindern. Mit Hilfe von viel Alkohol hatte man die Zündleitungen an den Brücken kappen können und damit unvorstellbare Schäden an den Häusern im Ober- und Unterdorf sowie an der Kirche verhindert.

Es war Dienstag, der 27. März. Die meisten Einwohner waren aus dem Ort heraus und diejenigen daheim hatten noch Arbeit mit den Soldaten. Im Unterdorf beim Ringen um die Ehrerbach-Brücke waren es die Männer Karl Witzky, Heinrich Bauer und andere, im Oberdorf Ernst Pfeifer, Karl Hartmann und weitere, in der Ortsmitte Wilhelm Kirsch, Julius Laux und andere Männer, die mit Hilfe von Schnaps und Apfelwein jeden Willen zur Verteidigung lähmten. Der Motorenlärm wurde nun stärker, und ab und zu hörte man auch eine Schießerei in der Nähe, und dann waren sie auf einmal da, die Amerikaner. Mit Panzern aus Richtung Miehlen, aus Richtung Pissighofen mit abgesessener Infanterie, waren sie plötzlich im Dorf. Wer es konnte, hatte ein weißes Tuch aus dem Fenster hängen, als die Panzerkolonne in Richtung Mühlbach fuhr. Hier in dem kleinen Stollen am Klippenpfad hatte sich noch ein Soldat versteckt, der mit einer Panzerfaust auf den ersten Panzer schoss, diesen stark beschädigte, wobei ein Amerikaner noch zu Tode kam. Diesen deutschen Soldaten konnten die nun schnell handelnden Amerikaner nicht mehr gefangen nehmen, er entkam im Wald. Andere im Anwesen Pfeifer versteckte Soldaten wurden gefangen genommen. Im Dorf erschallten nun fremde Laute, Schreie und Befehle. Die aus allen Kellern, Bunkern und Häusern herausgeholten Einwohner blickten in MP-Läufe und in vor Aufregung verschwitzte Gesichter. „Wo Soldat, wo Waffen?“ Mit diesen Fragen wurden sämtliche Häuser durchsucht. Und damit hatte man den ganzen Tag zu tun. Die stark unter Alkoholeinfluss stehenden deutschen Soldaten, hatten es ihrem Zustand zu verdanken, dass sie sich nicht wehren konnten und so unversehrt in Gefangenschaft kamen.


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