Kapitel 11   –   Der Ort Marienfels

Abschnitt 6   –   Marienfels zu Beginn des 20. Jahrhunderts



Es mutet heute fast wie ein Kuriosum an, dass am Anfang einer beginnenden Motorisierung über die Jahrhundertwende hinweg eine Kleinbahn oder kleine Gebirgsbahn in unserem Gebiet gebaut wurde. Überall in deutschen Landen liefen schon die Eisenbahnen. Ab 1893 wurde nun eine solche Verbindung zwischen Rhein und Aar, zwischen den großen Strecken und dem Hinterland geplant. Mit dieser Bahn erhoffte man sich einen Anschluss an die wirtschaftliche Entwicklung, Erschließung der Bodenvorkommen, wie Kalk, Ton, Schwerspat u. a., Vermarktung des Mineralwassers und besseren Verdienst für die Bevölkerung. Deshalb wurden auch die anfänglichen Widerstände gegen den Bahnbau bald ausgeräumt, Vermessung und Landabgabe konnten durchgeführt werden. Der Bau brachte Handel und Wandel ins Dorf. Viele Italiener waren im Ort einquartiert und ließen einen Teil ihres Lohnes hier. Das Bahnhofsgelände wurde angelegt mit Nebengleis, eine beidseitige Zuwegung und das Bahnhofshotel (später Gasthaus Schäfer) entstanden. Bau und Betrieb der Bahn waren in diesen Jahren das Gesprächsthema Nr. 1.

Kleinbahn Lange Zeit setzten die Arbeiten aus, auf dem Bahndamm wuchsen Gras und Disteln, und für Monate gähnte die große Öffnung in der Bruchwiese zwischen den großen Brückenpfeilern. Lehrer Kaiser schreibt: „Wenn's in dem Tempo weitergeht, läuft die Bahn in zehn Jahren noch nicht“. Doch 1902 war es dann so weit, am 10. Juli konnte die Strecke Miehlen-Braubach in Betrieb genommen werden. Die Schwierigkeiten begannen aber schon, ebenso wie die Sorgen. Die Strecke Marienfels - Braubach war infolge der vielen Schleifen und Talumgehungen zu lang und damit auch die Fahrzeit. Sie betrug von Marienfels nach Braubach oder umgekehrt 1,5 Stunden. Doch die Eröffnung der Bahnstrecke wurde als das Jahrhundertereignis von den Einwohnern gefeiert, in jedem Ort an der Bahnstrecke. Auch der Bahnhof Marienfels wurde zu einem Festplatz, nachdem die Strecke fertig war. Alle sind hier versammelt, die Eltern, die Schulkinder mit ihrem Lehrer Kaiser und der Bürgermeister Zeilinger mit seinem Gemeinderat. Erwartungsvoll blicken alle in Richtung Miehlen, dann hören und sehen sie ihn kommen, den Zug. Mit Pfeifen und Läuten, vorschriftsmäßig, wie es die Schilder befehlen, die kurz vor dem Bahnhof und an den Straßenübergängen stehen, naht die Bahn und steht. Erfürchtig wird die Lokomotive bestaunt, die nun qualmend ausruht, und dann öffnen sich die Türen an den beiden Wagen, Landrat Berg mit Gefolge entsteigt und betritt Marienfelser Boden. Die Kinder singen ein Lied, Bürgermeister Zeilinger spricht einige Begrüßungsworte, der Landrat hält eine kurze Ansprache. Dann trägt Henriette, die Tochter von W. Zeilinger, ein Gedicht vor, wonach der Landrat bemerkt: „Herr Bürgermeister, haben Sie da aber eine schöne Tochter“, sich bei allen bedankt und mit Gefolge wieder einsteigt. Der Zug, der auch festlich geschmückt ist, fährt nun den winkenden und Fähnchen schwingenden Einwohnern in Richtung Ehr davon, ohne das Läuten und Pfeifen beim Überfahren des Markersweges zu vergessen.

Die großen Hoffnungen, die man diesem Bahnbetrieb entgegenbrachte erfüllten sich nicht. Wohl war der Güterverkehr in die Dörfer unserer Heimat nun besser geworden. Landwirtschaftliche Produkte konnten besser bezogen und auch versandt werden. Am Bahnhof wurde Vieh aus- und eingeladen, Dünger und Kohlen und Baumaterial abgefahren und nach der Ernte die Frucht und Äpfel. Am Bahnhof war immer etwas los, und so war es selbstverständlich, dass dieses Gelände auch seit Beginn ein beliebter Tummelplatz der Buben war. Nachmittags, wenn die Schulaufgaben gemacht oder nicht gemacht waren, ging es zum Bahnhof. Höllisch vorsehen mussten wir uns nur vor dem „Döppe Philipp“ von Miehlen, dem Philipp Groß, der Streckenwärter auch vom Bahnbetrieb in Marienfels war. Ich kann mich noch entsinnen, wie wir als kleine Dötze den Kopf auf die Schienen legten, um dann mittels Ohr und Gleis das Herankommen des Bähnchens vor Ehr zu vernehmen.

Schlimmer wurde das Treiben der Dorfjugend dann, als der Bahnbetrieb nachließ. Da war der Rottenwagen, der den Arbeitern zum Transport von Bahnmaterial und Werkzeugen diente und geschoben werden musste, nicht mehr sicher. War keine Gefahr durch den „Döppe Philipp“ gegeben, dann wurde der Rottenwagen etwa bis zum Hochbehälter in der Seit geschoben, alle Mann setzten sich drauf und mit Hurra ging die Fahrt über den Bahnhof, über den Miehler Weg, über die Brücke, bis im Seien die Strecke wieder anstieg und der Wagen zum Stehen kam. Es war ein gefährliches Spielwerk, diese Kleinbahn, und oft wurde auch auf Anklage von Philipp Groß im Schulsaal durch Lehrer Henn nach kurzer Gerichtsverhandlung auch gleich das Urteil vollstreckt. Meist war es dann mit dem Sitzen recht unbequem.

Wie schon gesagt, die Nassauische Kleinbahn A. 0., oder wie sie nach den großen Buchstaben auf Lokomotive und Wagen, N.K.A.G., auch „Not-, Kummer-, Angst- und Gefahrbahn“ genannt wurde, hatte von Beginn an Schwierigkeiten. War der Güterverkehr noch einigermaßen rentabel, besonders in den Kriegsjahren und danach, so wurde der Personenverkehr recht schnell rückläufig. Keiner konnte ahnen, dass der mit Erdöl betriebene Vergasermotor so schnell die Dampfkraft ablösen und die alles beherrschende Antriebskraft für allen Verkehr auf dem Land, Wasser und in der Luft werden würde. Man hatte das 20. Jahrhundert ja gerade erst begonnen.

Am 9. Juli 1902 fuhr Christian Wiegand aus Marienfels zum letzten Mal mit seiner Pferdekutsche, die der Postsachen- und Personenbeförderung diente, über die Strecke Miehlen - Marienfels - Dachsenhausen nach Braubach. Laut Anordnung der Kaiserlichen Oberpostdirektion wurde diese Beförderung aufgehoben. Das Postkutschen-Zeitalter war endgültig vorbei, die Neuzeit hatte auch unser Dorf erreicht. Privat fuhr wohl Christian Wiegand in den nächsten Jahren noch oft nach Braubach, holte Sommerfrischler und Jagdherren und fuhr sie wieder zurück. Er starb 1933. Sein Sohn Karl, der 1920 die Gastwirtschaft von Anna Clos geb. Bauer übernommen hatte, war noch öfters mit dem Fuhrwerk unterwegs.

Bus Für die Nassauische Kleinbahn, insbesondere für die Strecke Nastätten - Braubach, begann ein langsames Sterben. Der aufkommende Kraftwagenverkehr auf der neugebauten Braubacher Chaussee überrollte bald das Bähnchen, bis dann 1932 der Betrieb ganz eingestellt und danach die Gleisanlagen abgebaut wurden. Bald nach dem ersten Weltkrieg waren es private Unternehmer von Lahnstein, wie Arzheimer und Kring, die mit ersten Omnibussen diese Strecke befuhren, bis dann 1929 die Post die Verkehrsbedienung zwischen Nastätten und Lahnstein übernahm.

Zwei andere Ereignisse waren um 1900 noch für den Ort Marienfels bedeutungsvoll. Über die Reichsgrabungen, die unter dem Streckenkommissar Prof. Bodewig stattfanden, haben wir schon in einem früheren Abschnitt berichtet. Die Renovierung und vollständige Neufassung des Sauerbrunnens war das andere wichtige Geschehen in diesen Tagen. Nachdem 1832 der bisher gemeindeeigene Sauerbrunnen in staatlichen Besitz kam, hat sich am Brunnen selbst späterhin nicht viel verändert. Es blieb ein Schöpfborn, aus dem sich jeder das Wasser holen konnte. Denn beim Verkauf war ins Stockbuch (später im Grundbuch) eingetragen worden, dass die Einwohner von Marienfels auf „ewige Zeiten“ das Recht auf jederzeitige und freie Wasserentnahme besitzen sollen. Schon vorher waren Bestrebungen im Gange, das Wasser gewerblich zu verwerten. So hatte ein Privatmann aus Hamburg großes Interesse gezeigt, doch es kam dem die Herzogliche Brunnenverwaltung zuvor und kaufte selbst den Brunnen auf. Aber alles blieb beim alten. Das Wasser wurde rege geholt, zumeist mit Krügen, und war ein billiger und gesunder Durstlöscher. Alljährlich musste der Brunnen ausgeputzt werden, denn es sammelte sich allerlei Scherben u. a. darin an, und es gab Verunreinigungen. Dass die Gemeinde Ehr für diese Brunnenreiniger den Handkäse stellen musste, haben wir schon vermerkt. Es wurde zum Ende des Jahrhunderts eine kostspielige und arbeitsaufwendige Umgestaltung des Sauerbrunnens geplant. Mit zu dieser Entscheidung trug auch bei, dass im Jahre 1899 in Berg der Unterleibs-Typhus ausgebrochen war und kurz hintereinander vier Personen starben. Ganze Familien lagen an dieser Krankheit danieder, und die Kinder konnten monatelang nicht die Schule besuchen. Deshalb wurde vorgesehen, dass das Wasser nicht mehr direkt geschöpft, sondern anderswie gezapft werden konnte. Nach dem Bahnbau arbeiteten jetzt viele Männer, zumeist Italiener, im Auftrag der Staatlichen Brunnenverwaltung hier. Der Quelle wurde nachgegraben in die Tiefe bis zum Schiefersgestein, sie wurde dort neu gefasst, eigentlich waren es drei Quellen, und das Wasser mittels Eisenrohren nach oben geleitet. Es entstanden zwei Kammern, eine, in der das Sauerwasser aus drei Rohren kommend, zusammengefasst wurde in kleinen Becken und der Abfüllkammer, in der nun die Schöpflöffel betätigt wurden zum Zapfen des Wassers. 12 Stufen führten hinunter und über diesen wurde ein kleines Häuschen errichtet, das heute noch steht. Die Ahornbäume, zuerst waren es vier, wurden wahrscheinlich schon nach der Consolidation von 1862 gepflanzt und spenden nun im Sommer Schatten und geben der ganzen Anlage ein idyllisches Aussehen.

Sauerbrunnen Doch die Jahre unter staatlicher Leitung brachten für Brunnen und Gemeinde nicht den Fortschritt, so wie ihn damals die Bevölkerung erhofft hatte. Auch kam es zu keinem Ergebnis, als 1913 ein Geschäftsmann aus Dresden sich ernstlich für den Brunnen interessierte und ihn ganz großartig verwerten wollte. Große Mühe zur Verwirklichung des Projektes gab sich noch einmal Bürgermeister Christian Schmidt (1914 - 1924), doch der Weltkrieg und die Not der Nachkriegszeit machten alle Pläne zunichte. Trotzdem wurden Versuche unternommen, das Wasser zu verwerten. Da war einmal eine Firma aus Bad Ems, die es abfüllte, und auch später die Emser Brunnenverwaltung, die sich mit Marienfelser Wasser aushalf, als in den Jahren vor dem 2. Weltkrieg die Emser Quellen zu versiegen drohten. Schon im Jahre 1766 urteilt ein Chemiker Hatzfeld nach einer Untersuchung: „Das Wasser enthält gute Minerale mit heilender Wirkung“. Eine Analyse aus unseren Tagen, gegeben von einem Fachinstitut in Wiesbaden, besagt eindeutig, dass das Wasser sich nicht vor anderen im Handel befindlichen Mineralwässern verstecken muss. Deshalb wollen wir hoffen, dass es noch recht lange sprudeln mag.

Marienfels hatte wohl gute Brunnen in jedem Haus, doch die Gesundheitsbehörde drängte wie überall auf zentrale Wasserversorgungen. Deshalb entstand auch hier eine Wasserleitung, die von einer Schürfquelle „in der Ehel“ gespeist wurde. Von einem Hochbehälter, der über dem Kaltenborn am Kleinbahndamm erbaut wurde, floss nun im Herbst 1906 zum ersten Mal das Wasser aus den Zapfhähnen. Zunächst hatte jedes Haus einen Wasserhahn, bessergestellt und damit schon fortschrittlicher war derjenige, der einen zweiten besaß. Dieser Stand der Wasserversorgung blieb bis nach dem zweiten Weltkrieg bestehen, wo dann Bäder und Toiletten im Haus und in den Ställen Selbsttränken aufkamen.

Dass man es auch verstanden hat, frohe Feste zu feiern, davon wurde immer wieder berichtet. Es waren manchmal Hochzeiten, die drei Tage dauerten und bei denen eine große Gesellschaft von Verwandten, Bekannten und Nachbarn reichlich an Speisen verzehrten und von den gebotenen Flüssigkeiten zu sich nahmen. 1906 wird von einer großen Hochzeitsfeier in Marienfels in der damaligen Lokalzeitung berichtet, die bei der Vermählung des einzigen Kindes eines vermögenden Landwirts mit dem nicht minder wohlhabenden Nachbarn gehalten wurde. Der geladenen und erschienenen Gäste waren sehr viele, darunter die Elite des Dorfes und der Umgebung. Zwei Rinder von je 800 Pfund und ein Schwein waren vorher geschlachtet worden und kamen nun wohlgebraten und zugerichtet mit den anderen Speisen auf die Tische. Ebenso wurde eine große Menge von Kuchen und Torten für das leibliche Wohl aufgeboten. Den Durst löschten neben anderen Getränken allein fünf Hektoliter Wein.

Notenblatt Die kommenden Jahre brachten allenthalben überall einen großen Aufschwung, Lehrer Kaiser schreibt: „Einen noch nie dagewesenen Wohlstand“. Zum Ende des Jahres 1907 wird auch in Marienfels eine Fernsprechstelle eingerichtet, in die Poststelle bei Chr. Schmidt kommt ein Telefon, und nach Lehrer Kaiser „ist Marienfels jetzt auch an den Weltverkehr angeschlossen“. Ein Ereignis aus dem Jahre 1908 darf nicht unerwähnt bleiben. Am 17. Januar kam es zur Gründung des Männergesangvereins „Eintracht“. 20 sangesfreudige Männer trugen sich an diesem Abend in das Vereinsregister ein mit dem Vorsatz, allwöchentlich eine Gesangstunde zu besuchen. Georg Hahn aus Miehlen hatte sich bereit erklärt, die Chorleitung zu übernehmen. Er wurde einstimmig zum Dirigenten gewählt und ihm 2 DM für eine Gesangsprobe bewilligt. Die Wahl des Vorstandes brachte folgendes Ergebnis: Vereinspräsident wurde Georg Lenz, Schriftführer Ludwig Kirsch und Kassierer Theodor Kaiser. Zu Beisitzern wurden Heinrich Hausen und Adolf Heimann gewählt. Die erste Gesangstunde fand am Donnerstag, dem 23. Januar 1908 im Vereinslokal Schäfer statt. Die Begeisterung für den neuen Verein im Ort war groß, Spenden gingen ein, und ein Theaterstück konnte gespielt werden. Schon am 25. März 1908 beschloss der Verein, 50 Mark beim Spar- und Darlehensverein Marienfels mit 4 % Zinsen anzulegen. Die Sänger- und Mitgliederzahl nahm laufend zu, und bis zum Ausbruch des Weltkrieges konnten verschiedene auswärtige Sängerfeste besucht und auch schon Preise errungen werden. Etwas ganz Neues war durch die Gründung des MGV „Eintracht“ allerdings nicht in Marienfels entstanden, denn dieser Verein hatte schon einen Vorgänger. Schon 1864 bei der Feier anlässlich des 25-jährigen Regierungsjubiläums von Herzog Adolph trat ein Singverein auf. Bei der Einsetzung von Pfarrer Harms 1879 sang der Gesangverein. Auch zum 50-jährigen Dienstjubiläum von Lehrer Frohneberg im Jahre 1893 wurde diesem vom Gesangverein ein Ständchen gebracht. Wann und warum dieser Verein sein Singen einstellte, war nicht festzustellen. Wir müssen uns daher nur an diese spärlichen Angaben aus der Schulchronik halten.

Werfen wir noch einen Blick in die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse des Dorfes. Wenn Lehrer Kaiser 1906 von einem „in Deutschland nie gekannten Wohlstand“ berichtet, dann trifft dieses nicht für alle zu, besonders nicht für diejenigen, die auf dem flachen Land, in dem hintersten Teil von Preußen wohnten. Die Landwirte, die über genügend Feld verfügten, mögen noch ganz gut daran gewesen sein, anders war es aber bei den kinderreichen Kleinbauern und Arbeiterfamilien. Denn mit der Verdienstmöglichkeit war es nicht weit her. Die Hütte in Braubach konnte nur eine beschränkte Anzahl von Arbeitern beschäftigen, ebenfalls die Weberei Kampf und Spindler, die sich seit 1907 in Nastätten niedergelassen hatte. Die Arbeitsplätze waren rar, die Arbeiten im Wald waren begehrt und viele betätigten sich als Tagelöhner. Doch es zeigte sich auch hier die selbst erhaltende Kraft eines Dorfes, die Solidargemeinschaft aller Einwohner, die so leicht niemanden fallen ließ. Wer es sich leisten konnte von den bessergestellten Landwirten, der hatte seinen Knecht oder seine Magd oder manchmal beides zusammen. Oft kamen der Junge und auch das Mädchen nach der Schulentlassung schon „in Stellung“ und „dienten“ Doch war dieses „Dienen“ nicht entwürdigend, es entwickelte sich daraus oft ein jahrelanges freundschaftliches Verhältnis. Ja auch später nach einer Verheiratung bestand oft ein besseres Einvernehmen mit den ehemaligen Dienstleuten, als mit der eigenen Verwandtschaft. Die Entlohnung war wohl schlecht, die Landwirte hatten selbst wenig „Bares“ auf der Hand, doch das Auskommen war gesichert, und man konnte unbesorgt ins Leben blicken. Nicht immer war der Arbeitsplatz angenehm, es gab Unstimmigkeiten und Hinterziehung besonders der Sozialversicherungsbeiträge, dann wurde gekündigt und beim nächsten „Wandertag“, dem Tag nach Weihnachten, umgezogen. Gehalten bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Anrede für den Dienstherrn „Hehr“. Dessen Ehefrau war aber keine „Hehrin“ sondern wurde mit „Jungfraa“ angeredet. Sie blieb für das „Gesinde“ die Jungfrau, egal welches Alter sie erreicht hatte.

Doch so rosig sich auch die allgemeine Lage jetzt zeigt, im Hintergrund erscheint eine gewaltige Aufrüstung mit der Angst und dem Ahnen um einen neuen Krieg. Noch ist es nicht so weit, noch gilt die allgemeine Ansicht: Wir sind doch wer, uns kann keiner! Das Militär war das alles beherrschende Element in Deutschland. Stolz ist jeder, der unter den Fahnen dienen konnte und das höchste des Glückes bedeutet eine Dienstzeit bei einem Garderegiment in Berlin. Bei Bewerbungen um eine Arbeitsstelle, immer schnarrte dem jungen Mann zuerst entgegen: „Haben Sie gedient?“ Preußische Zucht und Ordnung, Uniform, Schnauzbart und Gehorsam, hielten das Staatsgefüge zusammen. Wer wollte und konnte sich schon dagegen auflehnen? Das drückt sich auch aus bei den vielen großen Manövern, die in diesen Jahren in unserem Heimatgebiet stattfanden. Im Herbst 1900 wird uns von einem großen Manöver des 18. Armee-Corps berichtet, das von der Bevölkerung mit Begeisterung verfolgt wurde und dem Schulbetrieb in diesen Wochen sehr zu schaffen machte. Dann kam des große Kaisermanöver vom 21. August bis 15. September 1905, an dem das 8. und das 18. Armee-Corps beteiligt waren. Zum Glück war die Getreideernte beendet und die Leute hatten Zeit, um das Treffen der beiden „feindlichen Armeen“ um die Endlicher Höfe mitzuerleben. Wahrscheinlich ist der Kaiser nicht durch Marienfels gekommen, denn er kam per Sonderzug nach St. Goarshausen und von da mit einem Automobil nach Ruppertshofen. Mit welcher Begeisterung haben unsere Väter und Großväter von jenen Tagen und Wochen erzählt. Militär (Soldaten, Fahrzeuge, Kanonen und Reiter) war das Wichtigste in diesen Wochen, dem sich die Feldarbeit, das Viehfüttern, aber auch der Unterricht in der Schule unterordnete. Dasselbe Schauspiel wiederholte sich noch einmal im Herbst 1911, doch diesmal ohne Kaiser, Kaiserin und Gefolge. Es war das große Vorspiel zu dem großen Krieg, der dann drei Jahre später unsere Heimat, Deutschland und die ganze Welt erfasste.

Am 27. Januar 1911, einem Freitag, dem Geburtstag von Wilhelm II., dem Kaiser aller Deutschen, wird gefeiert. Wie alle Jahre vorher ist es ein Festtag für das ganze Volk, auch für die Einwohner von Marienfels. Dicht besetzt ist „Schneirersch Sohl“ der Saal im Gasthaus Clos. Es geht hoch her an diesem Abend. Der niedrige und nicht so große Raum hier beim Gastwirt oder besser bei der Gastwirtin Anna Clos bietet so richtig den gemütlichen Rahmen, es ist herrlich warm, und der Tabakduft hüllt alle ein. Der vor drei Jahren gegründete Gesangverein bringt Lieder zum Vortrag von der Wacht am Rhein, Bürgermeister Zeilinger spricht von Dankbarkeit gegenüber Seiner Majestät, für die Wohltaten, die alle Landeskinder von dem Herrscherhaus empfangen, und es folgen Gedichte und humorvolle Vorträge. Auch Schreinermeister Christian Schmidt war nie der Letzte, wenn es hieß, ein Couplet zu bringen. So auch jetzt: „Ach wie hats ein Hahn so schön ...“. Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt, da erschallt auf einmal ein Schrei auf der Straße: „Feuer! Es brennt!“ und schon ist alles „in der Gäng“. „Wo, wo?“ „"Ei, bei Schreinersch em Ewwerdorf“. Tatsächlich steht das Wohnhaus mit Werkstatt und die Scheune von Christian Schmidt nun in hellen Flammen. Trotz des schnellen Eingreifens der Feuerwehr mit der handbedienten Spritze, trotz der Hilfe aller Einwohner, es war nichts mehr zu retten von den Gebäuden, dagegen konnte das Vieh in Sicherheit gebracht werden.

Marienfels steuerte nun auf das Jahr 1915 zu, in dem das l000-jährige Bestehen (nach der ersten urk. Erwähnung) gefeiert werden sollte. Zusammen mit Gemeinderat, Pfarrer, Lehrer und ehemaligen Einwohnern von Rang und Würde, darunter der Generalleutnant der Artillerie, Philipp Bauer in Köln, waren viele im Festkomitee mit tätig. Inzwischen waren auch draußen, vom Seien runter, durch das Tal und überall im Dorf Masten gesetzt und Drähte gespannt worden. Die neue Errungenschaft, der elektrische Strom, kam auch nach Marienfels. Alles sollte zur 1000-Jahr-Feier fertig sein, das neue Licht sollte dann strahlen und die Petroleumlampen ausgedient haben.

Doch es kam anders. Die Vorbereitungen zur Feier wurden jäh unterbrochen, wogegen die Arbeiten an der Stromversorgung weitergingen, der große Krieg war gekommen. Schon lange hingen die dunklen Wolken am Himmel. Die große Politik wurde beredet und allgemein die Meinung vertreten: „Jetzt muss Deutschland Stärke zeigen, in vier Wochen ist der „Erzfeind“" Frankreich überwunden und dann auf gegen Russland!“ Trotzdem kam alles so überraschend schnell. Am Samstag, dem 1. August 1914, vormittags, fast alle Einwohner sind draußen auf dem Felde noch bei der Roggenernte, läuten die Glocken der Kirche von Marienfels, auch die von Miehlen, und wer „in den Heiden“ ist, hört die von Gemmerich und Niederbachheim. Ringsumher läutet es Sturm! Sturm! und jeder weiß, was los ist. Die Männer ergreifen das Reff, die Frauen die Sichel und den Frühstückskorb, und sie alle eilen heim. Durch die Ortsschelle war inzwischen der Mobilmachungsbefehl bekanntgegeben worden, wonach der 2. August als 1. Mobilmachungstag gilt. Es kamen keine Gestellungsbefehle mehr, jeder wusste, wann er sein Pferd abzuliefern hatte und wann er selber einrücken musste. Die gründliche deutsche Militärmaschinerie lief wie geschmiert. In diesen Tagen dienten bei der Truppe: Paul Bingel, Theodor Heimann und Julius Bingel, sie rückten sofort ins Feld aus. In den ersten Mobilmachungstagen mussten dann fort: Karl Gemmer, Karl Hartmann, Willi. Singhof, Karl Singhof, Wilhelm Kaiser, Daniel Dreßler, Heinr. Bauer, Karl Weis, Wilhelm Kirsch, Heinrich Kirsch, Ludwig Kirsch, Karl Zeilinger, Heinr. Gemmer, Adolf Heimann, Emil Fuhr, Karl Wiegand, Karl Debus, Karl Heimann, August Hasselbach, Wilhelm Neidhöfer, Heinr. Clos und Adolf Stötzer. Doch aus dem schnellen Sieg über Frankreich wurde nichts, durch das Eingreifen starker englischer Verbände hatte sich das Kräfteverhäbtnis verschoben, und ein harter Stellungskrieg entstand.

Das Leben im Dorf und auch in der Landwirtschaft musste jedoch weitergehen. Zum Ende des Jahres 1914 konnten die Angehörigen ihren Soldaten mitteilen: Heute brannte zum ersten Mal das elektrische Licht. Im gleichen Jahr kamen die ersten Gefangenen, um mitzuhelfen in den Betrieben, und es kamen die ersten Meldungen von Gefallenen. August Hasselbach war der erste, er musste am 30. Nov. 1914 in Frankreich sein Leben lassen. Aus war es mit dem schnellen Siegen, ein Kriegsjahr reihte sich an das andere und immer neue Jahrgänge mussten einrücken, ältere und ganz junge. So wurden 1915 eingezogen: Karl Ansel, Philipp Aulmann, Karl Hendorf, Wilhelm Henn, Theodor Bauer, Adolf Bauer, Heinr. Maus, Karl Güth, Karl Hartmann, Heinrich Hartmann, August Hartmann, Karl Müller, Christian Gemmer, Wilhelm Lenz, Karl Zeilinger, Heinr. Hölzer, Jubius Kaiser, Theodor Kaiser, Christian Redert und Hans Bingel. 1916 mussten fort: Wilhelm Ansel, Karl Schäfer, Adolf Clos, Christian Schreiner, Theodor Schäfer, Julius Huth II, Wilhelm Müller, Adolf Bauer, Adolf Huth, Christian Müller, Georg Lenz, Julius Huth I, Adolf Kaiser und Rudolf Bingel. Im nächsten Jahr wurden noch eingezogen: Adolf Hartmann, Theodor Clos, Theodor Bingel, Karl Lenz, Heinr. Hendorf, Karl Schreiner und 1918 Julius Laux, Karl Hasselbach u. Julius Heimann.

Große Opfer wurden von den Soldaten und auch von der Heimat in den Kriegsjahren erbracht. Der Schulunterricht litt durch den Einzug von Lehrer Henn und die wechselnden Vertretungen. Auch wurde die Jugend an der Heimatfront eingespannt in das Geschehen durch Sammlungen von Geld und Altmaterialien. Im letzten Kriegsjahr wurden von den Schulkindern noch 30 Zentner Laubheu und 3 Zentner Bucheckern aus dem Wald eingesammelt. Doch alle Anstrengungen waren vergebens, mmit der Unterzeichnung der Waffenstillstandsbedingungen am 11.11.1918 war das Ende des Krieges gekommen.

Mahnmal Es fielen und starben aus Marienfels in diesen Jahren:

August Hasselbach

 

Wilhelm Kaiser

Heinrich Gemmer

 

Hans Bingel

Adolf Kaiser

 

Karl Müller

August Hartmann

 

Wilhelm Müller

Heinrich Clos

 

Theodor Clos



Als vermisst wurden gemeldet:

Karl Güth

 

Heinrich Hölzer

Adolf Stötzer

 

Karl Hasselbach






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