Kapitel 11   –   Der Ort Marienfels

Abschnitt 7   –   Zwischen den beiden großen Kriegen



Der Krieg war zu Ende. Deutschland war in die Knie gezwungen worden. Es hatte die Bedingungen der Feindmächte angenommen, der Kaiser war emigriert, und das Heer löste sich auf. Doch die jungen Jahrgänge wurden noch nicht gleich entlassen, sie wurden noch in Kasernen hinter den Besatzungszonen festgehalten. Der Kreis St. Goarshausen gehörte zum Brückenkopf Koblenz und wurde von französischen Truppen besetzt. Unser Dorf hatte nun fremde Einquartierung. Die Einwohner mussten eng zusammenrücken, die Soldaten machten sich breit, und ganze Häuser mussten vollkommen geräumt werden. Bürgermeister Christian Schmidt hatte es in dieser Zeit nicht leicht. Es gab dauernd Zwischenfälle, und die Franzosen führten ein strenges Regiment. Die anfängliche totale Ausgangssperre wurde allmählich gelockert, und langsam kam das dörfliche Leben wieder in Gang. Die Bevölkerung litt allgemein unter der Besatzung und der wirtschaftlichen Not. Wenn auch der Hunger der Kriegs- und Nachkriegsjahre in den Dörfern nicht so spürbar war wie in den Städten, so mussten doch auch hier viele Entbehrungen hingenommen werden. Die Arbeit auf dem Feld ging mit den einfachen Geräten, den Kuh- und Ochsen- und Pferdegespannen weiter, Dreschmaschine schwieriger war doch das Dreschen des Getreides. Während sich die größeren Landwirte schon vor dem Krieg zu einer Dreschgesellschaft zusammen­geschlossen hatten, ausgestattet mit einer Lanz-Dreschmaschine und einem Dampflokomobil, war es für die kleinen und Nebenerwerbslandwirte nicht so einfach. Sie mussten bitten und betteln, damit sie auch gedroschen bekamen. Sie schlossen sich dann 1921 zu einer Dreschgesellschaft II zusammen. Schon im Vorjahr hatten sie bei der Spar- und Darlehnskasse Marienfels einen Antrag auf Gewährung von 15.000 RM gestellt, wobei Theodor Heimann und Daniel Dreß1er als Bürgen erschienen, doch es kam dieser Antrag nicht zum Zuge. Im Oktober 1921 wurden dann 19.000 RM zur Anschaffung eines Dreschsatzes und eines Motorwagens gewährt. Für diesen Kredit verpflichteten sich: Adolf Heimann, Wilhelm Schmidt und Julius Laux.

Langsam kam auch das Leben der Ortsvereine wieder in Gang. Da war zunächst der Kriegerverein, der schon 1895 bestand und der nun den Gefallenen und Vermissten aus dem Ort ein ehrendes Gedenken bewahrte. Er war auch für die Erhaltung der soldatischen Tradition. Der Glaube an Deutschland war ungebrochen, besonders auf dem Land. Am Totensonntag, im November 1920, fand die feierliche Einweihung der Gedenktafel für die Toten des Krieges aus dem Kirchspiel statt. Die aus Marmor bestehende Tafel war neben der Kanzel in der Kirche eingemauert worden. An dieser Feier nahm auch der Kriegerverein teil.

Der andere Verein, der schon am 27. September 1919 seine erste Versammlung nach dem Krieg abhalten konnte, war der im Jahre 1908 gegründete Männergesangverein „Eintracht“. Schon seit dem Sommer hatten sich die Männer, die aus dem Krieg heimkehren durften, unter dem Dirigenten Georg Hahn aus Miehlen zu Gesangstunden beim Gastwirt Schäfer getroffen. Bei dieser Versammlung nun wurde der schon im Januar 1914 zum Präsidenten gewählte Georg Lenz wieder in seinem Amt bestätigt. 2. Vors. wurde Karl Hartmann, Schriftführer Wilhelm Hasselbach, Kassierer Julius Huth I. In den Vorstand kamen: Karl Debus, Karl Heimann und Wilhelm Kirsch. Der Andrang zu dem Verein war groß. Neue Mitglieder wurden an diesem Abend: Wilhelm Ansel, Karl Lenz, Karl Clos, Theodor Bingel, Julius Huth II, Julius Bingel, Wilhelm Bingel, Karl Schreiner, Karl Schmidt, Rudolf Hasselbach und Philipp Dillenberger. Am 7. Januar 1920 traten dem Verein noch bei: Wilhelm Lenz, Heinrich Heinz und aus Ehr Karl Dillenberger und Wilhelm Rübsamen. Fahne Zum Preis von 206 RM konnte eine Gedenktafel für die gefallenen und vermissten Sänger angefertigt werden. Sie wurde am 18. Januar 1920 anlässlich des l2-jährigen Bestehens im Vereinslokal angebracht. Jetzt, da der Verein wieder durch viele aktive und inaktive Mitglieder verstärkt an die Arbeit ging, war es selbstverständlich, dass auch eine Fahne herbei musste. Für 3.200 RM wurde diese von der Thüringer Fahnenfabrik Arnold bezogen. Verbunden mit einem kleinen Sängerfest, unter Teilnahme des Kriegervereins und der beiden Gesangvereine von Miehlen, fand die Feier im „Langgarten“ statt. Für die Festmusik sorgte die Kapelle aus Miehlen, sie zahlte dafür an den Gastgeber 250 RM. Es war ein herrlich schöner Sommertag, dieser 12. Juni 1921. Zunächst ging ein Festzug durchs Dorf mit Festdamen und Gastvereinen und der mit Blumen geschmückten Fahne. Auch der Festplatz war mit Birken und Girlanden geschmückt, die Bewirtung hatte Gastwirt Wiegand übernommen. Nach dem Begrüßungschor, den Willkommensworten von Dirigent G. Hahn, der Weiherede von Lehrer Henn sprach Fräulein Emilie Singhof den Festprolog. Der Vorsitzende Karl Hartmann enthüllte die Fahne und überreichte sie dem Fahnenträger Wilhelm Kirsch. Es folgten dann Liedvorträge, danach spielte die Kapelle bis spät in die Nacht zum Tanze auf.

Es kamen nun die Geldentwertung, die Jahre des wirtschaftlichen Niedergangs oder die „Cunozeit“, genannt nach dem damaligen Reichskanzler Cuno. Mit der Währungsreform von 1924 kehrten dann allmählich wieder normale Verhältnisse ein. Doch das Leben im Dorf ging weiter. Saat und Ernte wechselten sich ab, wie auch Freude und Leid in den Familien. Am 8. Juni 1924 besuchten die Sänger den MGV „Concordia“ in Niedermeilingen beim 25-jährigen Bestehen. Der Kassenbestand erlaubte es, dass mit zwei geschmückten doppelspännigen Leiterwagen nach dort gefahren werden konnte. Welch ein Vergnügen! Im Januar hatte man sieben neue Mitglieder aufnehmen können.

Doch die Jahre wurden nicht besser, trotz Rentenmark und Regierungsumbibdungen in Berlin. Im Herbst 1924 war der seit 1914 amtierende Bürgermeister Christian Schmidt von Karl Heimann abgelöst worden. Ein Problem beschäftigte schon länger die Gemeinde: Die bauliche Ausstattung der Schule. Bei diesem im Jahre 1802 erbauten Gebäude war besonders die Schulstube zu klein und die sanitären Anlagen waren vollkommen ungenügend. Deshalb plante der Gemeinderat den Bau einer neuen Schule. Zunächst war die Frage zu klären: Wohin stellen wir das Gebäude? Der jetzige Standort war zu beengt. Zuerst bot sich der „Kirchgarten“, das waren die Grundstücke zwischen dem Markersweg und dem Anwesen Laux, als Bauplatz an. Doch dieser Plan wurde fallengelassen, da man in der nahen Hauptstraße und dem Bahnhofsbetrieb der Kleinbahn für die Kinder eine Gefahr sah. Nach vielen Verhandlungen war es dann gelungen, den großen Garten zwischen dem Anwesen Hendorf und der Familie Kahl im Oberdorf zu erwerben. Planung und Bauausführung wurden der Firma Bernd aus Nievern übertragen. Baubeginn war am 18. Oktober 1926 und die feierliche Einweihung fand am 30. Oktober 1927 statt. Es war ein großer Tag für die ganze Gemeinde, besonders für die Schuljugend. Bei dieser Einweihung waren auch die Vertreter der Behörden anwesend, darunter Landrat Niewöhner, Vertreter der Baufirmen und der benachbarten Orte, die Gemeinderäte von Marienfels und Ehr und alles, was sonst Klang und Namen hatte. Am 1. April 1928 konnte Lehrer Henn mit Familie die neue Wohnung in dem Schulgebäude beziehen. Die größeren Kinder waren mit in diesen Umzug eingeschaltet, sie halfen beim Aus- und Einräumen, überall wo sie gebraucht wurden. Von der Bezirksregierung in Wiesbaden war für diesen Einzug ein großes Bild „Am Rhein“ gestiftet worden. Ebenfalls wurde auf Vorschlag von Schulrat Böhringer der Volksschule Marienfels ein Fünfröhren-Radioapparat mit Lautsprecher kostenlos geliefert. Der Schulverband hatte nur die Anschluss- und die späteren Unterhaltungskosten zu tragen.

Radio So nüchtern und sachlich dieses berichtet wird, so war es in Wirklichkeit doch eine ganz heiße Sache, als die Technik ins Dorf kam. Sie war ja auch noch ganz jung, erst ein paar Jahre alt, diese Radiotechnik. Bei der Funkausstellung 1923 in Berlin war zum ersten Mal ein Musikkonzert ausgestrahlt worden, und die Empfänger waren überall im Land noch kaum vorhanden. Etwas Geheimnisvolles umgab noch die beiden Kisten, die an einem Sommertag 1928 in die Schule geliefert wurden. Ein Fachmann verlegte danach die Leitungen und baute die Geräte zusammen, danach war es soweit, die beiden Apparate standen endlich auf dem großen grünen Tisch am Fenster, der schöne neue Empfänger und der ebenso neue Lautsprecher. Unser Lehrer Henn saß auf einem Stuhl davor und drehte an den Knöpfen, stellte Hebel, bediente Kurbeln und horchte. Es kam kein Ton. Die Fenster im Schulsaal waren geschlossen, wir mussten uns mäuschenstill verhalten, und die Luft war zum Schneiden. Das Ruhebewahren war nicht ganz einfach, ab und zu lachte einer oder gab einen Ton von sich. Der Lehrer mit hochrotem Kopf blickte um sich, drohte und schraubte weiter am Radio. Immer noch Stille im Kasten, an dem unser Henn sein Ohr hatte. Aber mit der Unruhe bei uns Kindern stieg die Spannung sondergleichen. Endlich gibt es ein Geknackse, dann kommen ganz schrille Töne und auch ein Gesumm. Als perfekter Organist greift Lehrer Henn dahin, dorthin, dreht an der Rückkopplung, und plötzlich kommen Laute und Worte und auch Musik aus dem Lautsprecher. - Doch das war zu spät. Schon bei den ersten schrillen Tönen vorher war Auguste aus Ehr in Ohnmacht gefallen und musste hinaus in den Flur getragen werden. Emil aus der dritten Klasse hatte es erwischt, er lief wie irr rund und musste von den älteren Buben festgehalten und auch hinausgeführt werden. Noch ein paar andere Kinder konnten die Spannung und die neuen Töne nicht vertragen, sie verließen ebenfalls die Klasse. Das war der Beginn der Radiozeit in unserem Dorfe. Danach zählte es zu den schönsten Erlebnissen, wenn die beiden Kasten aus der Lehrerwohnung, wo sie zumeist standen, herbeigeholt wurden und wir den Schulfunk oder eine große Feier hören oder miterleben konnten.

Eine ganz besondere Rolle im Dorfleben, in der Kriegszeit, in den folgenden Inflations- und Notjahren spielte das Pfarrhaus in Marienfels. Pfarrer war hier seit 1884 der aus Singhofen stammende Wilhelm Bingel. Er war ein Seelsorger des alten Schlages, streng, die Gesetze achtend, ein Pfarrer des Pietismus. Die Söhne, wohlerzogen, wurden Offiziere, Lehrer, und die am 25. April 1886 geborene Tochter Frieda war eine treue Stütze im Haushalt. Für sie, die auch die höhere Schule besucht hatte, war es eine heilige Aufgabe, überall wo Not herrschte, zu helfen. Sie organisierte Sammlungen, rief zu Spenden auf und besuchte die Lazarette und danach die Krankenhäuser. Sie hatte sich besonders mit neuzeitlicher Ernährungsweise befasst, was vielen in den Notjahren zugute kam. Den Frauen im Dorf brachte sie das Einmachen in Gläsern bei und veranstaltete Lehrgänge in Kochen und Backen. Ebenfalls sorgte sie auch für die kulturelle Betreuung, angefangen vom Kindergottesdienst, bei den Jugendlichen und im Frauenkreis. Die alljährlichen Ausflüge in die engere und weitere Umgebung waren ein fester Bestandteil der Betreuung.

Organisiert waren viele Landwirte schon damals im Deutschen Landbund, von dem sie Informationen und praktische Betriebshilfen vermittelt bekamen. Auch waren die Frauen in einer Gruppe der Landfrauenvereinigung, die sich mit den Angelegenheiten des flachen Landes befasste, organisiert. Politisch waren die Einwohner von Marienfels ziemlich konservativ eingestellt. Bei den Wahlen entfielen die meisten Stimmen auf die Deutschnationale Volkspartei und die Landvolkpartei. Die Sozialdemokraten hatten einen ziemlich kleinen Stimmenanteil. Mit dieser Partei waren besonders die Arbeiter in Berührung gekommen, die zeitweise Arbeit im Kölner Raum „In den Niederlanden“ gefunden hatten. Ich erinnere mich noch gut, mit welcher Begeisterung unser Nachbar, Ludwig Kirsch, immer wieder von August Bebel erzählte. Doch die Zeit wurde nicht besser. Wer nicht eine gesicherte Landwirtschaft besaß, war arbeitslos und konnte nur durch zeitweises Arbeiten im Wald oder sonstwo die Familie ernähren. Im ganzen Reich gab es ein Heer von Erwerbslosen, und da begann auch überall das Wirken der Nationalsozialisten. Immer mehr wurden die Parolen und Sprüche beachtet, die zuerst von München ausgingen und nun in jedes Dorf getragen wurden. Die Wahlen zum ersten Reichstag der jungen Republik fanden am 6. Juni 1920 statt. In Marienfels wählten 21 Wähler die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), 125 die Deutsche Vobkspartei (DVP), 20 die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) und 3 die Unabhängige Sozialistische Partei Deutschlands (USPD).

Wahlen Das Jahr 1924 brachte drei Wahlen. Bei der Reichstagswahl am 4. Mai ist ein deutlicher Anstieg der rechten Gruppierungen zu verzeichnen. In unserem Ort wählten 86 DNVP, 6 Völkisch-Nationalsozial. Block und 4 SPD. Am 7. Dezember musste der Reichstag neu gewählt werden, er hatte sich im Oktober aufgelöst, und gleichzeitig fanden Wahlen zum Preußischen Landtag statt. Die Ergebnisse beider Wahlen waren fast gleich. Beim Landtag stimmten für die DNVP 103 (105), für die DVP 38 (35), für SPD 5 (6) und für die NSDAP 4 (4). In Klammern die Ergebnisse der Reichstagswahl. Am 26. April 1925 wurde der Reichspräsident gewählt. Dabei entschieden sich 160 für Hindenburg, während Marx nur 1 und Thälmann 4 Stimmen erhielt. Die Wahlen am 20. Mai 1928 zum Reichstag und Landtag brachten ein ganz anderes Ergebnis. Fast gleichlautend kamen bei den Wahlen auf die SPD 3, DVP 4, DNVP 6, NSDAP 24 und auf die neu aufgetretene Christlich-Nationale Bauern- und Landvolkpartei 116 Stimmen. Kombinierte Wahlen zum Landtag, zum Kreistag und für die Kommunalparlamente gab es wieder am 17. November 1929. Bei der Landtagswahl stimmten 3 Wähler für die SPD, 5 für die DVP, 28 für die NSDAP, 12 für die DNVP und für die Landvolkpaprtei 110. Bei der Wahl des Reichspräsidenten am 13. März 1932 waren für Hindenburg 8, für Duesterberg 52, für Thälmann 2 und Hitler 123 Wähler. Da diese Wahl keine klare Mehrheit erbrachte, war am 10. April eine Nachwahl erforderlich, die für Hindenburg 22 und für Hitler 149 Stimmen brachte. Die Wahl zum Reichstag am 31. Juli 1932 brachte für die NSDAP wieder einen großen Gewinn. Wegen Auflösung des Reichstages im September fanden am 6. November 1932 wieder Wahlen statt. Das Ergebnis in Marienfels lautete (in Klammern die Ergebnisse vom 31. Juli): SPD 1 (5), DNVP 28 (29), DVP 5 (5), NSDAP 139 (152) und KPD 3 (3) Stimmen. Am 5. März 1933 finden die ersten Wahlen nach der Machtergreifung für den Reichstag statt. Dabei bekam die NSDAP 161, der Kampfbund Schwarz-Weiß-Rot 30 und die DVP 2 Stimmen. Eine Woche später am 12. März 1933 finden die letzten Kommunalwahlen bis 1945 statt. Sie werden wieder ein überzeugender Sieg für die NSDAP. Noch einmal, am 11. November 1933, wird die Bevölkerung aufgerufen, in einer Reichstagswahl abzustimmen. Fast 100 % der Wähler bestätigen die Politik des Regimes.

Schon Ende 1928 konnte hier in Marienfels eine Ortsgruppe der NSDAP gegründet werden. Nicht ganz so stark wie in Miehlen oder Nastätten war zunächst der Zulauf. Es war vorerst ein kleines Häuflein, das anfangs nicht viel beachtet wurde. Obwohl die Lehre von Blut und Boden, von der deutschen Scholle, die Landwirte ansprach und auch aus der Notzeit heraus begeisterte, waren unsere Leute im Dorf nicht dafür zu gewinnen. Deshalb ist es zu verstehen, dass im Gegensatz zum Bachheimer Grund hier die Partei auch später keine so überragende Rolle spielte. Die führenden Köpfe des Regimes konnten es sich nicht leisten, gegenüber andersdenkenden Landwirten, Kleinbauern und Arbeitern eine radikale Frontstellung zu beziehen. Stark beeinflußt wurde die politische Entwicklung in Marienfels nach der Übernahme der Pfarrstelle durch den jungen Pfarrer Hans Hahn im Jahre 1931. Nach dem bisherigen konservativen und pietätvollen Pfarrer Bingel, der seit 1884 hier wirkte, kam nun mit dem 25-jährigen Mann aus dem Frankenland ein frischer Wind in die Gemeinde. Pfarrer Hahn war begeisterter Anhänger der Idee von Hitler, er war aber auch ein eifriger Wanderfreund und Jungscharleiter in der evangelischen Jugendbewegung. Mit welcher Freude wurden mit ihm nun Fahrten und Wanderungen der Jugendlichen und Konfirmanden aus dem Kirchspiel unternommen, wobei man viel Neues kennen lernte.

Noch immer war bittere Not im Land. Die Zahl der Arbeitslosen stieg noch bis 1933 an. Viele wurden jedoch Wohlfahrtsempfänger. Wer einen Arbeitsplatz bei einem Landwirt oder eine Beschäftigung im Wald finden konnte, war dagegen gut dran. Wie schwer die Zeiten waren, zeigte sich besonders an Fastnacht. Junge Männer waren dann in Scharen unterwegs, vielfach aus Gemmerich und Dahlheim, sie klapperten die Dörfer ab, sammelten, vermummt oder unvermummt, Lebensmittel und Geld, um daheim die Haushaltskasse aufzubessern. Im Juni 1932 entschloss sich auch die Gemeinde Marienfels, einen freiwilligen Arbeitsdienst, entsprechend den Richtlinien der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung, einzurichten. Vom Arbeitsamt Niederlahnstein war das Aufräumen des Steinbruches und der Ausbau des neuen Weges als zuschussfähige Maßnahme genehmigt worden. Bis zu dreißig junge Männer, zumeist aus dem Kirchspiel, waren dann hier eingesetzt. Sie räumten mit Loren auf, verlegten Gleise, trugen zunächst die Schuttmassen ab, brachen Steine, womit der Neue Weg dann bis hinter den Hartenbecher gestückt wurde. Bisher war man mit der Befestigung dieses Hauptwirtschaftsweges bis zur Flur Füllscheuer gekommen. Er war im Jahre 1926 begonnen und jedes Jahr ein Stück weitergebaut worden.

Auf diesem Nährboden der allgemeinen Not, der Arbeitslosigkeit, den Versprechungen und Notverordnungen der Regierung, die dauernd umgebildet wurde, wuchs die Zahl der Mitglieder und Anhänger der NSDAP auch bei uns. Hoffnung auf eine bessere Zukunft und einen neuen Glauben an Deutschland konnte anscheinend am besten diese Partei dem Volk vermitteln. So war es zu verstehen, dass Millionen jubelten, als endlich Hitler Reichskanzler wurde und damit der Tag der Machtergreifung kam. Die meisten Einwohner aus unserer Gemeinde konnten nicht ahnen, welche Folgen dieser Tag haben würde. Wer hatte schon das Buch „Mein Kampf“ gelesen und es verstanden oder ernst genommen? Schon gar nicht wir 12- bis l4-jährigen Buben, die wir uns an diesem Montag, dem 30. Januar, am Schuleingang herumtrieben vor dem Nachmittagsunterricht. Noch stritten wir uns, je nachdem wie unsere Eltern eingestellt waren, so waren auch wir, und eine Balgerei um die Politik entbrannte. Unser Lehrer ließ sich nicht blicken, er hockte vor dem Radio. Endlich kam er dann angestürzt und rief: „Hitler ist Reichskanzler geworden! Lauft durchs Dorf und brüllt es auf der Straße, damit alle Leute es hören können!“" Denn die Radios waren nur ganz vereinzelt vorhanden. Wir waren froh, der Unterricht fiel aus, und wir zogen schreiend durchs Dorf.

Wohl keiner war auch politisch so informiert wie unser Lehrer Wilhelm Henn. Tägliches Lesen im „Koblenzer Generalanzeiger“ und das schon 1928 angeschaffte Radio vermittelten ihm beste Kenntnisse des Geschehens. 1907 hatte er hier seine Stelle angetreten. Er war ein echter Sohn des Westerwaldes, ein echter Patriot, der Deutschen Volkspartei angehörend. Sehr oft zum Stecken greifend, unterrichtete er nach der alten preußischen Methode. Alles musste bei ihm klappen, sowohl der Gesang in der Kirche, wo er die Orgel spielte, als auch bei sportlichen Wettkämpfen, bei denen die Schule Marienfels immer vorne lag. Sein Verhältnis zu dem langjährigen Pfarrer Bingel war ziemlich reserviert, wie auch das der beiden Familien untereinander. Bienenzucht und Skatabende waren sein Hobby. Wenn der Lehrer und der Pfarrer durchs Dorf gingen, war die Straße gesäubert von uns Kindern. Sobald wir eine Glatze oder früher einen schwarzen Gehrock sichteten, flitzten wir in Verstecke. Denn, wurde mal einer erwischt, war immer ein Auftrag reif: Hol mir mal Zigarren! Geh mal mit zum Bienenhaus oder zum Garten! Jedenfalls herrschte kein so gutes und freies Klima zwischen Erziehern und Kindern wie heute. Leider, leider. Wenn ein Lehrer fast 50 Jahre im Dorf tätig war, dann hatte er 2 Generationen mitgeformt und auch mitgeprägt.

Wer nun glaubte, durch den Machtwechsel hätte es auch eine Wende zum Besseren gegeben, der wurde enttäuscht. Noch war Not im Land. Neben dem schon vorher erwähnten Freiwilligen Arbeitsdienst wurden nun auch die noch intakten landwirtschaftlichen Betriebe angespornt zum Aufnehmen von Landhelfern. Es wurde erkannt, dass unsere fast landwirtschaftlich ausgerichteten Dörfer noch nicht so schlecht strukturiert waren wie andere Orte mit vielen Arbeitern. So kam es, dass 1933 und 1934 Landarbeiter aus den Orten des Unterwesterwaldkreises, aus Hübingen, Hömberg und Hillscheid, den hiesigen Landwirten zugeteilt wurden. Zwischen den jungen Männern und ihren Arbeitgeberfamilien entwickelte sich in dieser Zeit rasch ein harmonisches Verhältnis. Doch ganz so einfach begann das Wirken der Nazis nicht überall. Die Hauptgegner mussten unschädlich gemacht werden, auch hier in Marienfels gab es Konflikte und Risse in den Familien und im Gesangverein. Das 25jährige Bestehen des MGV „Eintracht“ war Anlass für ein großes „Sängerfest mit nationalem Gesangwettstreit“. Dieses Fest, das von Samstag, dem 8. bis Montag, dem 10. Juli 1933, begangen wurde, war noch einmal ein Höhepunkt im Vereinsleben, wobei man alle politischen Unstimmigkeiten außer Acht ließ. Schon der Kommersabend am Samstag war ein Erlebnis. Vom Vereinslokal Schäfer aus zogen unter Vorantritt der Feuerwehrkapelle Miehlen der gastgebende Verein mit den Nachbarchören aus Miehlen, Niederbachheim, Kehlbach, Dessighofen sowie der MGV „Arion“ Wiesbaden-Dotzheim zum Festplatz im „Boden“. Hier war ein großes Zelt errichtet worden, zu dem man hinter der Scheune von Wilh. Singhof über eine Rampe aus Bohlen gelangte, da das Gelände tiefer lag als die Ortsstraße. Das ganze Dorf war dort mit den Gästen versammelt. Die Ansprache hielt Lehrer Henn. Den Festprolog sprach Lina Hartmann, die Tochter des Vereinspräsidenten, und sie überreichte dann im Namen der Festjungfrauen eine Fahnenschleife. Die Sänger aus Wiesbaden-Dotzheim hatten alle im Dorf freie Quartiere gefunden. Mit herrlichem Wetter begann der Sonntag. Zu Fuß oder mit Autos trafen gegen Mittag die auswärtigen Chöre ein. Alle wurden an den Ortseingängen begrüßt, wozu wir Schulbuben mit den Schildern und dem jeweiligen Vereinsnamen bereitstanden, um, unter Vorantragung des Schildes, den Verein zu führen. Mir war das Schild für den MGV aus Oberwallmenach übertragen worden, und wie stolz war ich, als mir für die Mühe vom Vorsitzenden 2 Mark in die Hand gedrückt wurden. Bei strahlendem Sonnenschein setzte sich dann um 14 Uhr ein großer Festzug mit Festjungfrauen, Ehrengästen, 17 Vereinen, die am Wettstreit teilnahmen, und noch 12 anderen Gastvereinen durch die Ortsstraße in Bewegung. Es waren fast 1.200 Personen, die mit der Musikkapelle zum Festplatz zogen. Wir Buben trugen wieder stolz die Schilder der einzelnen Vereine durch die Straßen bis zum Festzeit voran. Das Protektorat der Feier, heute würde man Schirmherrschaft sagen, hatte Graf Albrecht von Kanitz übernommen. In dessen Auftrag hielt Pfarrer Hahn die Ansprache. Er ging darin auf die reiche Geschichte des Ortes ein und hob die Bedeutung des Gesanges in einem nationalsozialistischen Deutschland hervor. Es war selbstverständlich, dass mit einem dreifachen Siegheil auf die großen Führer des Volkes, Hindenburg und Hitler, und dem Absingen der Nationalhymne die Festansprache ausklang. Der Gesangwettstreit in den einzelnen Klassen zog sich dann bis zum Abend hin. Bei der Verleihung der Preise gab es noch einige heiße Diskussionen und Verärgerungen, die aber dann, als die Kapelle zum Tanz aufspielte, beendet waren. Am Tage darauf um drei Uhr nachmittags zogen die Sänger wieder mit der Kapelle, den Einwohnern und den Gästen vom Vereinslokal aus zum Festzelt. Es herrschte eine drückende Hitze. Gegen Abend entlud sich dann ein schweres Gewitter mit gewaltigem Regen, doch den Festausklang konnte es nicht allzuviel behindern. Bei Wein und Bier, bei Gesang, Tanz und froher Laune wurde weiter gefeiert. Es waren schöne Tage, dieses große Sängerfest, sie brachten viel Arbeit, Mühe und auch viel Freude. Die intakte Dorfgemeinschaft hatte noch einmal ihren Höhepunkt. Nicht unerwähnt darf bleiben, dass für die Bewirtung an diesen Tagen einmütig die Gastwirte Theodor Schäfer und Karl Wiegand gesorgt hatten. Für 25-jährige Treue im Chor wurden Karl Hartmann und Wilhelm Kirsch mit der Silbernen Sängernadel und einer Urkunde ausgezeichnet, und auch zu Ehrenmitgliedern wurden sie ernannt. Weitere Ehrenmitglieder wurden noch die Sänger Karl Debus, Wilhelm Ansel und Albert Emmerich. Festvorsitzender für diese Tage war der Sänger Julius Laux. Wie gut das Fest verlaufen war, zeigte sich bei der Versammlung am 6. August 1933. Infolge der „guten finanziellen Lage“ konnte der Mitgliedsbeitrag für Aktive auf 10 Pfennige und für Inaktive auf 25 Pfennige gesenkt werden. Doch nun waren die Jahre der freien Entfaltung, der demokratischen Gepflogenheiten endgültig vorbei. Im September wurde auch der Gesangverein „gleichgeschaltet“ und es kamen immer mehr Einschränkungen. Bei der Generalversammlung am 5. Januar 1934 wurde schon nicht mehr ein Vorstand gewählt, die Mitglieder im „Führerrat“ wurden vom Vereinsführer bestimmt. Der Führerrat des MGV „Eintracht“ Marienfels setzte sich danach zusammen aus dem Führer Karl Hartmann, dessen Stellvertreter Julius Laux, dem Schriftführer Albert Sommer und dem Kassenwart Heinrich Bauer sowie den Beisitzern Wilhelm Hasselbach, Julius Huth II, Wilhelm Kirsch und Paul Debus. Chorleiter war Adolf Schild.

Die Gleichschaltung, d. h. die Durchsetzung des Führerprinzipes, erfasste nun alle Vereine, Verbände und auch die Kirche. Dadurch ausgelöst kam es auch zur Spaltung der Evangelischen Kirche. Während der größte Teil der Pfarrer als Deutsche Christen dem Reichsbischof Müller unterstanden und damit Hitler und das Regime bedingungslos anerkannten, hatte sich ein kleiner Teil um Pfarrer Niemöller als Bekennende Kirche vereinigt. Hier in Marienfels bekam man von diesem „Kirchenkampf“ weniger mit, da Pfarrer Hahn überzeugter Anhänger von Hitler war und daher die Ansichten der Deutschen Christen vertrat. Es war auch selbstverständlich, dass dieser junge Pfarrer recht bald Freunde bei den Parteigenossen und Mitläufern im Ort gefunden hatte und nun auch half, nach der Machtübernahme und Gleichschaltung auch hier eine Wende herbeizuführen. Dabei geriet zuerst der seit 1924 amtierende Bürgermeister Karl Heimann in die Schusslinie. Er wurde, da „politisch nicht zuverlässig“, am 1. März 1934 amtsenthoben. Vor diesem Tag lag ein Jahr voller Verleumdungen, Denunzierungen und Schikanen. Das Bürgermeisteramt wurde dem 1. Beigeordneten Karl Wiegand übertragen. Der Gemeinderat setzte sich damals so zusammen: Bürgermeister, jetzt Dorfschulze genannt, war Karl Wiegand. Die Gemeinderäte, jetzt Dorfälteste genannt, waren Adolf Clos, Willy Bauer, Wilhelm Bingel, Emil Heinz und Wilhelm Neidhöfer. Schöffen waren Karl Debus und Ernst Kaiser. 1936 wurde die Ortsstraße (heutige Römerstraße) in Makadam-Bauweise instandgesetzt. Diese nun vielbefahrene Straße befand sich in einem sehr schlechten Zustand, geschottert, voller Löcher und mit defekten Rinnen. Nach dem Ausbau hatte sie eine Asphaltdecke und Bordsteine mit Rinnen. Dagegen war die Landstraße nach Dachsenhausen und nach Miehlen immer noch geschottert, gewölbt und holprig. Eine Teerdecke erhielt sie erst später.

Karl Wiegand, in diesen Jahren Bürgermeister, war nun der nächste, der die offenen und versteckten Pfeile einer Gegnerschaft zu spüren bekam. Er wurde dann, als der schon lange zu diesem Amt erkorene Parteigenosse und Stützpunktleiter Willi Debus endlich das erforderliche Alter erreicht hatte, von diesem im Januar 1937 abgelöst. Am 1. März 1937 wurde Willi Debus durch Landrat Brunnträger als Bürgermeister eingeführt. Der Gemeinderat setzte sich nun wie folgt zusammen: 1. Beigeordneter Theodor Hendorf, Ratsmitglieder: Theodor Kaiser, Wilhelm Hasselbach, Theodor Schäfer und Willy Bauer. 2. Beigeordneter blieb weiterhin Ernst Kaiser. Ende 1935 hatte auch Pfarrer Hans Hahn Marienfels verlassen, um anderswo eine Pfarrstelle zu übernehmen. Besonders bei der Jugend wurde sein Weggehen sehr bedauert.

Gleise Auch die Anstrengungen zu einer größeren gewerblichen Entwicklung sollen nicht unerwähnt bleiben. Wie auch schon vor dem ersten Weltkrieg, so auch danach, ließ Bürgermeister und Schreinermeister Christian Schmidt nichts unversucht. Mit dem schon erwähnten Interessenten aus Dresden wurde nach der Inflation noch einmal wegen des Sauerbrunnens Verbindung aufgenommen, doch kam jetzt nichts mehr zustande. Ansätze für eine gewerbliche Nutzung des Sauerbrunnens gab es noch einmal in den 1930-er Jahren und 1970, als ein Unternehmer in der Kesselwiese ein Schwimmbad mit Campingplatz errichten wollte. Heute ist es ruhig geworden um den Sauerbrunnen, doch das Wasser sprudelt wie früher und wird zum Haustrunk geholt. Auch haben wir schon die Grube Horchberg erwähnt. Im Jahre 1933 wurde diese Grube wieder in Betrieb genommen, es wurde wieder Schwerspat gefördert. Die Stollenanlagen wurden erweitert, ausgebaut und mit Gleisanlagen versehen. Eine Abfuhrrampe entstand und andere bauliche Teile und es fanden etwa 15 - 20 Männer Beschäftigung. In dieser wirtschaftlichen Notzeit war die Eröffnung des Grubenbetriebes für den Ort ein wichtiges Ereignis und er brachte Hoffnung auf ein gesichertes Einkommen für Arbeiter und auch für die Gemeinde. Mit der Nassauischen Kleinbahngesellschaft wurde Verbindung aufgenommen und es wurden Pläne vorgelegt über einen Gleisanschluss über den Bahnhof Marienfels vor dem Abbau der gesamten Strecke Miehlen - Braubach. Zum Ende des Jahres kam der Grubenbetrieb aus Kapitalmangel und fehlender staatlicher Förderung wieder zum Erliegen.

In Marienfels waren auch immer Wirtshäuser vorhanden. Sie waren nicht für die Beherbergung von Gästen eingerichtet, erfüllten ihren Zweck aber durch den Ausschank von Getränken, Wein, Bier und Schnaps, in einer Wirtsstube. Da war schon einmal eine Wirtschaft in dem alten Wohnhaus der Familie Weis, Mühlbachstraße 13, das einem Neubau weichen musste. Ebenfalls gab es in dem heute umgebauten und erweiterten Wohnhaus der Familie Kraus, Römerstraße 18, eine Wirtschaft. Noch in besserer Erinnerung ist der Betrieb eines Gasthofes in dem heutigen Gehöft der Familie Jacobi, Römerstraße 9, unter „Beckers Katherien“. Von ihr war bekannt, dass sie gerne aufschrieb um nachher größere Summen oder auch Grundstücke kassieren zu können. Zu dieser Wirtschaft gehörte eine Schnapsbrennerei mit einem darüber errichteten kleinen Saal. Einen größeren Saal hatte das Gasthaus Clos in dem heutigen Anwesen der Familie Heinz, Römerstraße 26. Es konnte auch ein paar Fremdenzimer anbieten. Diese Gastwirtschaft von „Schneirersch Anna“ wurde dann, als der einzige Sohn 1918 gefallen war, von dem Nachbarn Karl Wiegand im Jahre 1920 übernommen. Seitdem existiert dieses Gasthaus „Zum Mühbachtal“. Es wurde umgebaut und wird heute von Artur Wiegand als einzige Gaststätte im Ort betrieben. Als der Betrieb der Nassauischen Kleinbahn aufkam, erbaute Karl Schäfer um die Jahrhundertwende das „Gasthaus zum Bahnhof“. Es bestand mit ein paar Fremdenzimmern und einem größeren Saalbau bis 1965, wurde dann aufgegeben, als der Gastwirt Theodor Schäfer mit Ehefrau nach Nastätten zog. Heute ist das Anwesen der Frau Pense ein Mehrfamilien-Wohnhaus in der Römerstraße 7.

Genau so wenig wie ein Fremdenverkehrsbetrieb sich im Ort entwicklte, war es auch bei den Handwerksbetrieben. Es gab immer Schuster, Schmiede, Wagner, Schneider, Schreiner, Maurer, darunter waren sehr tüchtige Handwerksmeister - so arbeitete der Schreiner Schmidt 1913 mit vier Gesellen - doch kein Betrieb entwickelte sich weiter. Oft waren es familiäre Verhältnisse, meistens aber die Sehnsucht, auch eine eigene und größere Landwirtschaft zu besitzen, die keine Betriebserweiterung aufkommen ließen.

In den Jahren 1936 bis 1938 hatte Hitler einen Erfolg nach dem anderen zu verzeichnen: Das Saarland wird deutsch, die Olympiade findet in Berlin statt, die neue Wehrmacht marschiert ins Rheinland ein, es gibt pompöse Reichsparteitage in Nürnberg, die Volkswagen und Volksempfänger kommen. In den Augen vieler schien es, als ob Deutschland nun einen Führer bekam den Gott selber gesandt hatte. Der Bau der Reichsautobahnen begann, die Zahl der Erwerbslosen ging rapide zurück, um dann, beim Beginn der Aufrüstung, ganz zu verschwinden. Maurer und andere Handwerker fanden Verdienst und Einkommen beim Bau der Kasernen in Koblenz und Lahnstein. Und doch spürten alle Einwohner die allgegenwärtige Macht der Partei. Das Winterhilfswerk trat in Tätigkeit und der Eintopfsonntag. Bei uns wohl nicht so streng gehandhabt, dennoch vereinzelt wurden die Familien beim Essen kontrolliert. Im März 1935 war die allgemeine Wehrpflicht eingeführt worden, und im Juni wurde aus dem bisherigen freiwilligen Arbeitsdienst der Reichsarbeitsdienst, den alle jungen Männer sechs Monate ableisten mussten. Das große Aufrüsten war im Gang, und die ersten jungen Bürger aus unserer Gemeinde wurden einberufen. Daneben lief das Dorfleben ganz im Sinne der Machthaber, alles war geregelt, alles befohlen, auch die Feste. Der 1. Mai wurde zu einem Tag der persönlichen und nationalen Verherrlichung, ebenso das Erntedankfest. Jeder war gezwungen zu erscheinen und mit Fahnen am Haus dem Regime zu huldigen. Und dann die Jugend. An jedem Sonntag war Dienst im Jungvolk, in der Hitlerjugend oder in dem Bund deutscher Mädchen. Immer war etwas los, militärische Spiele in Wald und Feld, Apelle und Besichtigungen in Miehlen oder Nastätten. Wen wundert es da noch, wenn wir genug hatten von den Schikanen der HJ-Führung in Miehlen und Nastätten und es uns schließlich bis oben stand, wir traten im Herbst 1936 aus der HJ aus. Diesen Schritt tat der Chronist, Jahrgang 1920, mit noch fünf gleichaltrigen Schulkameraden. Es war ein gewagtes Unternehmen. Anderenorts wäre es ein Vergehen gegen die „Bewegung“ gewesen, hier blieb es bei dauernden Vorladungen und Beschwörungen zur Rückkehr, vielleicht auch aus Angst vor unseren Eltern. Wie schon erwähnt herrschte in Marienfels keine so strenge Diktatur, und es gab keine so verbohrten Fanatiker wie anderswo. Doch zu spüren bekamen wir den Schritt doch, keine Jugendherbergsausweise, keine Teilnahme am Reichsberufswettkampf, im Krieg keinen Kontakt mit der Heimatfront (NS-Führung), überall eine gewisse Isolierung. Einem eindringlichen Werben der Partei und ganz besonders der Schwarzen SS von Miehlen zum Eintritt in ihre Reihen kamen wir nicht nach.

Wie schon erwähnt: Das Naziregime konnte bei unseren Landwirten nie so recht ankommen. Obwohl auch nach dem Reichserbhofgesetz von 1933 aus den landwirtschaftlichen Betrieben nun Erbhöfe und aus den Landwirten Bauern wurden, so drang die Idee von Blut und Boden doch nicht in alle Hirne. Anders als im Umfeld des Kreisbauernführers Clos mit großer Verwandtschaft und vielen Freunden, standen die meisten Bauern und Landwirte der „Bewegung“ reserviert gegenüber. Zu Erbhöfen nach dem Gesetz und dem Vorhandensein einer bestimmten Mindestgröße (Ackernahrung), die für Marienfels etwa 7 ha betrug, wurden in Marienfels 9 Betriebe. In diesen Jahren konnte sich die Landwirtschaft, oder besser gesagt, das Bauerntum, eines besonderen Schutzes erfreuen. Walter Darr, Reichsbauernführer und Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft: „Die einzig wirkliche Blutsquelle des Volkes ist das Bauerntum. Bauerntod bedeutet Volkstod. Wir sehen im deutschen Grund und Boden den Garanten einer ausreichenden Ernährung unseres Volkes, vor allem aber den gesunden Untergrund zur Erhaltung und Mehrung seines guten Blutes!“ Es kamen nun die Erzeugungsschlachten auf allen Gebieten. Flachs wurde wieder angebaut und weiterverarbeitet. Die Schafzucht wurde verstärkt und ein Gemeindeschäfer, Cölestin Heinz, unter Vertrag genommen. Ja, man versuchte auch, die Schweine auf die Weide zu treiben. Mit welchem Stolz hat der alte Schäfer Karl Hartmann damals wieder seine Ausrüstung geputzt und „gewienert“ angelegt und mit blankem Horn zum Austrieb geblasen. Doch dieses Schweineaustreiben, zumeist in den Wald am Bergerbach, hielt nicht lange an. Spinnräder wurden von den Speichern geholt und kamen wieder in Betrieb. Alte Trachten, bisher vergessen, fanden wieder Anklang, wie überhaupt altes Brauchtum mehr und mehr in den Dörfern gepflegt wurde. Es war, als hätte ein frischer Wind, ein Frühlingsstürmen alles alte und kranke bisherige Leben verweht, und ein neuer Geist sei nun da. Überall Erfolge, Feste, Kundgebungen, Jubel und überall Gesang. Zu keiner Zeit wurde so viel gesungen, wie in diesen Jahren. Nicht nur beim Arbeitsdienst, beim Wehrdienst „Ein Lied, zwei, drei, vier ... “ überall wo Gruppen zusammen waren, nicht nur bei der organisierten Jugend, HJ und BdM, erklangen Lieder. Wenn es abends zum Tanz ging, wurde gesungen, wie auch beim Zusammensein am Sauerborn oder sonstwo.

Und doch war das alles nur die eine Seite in diesen Jahren, die schöne und gute des Januskopfes Nationalsozialismus. Ein großer Teil der Bevölkerung ließ sich blenden und mitreißen, und doch gab es auch unter unseren Vätern viele, die argwöhnisch das Unheil schon witterten. In unserem Dorf gab es keine Juden, deshalb mussten Andersdenkende als Ersatz herhalten. Denn irgendeinen Gegner musste es doch geben, den man bekämpfen musste und den man schikanieren konnte. Da war zunächst die Familie Hollweg. Frau Hollweg war als Kriegerwitwe mit neun Kindern 1918 von Remscheid nach Marienfels gekommen. Frau Hollweg war überzeugte und eifrige Anhängerin der Ernsten Bibelforscher, den heutigen Zeugen Jehovas. Von ihren Kindern nahm besonders der im Jahre 1910 geborene Max die Lehre ernst. Er war es dann, der immer wieder verhaftet, verhört und schließlich in einem KZ einsitzen musste. Glücklicherweise konnte er diese schreckliche Haftzeit überstehen und danach in der Nähe von Paderborn eine neue Heimat und Existenz finden. Ein anderer Einwohner, der in dieser Zeit zu leiden hatte, war Michael Zywiki. Dieser aus dem heutigen Polen stammende Ingenieur war beim Bau der Nassauischen Kleinbahn eingesetzt. Aus einer alteingesessenen Marienfelser Familie holte er sich seine Ehefrau und gab als strenger Katholik nirgends Anlass zu Unruhe oder Klagen innerhalb der Dorfgemeinschaft. Vielleicht war es gerade dieses, das zurückgezogene Leben, der Katholik mit dem polnisch klingenden Namen, jedenfalls, er wurde mehr und mehr Zielscheibe von Hass und Verfolgungen. Absingen von Kampfliedern gegen den „Bolschewiken“ vor seinem Haus, Einwerfen von Fensterscheiben und andere Taten zeugten von einer Verhetzung, die aus Dummheit und Rohheit geboren war. Wir hatten keine Juden in der Gemeinde und doch bestand mit den Viehhändlern und Krämerleuten aus Miehlen und Geisig bis in diese Jahre ein gutes Verhältnis zu unseren Einwohnern und besonders den Landwirten. Wir Kinder waren immer froh, wenn wir nach ihrem Passahfest Mazze mitgebracht bekamen. Doch nach und nach wurde der Umgang mit diesen auswärtigen Juden schwieriger und schließlich getraute sich keiner mehr, einen in das Haus oder den Stall zu lassen. Überall wurden die „Pranger“ aufgestellt, worinnen über die „Schandtaten“ der Einwohner berichtet wurde. In Marienfels gab es keinen solchen, doch wie auch überall sonst, wurde hier ein „Stürmerkasten“ installiert, in dem ab 1937 regelmäßig das Antijudenorgan „Der Stürmer“ ausgehängt wurde.

Wie war das nun mit der „Reichskristallnacht“ bei uns? Nachdem am 7. November 1938 in Paris der deutsche Botschafter Ernst vom Rath von einem l7-jährigen Juden erschossen wurde, gab Hitler in einer Rede zum Gedenken des 9. November 1923 das Signal zur Rache. Unbemerkt von der Öffentlichkeit war die Anweisung zum Vergeltungsschlag an die SA ergangen, und deshalb ist es auch erklärlich, weshalb diese Aktion so schlagartig und plötzlich durchgeführt werden konnte. Die Bevölkerung wusste von nichts. Sie erfuhr es erst, als es splitterte und krachte oder erst, wie der Verfasser, am nächsten Morgen. Wie an jedem Tag, waren wir auch an diesem Morgen zu dritt oder viert mit unseren Fahrrädern unterwegs zur Landwirtschaftsschule in Nastätten. In Miehlen angekommen, sahen wir dann ab dem Frisörgeschäft Blies das schreckliche Ausmaß der Zerstörungen. Zunächst waren am Geschäft und Wohnhaus Friedberg die Fensterscheiben eingeschlagen, die Straße lag voller Scherben und Einrichtungssachen. Wir mussten unsere Fahrräder auf die Schultern nehmen und durch Miehlen tragen. Denn so wie hier bei Friedberg, sah es überall aus, wo Juden wohnten. Nach einer bangen Frage unsererseits wurde uns erklärt: „Hejt Nocht honns die Jurre mohl krejt“. Wie in Miehlen, war es auch in Nastätten. Wieder mussten wir ab dem Ev. Pfarrhaus die Räder auf die Schultern nehmen, und an der Synagoge war fast kein Durchkommen. Ich kann mich nicht entsinnen, dass diese grauenvolle Nacht in der Schule oder beim Unterricht überhaupt erwähnt wurde. Zu abgebrüht oder auch eingeschüchtert war die Bevölkerung. Täter und auch Helfershelfer wurden nie richtig ermittelt und manch einer, der zufällig dabei war oder bewusst sich an fremden Eigentum vergriff, tauchte im Dunkel der Nacht unter. Mit der Zeit wuchs Gras über die Angelegenheit. Doch für die Juden war diese Nacht vorerst der bittere Höhepunkt einer jahrelangen Volksverhetzung, die sich dann bis zu dem grauenvollen Ende noch steigerte.


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