Kapitel 11   –   Der Ort Marienfels

Abschnitt 5   –   Marienfels im 19. Jahrhundert



Das Jahr 1818 brachte einen Neubeginn im ganzen Herzogtum, der sich bis in die kleinste Gemeinde auswirkte. In Marienfels war der bisherige Schultheiß David Wöll, der 11 Jahre das Amt ausübte, von Johann Henrich Neidhöfer abgelöst worden. Ab jetzt liegen uns auch schriftliche Aufzeichnungen vor, alle früheren Unterlagen waren bei einem Brand in der französischen Besatzungszeit vernichtet worden.

Fachwerkhaus In einem Inventurverzeichnis, das 1818 unter Schultheiß Neidhöfer angelegt wurde, werden folgende gemeindeeigene Gebäude aufgeführt:

  1. Ein einstöckiges von Holz und Leimen erbautes Backhaus, mit einem Strohdach versehen, es befindet sich in einem schlechten Zustand. Dieser alte "Backes" wurde wohl bald danach abgerissen und durch einen Neubau auf dem alten Standort ersetzt. Der obere Stock wurde als Rathaus benutzt und der Speicher war an Lorenz Bauer verpachtet.
  2. Ein Hirtenhaus, das eigentlich aus zwei Gebäuden mit einem Dach bestand. Beide Häuser werden gleichermaßen beschrieben: „Einstöckig aus Holz und Leimen erbaut, mit einem Strohdach“. Die Inneneinrichtung bestand aus einer ungebordenen Stube mit einem viereckigen eisernen Ofen und einem ungebordeten kleinen Speicher. Angebaut waren daran auf jeder Seite ein kleines Viehställchen. Das eine Haus wurde von dem Kuhhirten, das andere von dem Schweinehirten bewohnt.
    Auch diese beiden Häuser werden recht bald einem Neubau mit zwei Stockwerken gewichen und in dieser Art erhalten geblieben sein bis in unsere Tage. Das linke Haus blieb ein Gemeindehaus, wogegen das rechte schon bald an einen Bürger mit Namen Spitz gekommen ist.
  3. Erwähnt wird ein weiteres Hirtenhaus mitten im Ort, mit derselben Ausstattung wie die beiden vorgenannten und einem angebauten Kuhstall. Dieses Haus stand gegenüber den beiden anderen Hirtenhäusern. Es heißt dazu: „Es wird von dem armen Scharfhirten Johs Jacobi, dem die Gemeinde Wohnhaus zu verschaffen hat, unentgeltlich bewohnt“. Dieses Haus kam dann in den Besitz des Philipp Henrich Spitzley, der es 1825 an die Viehhaltergesellschaft von Marienfels verkaufte.
  4. Das Schulhaus, 1802 zweistöckig erbaut mit einem Strohdach, wurde bereits erwähnt.
  5. Ein Spritzenhaus. Es war aus Holz und Lehmen erbaut und stand hinter dem Anwesen Jacobi, Römerstraße 9, an der Straße. 1830 wurde es durch einen Neubau ersetzt und diente zur Unterbringung der im Jahre l832 angeschafften Feuerspritze und anderer Gerätschaften zur Brandbekämpfung. Alle vier Kirchspielsorte hatten Anteil an diesem Spritzenhaus und der neuen Spritzenpumpe. Zur Ausrüstung gehörten noch 28 lederne Feuereimer, 10 Eimer aus Stroh, 4 lange Leitern und 6 Dachhaken. Leitern und Dachhaken wurden später in einem Leiterhäuschen neben dem Hirtenhaus untergebracht. Feuerleitern und Brandhaken waren damals im Ort verteilt und bei den Schöffen untergebracht, bekamen dann aber nach dem Neubau eines Leitergebäudes neben dem Hirtenhaus einen festen Platz.
Das Mobilar der Gemeindeverwaltung in diesen Jahren bestand aus einem tannenen Schrank und einer ebensolchen Kiste. An Gerätschaften waren vorhanden: Ein Seßter und ein Mäßchen (Nass. Maaß), desgleichen noch ein „Bopperter“ Maaß, ein Gemeindesiegel und ein blechernes Wachthorn. In den Jahren danach wurden noch angeschafft: 9 Steinschläger, 3 Bickel, 1 Heblade, Schlundrohr und Klistier.

Wald Im Jahre 1818 wird der Waldbestand etwa auch der heutigen Größe entsprochen haben. Was damals mit der als Viehtrift benutzten Heide („Ein wüster Dirstrikt auf der Heide“") abging, glich ein Hochwald auf dem Hochberg und einer auf dem Münzbach wieder aus. Insgesamt wird der Wald so beschrieben: „Sämtliche in Marienfelser Gemarkung gelegene Waldungen befinden sich größtenteils in einem jungen Holzbestand. Jedes Gemeindeglied erhielt alle Jahre im Herbst zirka 1/2 Klafter gemischtes Eichen- und Buchenholz aus den Gemeindewaldungen. Das Holzbedürfnis kann nicht nur von der Gemeinde aus den Waldungen vollkommen bestritten werden, sondern es bleibt auch noch etwas zum Verkauf übrig.“ Die Waldeinkünfte wurden damals angeschlagen mit 400 Gulden für Brennholz und 50 Gulden für Wellen't. Für die Verwaltung des Waldes mussten Beiträge geleistet werden: die Besoldung des Oberförsters und des Unterförsters. Die Lohnkosten für Holzhauer betrugen nur ein Drittel der Verwaltungskosten, dies ist daher erklärlich, weil das meiste Brennholz in Eigenleistung eingeschlagen wurde.

Besoldet wurden aus der Gemeindekasse der Schultheiß, der Rechner, der Feld- und Wiesenschütz, der Nacht- und auch der Tagwächter. Für das Jahresgehalt des Schullehrers, den Jahreslohn der Hebamme und für die Besoldung des Medizinalpersonals musste die Gemeinde ihren Beitrag leisten. Es fielen Kosten an für die Unterhaltung der Gemeinde- und Schulgebäude, für die Schulbedürfnisse, den Bezug der Intelligenz- und Verordnungsblätter, der Haltung des Reitviehs und andere. Noch drückten die Schulden, die durch die Kriegsereignisse der letzten 15 Jahre entstanden sind. Für die Herzogliche Marsch- und Einquartierungskommission zu Wiesbaden musste noch 1815 eine Schuldverschreibung von allen nassauischen Ämtern und Gemeinden übernommen werden. Diese wurde dann 1824 gelöscht. Ab jetzt ist die Gemeinde Marienfels schuldenfrei, ja, sie ist in der Lage, Bürgern und anderen Schuldnern in finanzieller Not zu helfen.

Waren diese Jahre nach den Befreiungskriegen, nach der Entstehung eines geeinten Herzogtums, Jahre der Reformen und Erneuerungen, so betrifft dieses besonders die Landwirtschaft. Die Bauern waren nun nicht mehr hörig, sondern frei, die Abgaben drückten nicht mehr so stark, obwohl immer noch ein Teil des Grundbesitzes zehntpflichtig war. 1817 war das Feld neu vermessen worden und auch wie bisher in das Weyerbacher-, das Markersweger- und das Bachheimer Feld eingeteilt. Um 1803/04 hatte man einen Distrikt mit Waldbestand an der Grenze zur Ehrer Gemarkung angerodet von etwa 6 1/2 Morgen, und im Bachheimer- oder auch Straßenfeld lag ein Trieschland. Darüber lesen wir: „Dieses Ackerland ist unter sämtliche Gemeindeglieder gleichheitlich verteilt und wird von diesen unentgeltlich benutzt. Hatte die Gemeinde jedoch besondere Aufgaben zu bestreiten, so wurde jedesmal von jedem Gemeindemitglied 30 Kreutzer erhoben.“ Das sonstige Ackerland und die Wiesen der Gemeinde wurden an einzelne Bürger verpachtet.

Viele heutige Flurnamen finden sich schon damals, doch einige sind auch verlorengegangen, wie: In den Adelsheimer Stücker, Am Arnsteinerhof, Am Walsdorfer Hof, In den Attigstücker, Im Quotert, In der Altenzeil, Am Johannesberg, An der Waschbach, Auf der Drenk, Wiese im Bangerthostert, Beim Süßenborn, In den Wandelwiesen, Auf dem Reifenacker, Auf dem Haag und andere. Ein Name, der an das alte, untergegangene Dorf Denighofen erinnert, „Obig Denighofen“ findet sich bis zur nächsten Zusammenlegung noch öfter.

Zehnten, Grundzinsen und Gülten bezog die Gemeinde nicht, außer einem Erbzins, „Borgnis“ genannt, von dem jeweiligen Besitzer der Kaltenborner Mühle. Dieser machte 40 Kr im Jahr aus und war eine Entschädigung für das im Winter von Kaltenborn hergeleitete Wasser auf das Mühlrad. Ein besonderes Gefälle war auch der Sauerbrunnenzins, der von der Gemeinde Ehr erhoben wurde. „Die Gemeinde Ehr muß alljährlich, so am Marienfelser Sauerbrunnen ausgeputzt wird, fünfzehn Stück Handkäse an die Gemeinde Marienfels liefern. Dieser Käse wird von den Gemeindegliedern, so den Brunnen reinigen, verzehrt.“ Neben den Steuern auf den Grundbesitz, Brand-, Hundesteuern und andere sind auch die Einnahmen aus Strafen für Feld- und Waldfrevel recht hoch angesetzt, was auf emsige Tätigkeit des Flurschützers hinweist.

Trotz der recht zufriedenstellenden Lage der Gemeinde war allgemein ein reger Bedarf an Leihgeldern zu verzeichnen, infolge der unterschiedlichen Einkommen und Besitze. Darüber berichtet uns ein Hypothekenbuch, das 1818 angelegt wurde. Es sind dieselben Namen von Gläubigern und Schuldnern, die hierinnen öfter erscheinen.

Wie sehr sich in diesen Jahren in einer kurzen Zeit ein Wandel in den landwirtschaftlichen Anbauweisen und in der Viehhaltung vollzogen hat, können wir innerhalb des Ortes erkennen. Bessere Arbeitsbedingungen auf den Feldern, Anbau von Futterpflanzen und Kartoffeln und intensive Nutzung der Wiesen bedingten, dass die uralte, bisherige Weidewirtschaft, das gemeinsame Hüten von Kühen und Schweinen, nicht mehr erforderlich war. Die ganzjährige Stallhaltung kam auf. Kuh- und Schweinehirten wurden nicht mehr benötigt, deshalb konnte zumindest eins der beiden Hirtenhäuser verkauft werden. Das schon bisher genannte Schäferhaus war unerklärlicherweise auch in Privatbesitz gekommen und wurde von den Ehelauten Philipp Henrich Spitzley und Anna Catharina, geborne Pfeiffer im Jahre 1825 verkauft. Der Käufer war kein Bürger der Gemeinde, kein einzelner Bauer, sondern eine Viehhaltergesellschaft mit 30 Mitgliedern. Lassen wir hier die Niederschrift über den Kaufakt folgen:

Es erschien der obengenannte Bürger mit seiner Ehefrau und bekundet an die miterschienenen Bürger der Viehhaltergesellschaft laut dem im Kaufbrief aufgeführten Verzeichnis die unten beschriebenen Grundstücke gegen die Summe von 280 Gulden verkauft zu haben. Es wurden dabei folgende besondere Bedingungen gemacht:
  1. Käufer kommen sogleich in Besitz und haben alle Lasten und Beschwerden sogleich zu übernehmen.
  2. Steht es jedem Bürger frei, in die Viehhaltergesellschaft einzutreten, wo er sich aber auch verbindlich macht, nicht nur den aus vorstehendem Kaufvertrag die jährlichen Zinsen helfen zu leisten, sondern auch, wenn es die Notwendigkeit erfordert, vorstehendes Kapital helfen abzutragen.
  3. Jeder, der hinfier in die Bürgerschaft eintritt, kann auch in diese VH-Gesellschaft aufgenommen werden. Dagegen soll auch jeder beim Absterben aller Verbindlichkeiten entlassen sein.
  4. Sollte aber der Fall eintreten, daß derjenige oder mehrere sich ausschließen wollen, und dieses Gesellsch.-Haus sollte vom Tag- oder Nachtwächter bewohnt werden, dann haben sie dennoch ihren Beitrag zu leisten, wieviel ihnen zuerkannt wird.
Es folgen die Namen der Mitglieder:

1.  

Johann Jacob Hausen

 

16.  

Johann Philipp Heimann

2.  

Adam Cloß

 

17.  

Henrich Redert

3.  

Andreas Metz

 

18.  

Gottfried Heimann

4.  

Philipp Henrich Pfeiffer

 

19.  

Johann Adam Cloß (jünger)

5.  

Wilhelm Bilo

 

20.  

Heinrich Cloß

6.  

Johannes Kaiser

 

21.  

Philipp Henrich Brand

7.  

Johann Henrich Haxel

 

22.  

Anton Laux

8.  

Peter Gemmer

 

23.  

Joh. Gottfried Laux

9.  

Adam Weiß

 

24.  

Philipp Chr. Cloß

10.  

Jost Henrich Neumann

 

25.  

Gottfried Bäcker

11.  

Georg Kirsch

 

26.  

Joh. Philipp Debusmann

12.  

Philipp Adam Kaiser

 

27.  

Peter Rosebach

13.  

Christian Laux

 

28.  

Philipp Adam Kaiser

14.  

Philipp Henrich Spitzley

 

29.  

Henrich Hoffmann

15.  

Philipp Gottfried Kaiser

 

30.  

Henrich Ludwig



Das vormalige „Schafferhaus“ am Miehlerweg, nebst der dazuhörigen Stallung neben Haus Georg Kirsch, hat der Philipp Henrich Spitzley an vorstehende Viehhaltergesellschaft verkauft zu 280 Gulden. Unterschrieben von Gesellschaftsvorstehern Kaiser und Kirsch und von Neidhöfer, Schultheiß, Marienfels am 17. September 1825.


Wie lange diese Viehhaltergesellschaft noch bestand, welche Aufgaben sie noch erfüllte, ist nicht mehr festzustellen. Wahrscheinlich war sie nur entstanden, um das Schäferhaus mit Stallung der Gemeinde zu erhalten. Später wurde dann auf diesem Platz der Hirtenstall erbaut, der bis in unsere Tage dem gemeindeeigenen Ziegenbock Unterkunft bot.

Allenthalben wurde unter der Nassauischen Regierung neben dem Schulwesen und der Wirtschaft auch die Landwirtschaft gefördert. Eine landwirtschaftliche Lehranstalt mit Versuchsfeld wird auf Hof Geisberg und in Idstein eingerichtet. 1820 war ein landwirtschaftlicher Verein mit Sitz in Idstein gegründet worden, dem Wilhelm Albrecht, Hofrat und Direktor des Instituts vorstand. Mit der Herausgabe eines Wochenblattes und vielen Veröffentlichungen setzte sich W. Albrecht für die Belange der Landwirtschaft ein. Auch in Marienfels wurde dieses landwirtschaftliche Wochenblatt für das Herzogtum Nassau bezogen und gelesen. Angefacht von den Erkenntnissen eines Joh. Nepomuk von Schwerz, Albrecht Thaer, Justus von Liebig und im Nassauischen des schon genannten Albrecht mit den Obstbauspezialisten J. G. Christ und F. A. Diel entwickelte sich die Landwirtschaft auch in unserem Raum immer mehr. Gab es bisher durch die alte Dreifelderwirtschaft (Winterfrucht - Sommerfrucht - Brache) in schlechten Jahren mit Trockenheit oder auch übermäßiger Nässe, öfter Hungersnöte, so verschwand diese Gefahr mit der Einführung der verbesserten Dreifelderanbauweise allmählich. An Stelle der reinen Brache wurden nun Rüben, Klee und Kartoffeln angebaut.

Obstbau Ganz besonders wurde nun an die Verbesserung der Erträge aus den Wiesen herangegangen. Der Wiesengrund von Marienfels, im Tal des Mühlbaches und des Ehrer Baches, war wohl schon ertragreich und die Wiesen waren gegenüber dem Feld begehrter, doch eine große Zersplitterung war hemmend für die Bewirtschaftung. Deshalb wurde von 1843 bis 1845 eine Consolidation der Wiesen durch den Geometer Peter Schemmer aus Rettert durchgeführt. Als Taxatoren für die Vergabe der Wiesen nach Güteklassen wirkten mit Joh. Heinrich Neidhöfer, Joh. Heinrich Ludwig und Joh. Gottfried Hausen. Das Ergebnis dieser Zusammenlegung waren nun größere Wiesen, Zufahrten geregelt durch jeweiligen Beschluss der Gemeinde und vor allem, fast sämtliche Wiesen konnten bewässert werden. Ein vermessenes Grabensystem sorgte nun für die Zuleitung von Bachwasser auf die einzelnen Parzellen.

Auch bei der Gesundheitsfürsorge machte die Herzogliche Regierung die größten Anstrengungen. Die Pockenschutzimpfung war eingeführt, und auch andere Seuchen und schlimme Krankheiten versuchte man in den Griff zu bekommen. Jeder Amtsbezirk wurde von einem Medizinalrat betreut, doch in freier Praxis tätige Ärzte waren wenig vorhanden. Die bisher mehr durch Überlieferung als durch Verordnungen durchgeführten Beerdigungen rund um die Kirche auf dem Kirchhof waren nicht mehr weiter zu vertreten. Deshalb kam man auch in Marienfels der behördlichen Anordnung nach, einen neuen Friedhof für die Kirchspielsgemeinden anzulegen. nachdem am Käsberg ein Stück vom Wald gerodet wurde, konnten hier ab 1829 die Toten ihre letzte Ruhe finden. Bei normalen Verhältnissen war der Übergang durch den Mühlbach nicht schwierig, anders war es, wenn Hochwasser war nach Gewittern mit schweren Regenfällen. Da mussten die Toten länger als es geboten war in den Häusern liegen, denn es gab ja keine Brücke. Erst als es der Gemeinde gelang, den bisher gemeindeeigenen Sauerbrunnen an den nassauischen Staat zu verkaufen, konnte dann aus diesem Erlös eine Brücke über den Mühlbach gebaut werden. Dadurch wurde der Zuweg zum Friedhof nun unbeschwert und die Verkehrsverbindung nach Berg, Hunzel und in den Gemeindewald besser. Über diesen Brückenbau wurde noch von vorigen Generationen überliefert, dass die erste Firma, die am Bau tätig war, in Konkurs ging, weil die Brückenbogen mangelhaft ausgeführt waren. Bei der Abnahme der mit Bruchsteinen gestückten Bogen habe der Beamte aus Wiesbaden mit einer Weidenrute die Bruchsteine abgestochert und dabei seien diesem zu viele Löcher und Zwischenräume in dem Gestück aufgefallen. Die Bogen mussten erneuert werden.

1834 wird der bisherige Schultheiß Joh. Henrich Neidhöfer von Heinrich Cloß abgelöst.

In der nassauischen Armee mussten auch junge Männer aus Marienfels dienen. Wer es sich leisten konnte, nahm sich einen „Einsteher“, das war ein anderer, der für Geld bei der Truppe diente. Von einem solchen Fall lesen wir 1821, als sich der Sergant Wilhelm Dittmann aus Usingen für den Sohn des Jost Henrich Neumann, Joh. Wilhelm Neumann, für 300 Gulden als dessen Ersatzmann verdingte. Allerdings hatte der J. H. Neumann dieses Geld auch nicht zur Hand, er musste dem Einsteher Grundstücke in diesem Wert verpfänden. Philipp Heinrich Heimann (Vorfahre der Familie Rasel / Redert) dagegen diente zusammen sieben Jahre in der Herzoglichen Armee. Entlassungszeugnis vom 9. April 1854.

Einen Blick in diese Jahre vermittelt uns auch das von 1819 bis 1845 geführte Hypothekenbuch der Gemeinde Marienfels. Wir erfahren, dass in dieser Zeit recht oft Geldnot herrschte, der man nur begegnen konnte, wenn man sich das nötige Geld lieh. Es war schon ganz beachtlich, wieviel für eine bestimmte Summe als „Unterpfand“ eingetragen werden musste. Bei einer Summe von 300 und mehr Gulden wurde zumeist neben den Grundstücken auch das Wohnhaus mit Scheune verpfändet. Was war die Ursache für diese Kreditgeschäfte? Zumeist waren es familiäre Ursachen wie Krankheit, Unfälle, Siechtum, aber auch der Branntwein spielte oft eine Rolle, die einen Bürger zwangen, sich von einem Bessergestellten Geld zu borgen. Dann gab es öfter Brände, die Not hinterließen, Missernten und Verenden von Vieh. Es war ja alles anders als heute, keine Versicherungen, die einsprangen und auch keine soziale Absicherung durch den Staat. Banken, Kreditinstitute und auch Genossenschaften entstanden später. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es reiche Familien, aber auch ganz arme im Dorf. Auf diejenigen, die oft in diesem Hypothekenbuch erscheinen, um Geld aufzunehmen oder auch um Haus und Grundstücke zu verkaufen, wollen wir nicht so sehr eingehen. Sehen wir uns doch eher die damaligen „Creditoren“ an. Es sind oft Leute von auswärts, Pfarrer von Singhofen, Niederbachheim, Geschäftspartner aus Braubach, Nassau, Miehlen und die Kirchen- und Gemeindekassen. Aus Marienfels ist besonders der Philipp Henrich Pfeiffer, der oft als Geldgeber erscheint. Auch die Schullehrer Kräckmann und danach der Jakob Ludwig Huth verliehen Geld oder erwarben Grundstücke. Alle Kredite werden wohl nicht zurückgeflossen sein, und daher haben auch die eine oder andere Hofraite und auch Grundstücke ihren Besitzer gewechselt.

Gemüse Über die Zusammenlegung im Wiesengrund von 1843/44 haben wir bereits berichtet, doch nun war die Feldgemarkung an der Reihe. Dafür hatte man den Geometer Joh. Georg Helmer aus Hadamar verpflichtet, der eine Neuvermessung in den Jahren ab 1857 durchführte. Unter Mitwirkung des Feldgerichtes und der Taxatoren aus der Gemeinde wurde die Gemarkung in 10 Klassen eingeteilt. Das Verhältnis der Klassen untereinander wurde aus deren Wert hergeleitet. So war die Klasse A im Ortsbering auf 10 Gulden je Rute und beim sonstigen Ackerland auf 4 Gulden und 30 Kreutzer festgelegt worden. Nach Güte fiel dann der Wert der Grundstücke über die einzelnen Klassen ab bis zur Klasse 0, die ohne Wert angesetzt war. Dass diese Consolidation nicht ohne Ärger und Beschwerden ablief und innerhalb der Eigentümer auch Feindschaften entstanden, war fast selbstverständlich. Die älteren Bürger wussten davon noch zu berichten. Als dann im Oktober 1862 die Zusammenlegung abgeschlossen wurde, war eine intakte, geordnete Gemarkung entstanden. Statt den bisherigen durchschnittlichen Grundstücksgrößen von 15 Ruten (1 Rute = 25 qm) waren nun fünfmal größere Parzellen entstanden, die von einer Seite von einem Weg aus benutzbar waren, und alle waren versteint. Wohl galt noch die alte, aber nun verbesserte Dreifelderwirtschaft mit Winterfrucht, Sommerfrucht, Brache, doch diese Brache bestand jetzt im Anbau von Kartoffeln, Rüben und Klee. Es blieben weiterhin die drei Felder: Weiherbacher mit Bachheimer Feld, Markerswegerfeld und das Straßenfeld, und es herrschte weiterhin ein strenger Flurzwang, wonach nur die jeweilige Fruchtart auf dem bestimmten Feld angebaut werden durfte. Dieser Flurzwang bestand bis in unsere Tage, er ist erst mit der Zusammenlegung 1962 vollständig verschwunden.

Dem Schreiber sei hier auch eine kleine Anmerkung gestattet, die aus alten mündlichen Überlieferungen stammt. Wenn man auf alte Karten blickt, dann erkennt man, dass die Dreiteilung der Marienfelser Gemarkung nicht die idealste ist. Die Weierbach ist die Grenze zwischen Miehlen und Marienfels und dieses Feld hier nur ein schmaler Streifen. Deshalb musste vom Bachheimerfeld noch ein Teil dazugenommen werden, um die nötige Größe zu erreichen. Daher ist die Frage berechtigt: War die Gemarkung der vorherigen beiden Orte, von Merfels und dem größeren Denighofen, nicht doch größer und lag die Grenze näher nach Miehlen zu, etwa in der Schlaa? Schriftliches wurde bisher nicht gefunden, Tatsache ist nur, dass sich Miehlen zu einem großen Ort entwickelt hat, wogegen das Dorf Denighofen ganz einging und das spätere Marienfels nicht größer wurde. Geblieben ist seit Jahrhunderten bis heute die Größe der Gemarkung. Sie beträgt 396 Hektar, davon sind 90 Hektar Wald.

Waren überall Bewegungen im Gange für Freiheit und soziale Errungenschaften, wie die Revolution von 1848, die Hambacher Kundgebung, so wird uns aus Marienfels nichts berichtet. Lediglich infolge der neuen Verfassung im Herzogtum wurden aus den bisherigen Schultheißen nun Bürgermeister. 1848 gab der letzte Schultheiß Heinrich Cloß sein Amt ab und Bürgermeister wurde nun Johann Gottfried Hausen. In dieser Zeit lockte auch Amerika, die „Neue Welt“, viele Menschen aus unserer Heimat hinüber. Schon 1825 lesen wir bei einer Schuldverschreibung, „wan die auswanderung erfolgt ist“ bei einem Bürger mit Namen Haxel und einige Jahre später bei einem Neumann. Nach der Flurbereinigung von 1862 werden als Eigentümer des Hauses (heute Hendorf, Mühlbachstraße 10) Wilhelm Thomas und dessen Ehefrau Elisabethe geb. Kaiser genannt mit dem Zusatz: Beide sind in Amerika. Daher dürfte feststehen, dass dieses Ehepaar mit oder ohne Kinder nach Amerika auswanderte. Wann die beiden vorhin genannten Haxel und Neumann den Sprung über den großen Teich antraten, steht nicht fest. Sicher ist aber, dass alle, die dort ihr Glück suchten, bei Milwaukee zusammen mit anderen aus unserer Heimat sich ansiedelten. Außer einem Neumann, der kurz nach dem letzten Krieg noch einmal die Heimat seiner Väter besuchen wollte, ist jede Verbindung zwischen den heutigen Nachkommen von Auswanderern mit ihrem früheren Heimatort verlorengegangen.

Werfen wir noch einmal einen Blick in die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Wie sah es damals in Marienfels aus? Welche Familien wohnten in welchen Häusern? Dazu kann gleich gesagt werden, dass diejenigen Familien, die damals mit demselben Namen wie heute in den Häusern wohnten, auch heute noch so genannt werden. Das sind nur wenige: „Bauers“, „Kirsche“, „Heimanns“. Wenn auch bei dem Generationswechsel immer wieder andere Familiennamen auftauchen, die alten Hausnamen aber halten sich hartnäckig. Beispielsweise mögen hier nun zwei Familien betrachtet werden.

Da ist einmal im Oberdorf die Familie Bauer (heute noch Pfeiffers genannt). Bis vor dem 30-jährigen Krieg, so lässt sich zurückverfolgen, wurde dieses Anwesen von einem Büff bewohnt. Diese Familie versippte sich oft mit Pfarrern, die hier eine Ehefrau fanden. Ein Nachkomme war selbst Pfarrer in Laufenselden, ein anderer wird 1647 als nass. Schultheiß erwähnt. Die Tochter des letzten Büff in Marienfels, Anna Maria, heiratete den Philipp Henrich Pfeiffer aus Miehlen. Diesen Pfeiffer haben wir schon einmal erwähnt als oft genannten Kreditgeber. Er muss auch sonst in dem Gemeindegeschehen aktiv mitgewirkt haben, denn bis 1845, bis in sein hohes Alter war er Beisitzer im Feldgericht. Das Feldgericht hatte damals noch viele Aufgaben zu erledigen, Kaufverträge, Schuldverschreibungen u. a., alles, was heute beim Notar vorgenommen werden muss. Die Tochter des Pfeiffer heiratete den Joh. Henrich Neidhöfer. Diese Ehe war ohne männliche Nachkommen, die Tochter Christiane verehelichte sich mit dem 1821 in Singhofen geborenen Philipp Bauer. Ein Sohn aus dieser Ehe übernahm den elterlichen Hof, der andere, auch Philipp getauft, besuchte die höhere Schule und wurde Soldat. Er avancierte bis zum Generalleutnant der Fußartillerie, diente seinem Kaiser und Vaterland, war Standortkommandeur und starb 1921 zu Köln. Ein anderer Sproß aus der Seitenlinie, Christian Bauer, geb. 15.1.1840, studierte, wurde Pfarrer in Dornholzhausen und verwaltete von 1874 bis 1879 die Pfarrstelle in Marienfels mit. Danach übernahm er die Pfarrei in Ruppertshofen, wurde Dekan und starb am 17. Mai 1908. Er wurde auf dem Friedhof von Marienfels beerdigt. Die Nachkommen dieses Bauer sind heute noch in Marienfels sesshaft.

Eine Familie, die eine anderslaufende Entwicklung genommen hat, ist Haxel (genannt Korls) im Unterdorf. Am 19. Januar 1824 wurde der Lehrer Jakob Julius Huth als neuer Schullehrer in Marienfels eingesetzt. Über den Einzug dieses Lehrers und seiner Lehrertätigkeit wird in dem Abschnitt Schule noch weiteres berichtet. Lehrer Huth war im Gemeindeleben nicht untätig gewesen, oft tritt er als Käufer von Grundstücken auf und nach seiner Pensionierung konnte er in dem heutigen Anwesen Hausen (Kirchplatz 2), das er käuflich erworben hatte, wohnen. Der Sohn Karl heiratete Christiana Rethert und wurde damit Eigentümer des halben Hauses und der Scheune. Er gründete hier neben einer Wagnerei einen neuen landw. Betrieb. Seitdem gibt es den Hausnamen „Korls“. Noch drei Generationen lang kamen männliche Erben. Die letzte Tochter der Huths verehelichte sich 1950 mit einem Haxel.

Weiterhin ist aus diesen Jahren vor dem Ende des Herzogtums zu berichten, dass erst um 1840 die Erhebung des Zehnten abgeschafft wurde. Zehntpflichtig waren nur noch bestimmte Grundstücke gewesen, die Belastung wurde peinlich genau beim Grundstücksverkehr vermerkt. In dieser Zeit schrieben auch die Handwerker, wie Schreiner, Schmiede, Schuster u. a. ihre Rechnungen erst am Jahresende. Sie mussten dadurch große Vorleistungen das ganze Jahr über erbringen und für die Rechnungsempfänger war es meistens auch hart, sie dann auf einmal zu bezahlen. Das galt besonders in Jahren mit schlechter Ernte.

Grube In der Mitte des 19. Jahrhunderts muss auch die Grube Horchberg vor Ehr in Betrieb gewesen sein. Denn eine Abrechnung meines Vorfahren aus dem Jahre 1855 zeugt von Schwerspatfahrten, die damals nach Wiesbaden gingen. Immerhin war das eine gewaltige Leistung mit 23 bis 31 Zentner Steinen auf einem einachsigen Wagen (einem Koowe) eine solch weite Strecke zu bewältigen. Jedenfalls muss diese Grube Horchberg eine von 14 gewesen sein, die Schwerspat förderten im späteren Reg. Bez. Wiesbaden, nach dem amtl. Verzeichnis von 1878. Sonstige Bodenschätze dürften in der Gemarkung Marienfels nicht abgebaut worden sein, außer etwas Schiefer. Versuche wurden wohl unternommen, um auch Eisenerz und Silber zu holen, wie die Stollen im Seien und Auf Danielholz beweisen. Lehm wurde seit altersher reichlich gebraucht, und den fand man im heutigen Hartenbächer Graben, früher auch „Lahmkaut“ genannt.

Die politischen Ereignisse überschlugen sich nun. Durch eine unglückliche Bündnispolitik geriet der Herzog von Nassau immer mehr in die Klemme. Bei den deutsch-dänischen Kriegen war schon 1848 ein Marienfelser Bürger, Philipp Heinrich Heimann, dabei, bei den Kämpfen zwischen Preußen und Österreich von 1866 wissen wir das nicht zu berichten. Österreich verlor den Krieg und damit auch dessen Bundesgenosse, der Herzog Adolph. Sein Land fiel an Preußen. Zunächst blieb die alte Ämtereinteilung bestehen, doch Marienfels kam mit dem Amt Nastätten zu dem neugeschaffenen Landkreis Unterlahn mit Sitz in Diez, nach kurzer Zugehörigkeit zum Rheingaukreis und nach Auflösung der alten Nassauischen Ämter, wurde unser Ort dann 1885 dem Kreis St. Goarshausen eingegliedert.

Am Krieg 1870/71 haben auch einige junge Männer aus Marienfels teilgenommen. Sie waren nun stolze Veteranen ihr Leben lang. Der letzte Krieger aus diesen Jahren war Wilhelm Zeilinger, Bürgermeister von 1890 bis 1914, er wurde im Oktober 1939 feierlich zu Grabe getragen.

Werfen wir noch einen Blick auf das Jahr 1875. Unser Ort hatte damals 287 Einwohner in 56 Haushaltungen, Bürgermeister war der Sohn des vormaligen Gottfried Hausen, nun Christian Hausen. Zum Ort gehörten noch drei Mühlen, die Klein-, Käs- und Kaltenbornermühle. Vor zehn Jahren war eine der beiden Käsmühlen im Mühlbachtal eingegangen, eine war von einem Müller Friedrich, die andere von Müller Schmidt bewohnt und betrieben worden. Diese Käsmühle ist heute noch in Betrieb. Noch lässt der jetzige Besitzer Helmut Schild die Mahlgänge laufen, um das heute so begehrte Roggenmehl für Selbstverbraucher herzustellen. Die Mühle liegt etwa 2,5 km vom Ort entfernt im Mühlbachtal und wurde, wie bereits schon früher erwähnt, 1693 erbaut. Allerdings ist von der alten Mühle wenig erhalten geblieben, denn sie wurde nach dem letzten Krieg mit dem Wohnhaus neu errichtet. Heute wird hier auch eine Gaststätte als einzige im ganzen Mühlbachtal zwischen Marienfels und Nassau betrieben. Wanderer können hier ihren Durst löschen und sich mit einem Imbiss stärken. Die als Kleinmühle im amtlichen Verzeichnis von 1878 genannte Mühle, muss die „"Mühle am Wald“ die „Seyersmühle“ oder auch „Gemmers Mühle“ gewesen sein, die bis Ende der 1950-er Jahre noch in Betrieb war. Sie bezog ihr Wasser von einem Wehr, das dicht bei Miehlen lag. Früher ging der Mühlteich von einem Wehr weit unterhalb von Miehlen ab, wurde aber bei der Cosolidation im vorigen Jahrhundert verlegt bis zum Ort Miehlen, weil man mit dem Wasser nun die Wiesen bis zum Seien bewässern konnte und die Anlage einer Rübenwäsche möglich war. Wie alle Mühlen am Mühlbach hatte auch diese nicht unter Wassermangel zu leiden. Nach der Zusammenlegung von 1960 wurde das Wasserrecht abgegeben, der Mühlenbetrieb der Familie Pfeifer eingestellt, und es entwickelte sich daraus ein landwirtschaftlicher Vollerwerbsbetrieb. Anders dazu war die Kaltenborner Mühle angewiesen auf den Ehrer Bach, der in trockenen Jahren auch einmal weniger Wasser brachte. Das Wehr, oder besser würde man hier Abschlag sagen, war ehemals unterhalb des heutigen Wiesenweges, wurde aber bei der Consolidation von 1860 weiter nach oben verlegt um ein größeres Gefälle zu erreichen. Die alte Mühle wurde 1962 abgerissen und an deren Stelle ein Wohnhaus erbaut. Heute ist die ehemalige Mühle der Familie Mager / Gemmer ein landwirtschaftlicher Nebenerwerbsbetrieb.

In diesem Jahre 1875 waren auch die Standesämter gebildet worden, und die Personenstandsregister wurden nun nicht mehr von den Pfarreien, sondern von den neuen Ämtern geführt. Marienfels bildete mit Berg, Ehr und Hunzel einen Standesamtsbezirk, dem Bürgermeister Christian Hausen vorstand.

Im März 1876 richtete ein gewaltiger Sturm große Schäden in unserer Gegend an. Im Feld wurden Obstbäume und im Wald die stärksten Eichen, Buchen, und Fichten umgeworfen. Der im hiesigen Wald angerichtete Schaden wurde von der Forstbehörde auf 1.400 Klafter Holz taxiert. Eine Einnahmequelle, die noch lange Jahre hätte fließen können, wurde damit verstopft. Danach musste die Gemeinde zum Ausgleich der Kassenlage Steuern erheben, was bisher recht selten der Fall war. Der ganz landwirtschaftlich geprägte Ort konnte nur einer bestimmten Zahl von Einwohnern auch ein ausreichendes Einkommen bieten. Auf der Gemarkungsfläche wuchs eben nun so viel, und die Erträge hatten sich nicht wesentlich gesteigert, dagegen wurde von den Wiesen mehr geerntet. Durch die Aufteilung des bisher gemeindeeigenen Trieschlandes waren auch die Betriebsgrößen angehoben worden, und mit der Zusammenlegung verstärkte sich die Bautätigkeit im Dorf.

Gewitterfront Aus dem Jahr 1875 wird uns noch von einem Ereignis berichtet, das durch glückliche Umstände nicht zu einer Katastrophe wurde. Am Sonntag, dem 6. Mai 1875, herrschte heller Sonnenschein, in Braubach rüstete man zum Kirchweihtag in den Gasthäusern, in Dachsenhausen, im Bachheimer Grund und Marienfels genoss man einen ruhigen, friedlichen Sonntag. Gegen 3 Uhr nachmittags wurde es schwül warm und aus der Eifel zog eine Gewitterwolke heran. Sie wurde zusehends größer, verdichtete sich zur schwarzen Wand, es donnente und blitzte, und sie hing dann über dem Heisebäumchen wie ein drohendes Ungeheuer. Es wurde noch dunklen, Blitz und Donner wechselten sich ab, und dann öffnete der Himmel seine Schleusen. Ein Wolkenbruch ging über Dachsenhausen und dem Heisebäumchen nieder. Gewaltige Wassermassen wälzten sich das Dachsenhäuser Tal hinunter, alles mitnehmend, was im Wege war. Da war zuerst die Dachsenhäuser Mühle, die linker Hand des Tales stand und auf ein gewisses Alter zünückblicken konnte. Sie wurde vom Wasser weggerissen und talab weggespült. In Braubach richtete das Unwetter großen Schaden an, so kamen etwa 40 Stück Vieh um, und ein l8-jähniges Mädchen verstarb noch 3 Tage später, weil es zu lange im Wasser lag. Wenn wir anfangs von glücklichen Umständen sprachen, dann waren die dadurch gegeben, dass der Wolkenbruch über Dachsenhausen sich in vier Richtungen verteilte. Für Braubach wäre es eine Katastrophe geworden, wenn die Wassermassen insgesamt sich über die Stadt ergossen hätten. Ein großer Teil floss das Dinkholder Tal hinunter, ein anderen über Kehlbach zum Hombach in Dessighofen und ein Teil über Niederbachheim, Ehr nach Manienfels. Es klingt wie eine Verniedlichung, wenn wir sagen, ein Teil kam das Ehren Tal herab. Doch lassen wir uns berichten, wie es der Schmiedemeister Christian Schreiner als kleines Kind mit seinen Eltern erlebte. Er war gerade fünf Jahre alt. Die ganze Familie saß an diesem Maisonntag in der Küche, deren Fenster zum Kaltenborn hin geöffnet war. Sie sahen das Gewitter über Dachsenhausen hängen mit Blitzen und Donnern. Es wurde schwarz und schwärzen, und dann fiel auch hier der Regen. Durch das geschlossene Fenster sahen sie dann, wie eine Wasserwand durch den Ehren Grund herankam, wie zwischen ihrer Scheune und der Bechermühle alles unter Wasser war, und, nachdem sie in das obere Stockwerk liefen, wie dieser braune Strom über den Sauerbrunnen gegen den Berger Weg am Käsberg stürmte, sich überschlug, um dann dem Mühlbach abwärts zu folgen. Es dauerte fast drei Stunden, bis die Wassermassen sich beruhigt hatten. Alles war mit Schlamm und Geröll übersät, und es dauerte viele Tage und Wochen bis das Gras wieder die Wiesen überwuchs.

Nach 1875 entstanden die neuen Wohnhäuser: Neidhöfer mit Scheune und Stallungen, Wagner mit Scheune, Wohnhaus Bauer, Wohnhaus mit Stall bei Adam Wiegand. In diesen Jahren entstanden die großen Scheunen von Bauer (Pfeifers in der Ortsmitte), von Clos (Ludwigs) und Heimanns. Bei diesen Scheunen wurde für die langen Durchzüge Flößerholz aus dem Schwarzwald verwendet. Allenthalben wurden nach Möglichkeit neue Viehställe gebaut. Bisher waren die Tiere mit im Wohnhaus, in einem Seitenteil untergebracht. Lediglich Schweine und Ziegen hatten ihren eigenen Stall. Schon im Herzogtum war der Bau von Ställen und Jauchegruben gefördert worden, und wir haben schon in einem früheren Abschnitt vermerkt, wieviel an alten Mauerresten aus der Römerzeit nun mit verbaut wurde. Damals waren noch viele alte Wohnhäuser, man erkennt sie an der spitzen Dachneigung, mit Stroh gedeckt. Bedingt durch viele Brände legte man in Nassauischen Zeit Wert darauf, die Strohdächer durch Schiefer zu ersetzen. Das ist auch bis in die 1990-er Jahre des vorigen Jahrhunderts geschehen. Aus eben genannter Brandgefahr wurde auch verstärkt eine Verputzung der Fachwerkfassaden allgemein durchgeführt. Von zwei großen Bränden im Dorf wurde bereits berichtet. Ältere Scheunen stehn heute noch bei „Altbürgermeisters“, Bauers (Wiesen- und Oberdörfer), Korls, Pfeifers und Kaisers.

Zum Ausgang des 19. Jahrhunderts hatte die Industrie einen gewaltigen Aufschwung genommen. So konnten auch mehr Einwohner ihn Einkommen außerhalb der Landwirtschaft finden, in der Braubacher Hütte oder im „Niederland“ im Kölner Raum. Es mutet heute als undenkbar oder als Märchen an, wenn man erzählt, dass die Arbeiter damals zu Fuß nach Braubach und wieder zurück gingen. Welche Leistungen da von ihnen erbracht wurde (frühes Aufstehen, der lange Fußmarsch, die oft zehnstündige Arbeitszeit und wieder der Weg zurück), das ist für heutige Begriffe unfassbar. Vieles, was später selbstverständlich war, gab es noch nicht; Kleinbahn, Personenauto und auch das Fahrrad. Letzteres wurde nachher zum wichtigsten Befönderungsmittel und zum billigsten. Deshalb war der Ausbau der Landesstraße von Braubach über Dachsenhausen nach Manienfels in den Jahren 1880 bis 1888 eine wichtige und nutzbringende Maßnahme. Bisher ging der alte Fahrweg schon seit den Römern in fast gerader Richtung über die Höhe, ließ Dachsenhausen seitlich liegen, um dann ab Hilberstiel in einigen Schleifen das Tal zu erreichen. Und gerade dieser Aufstieg zum Hilberstiel war entscheidend dafür, dass von der Preußischen Regierung eine neue Straße durch das Dachsenhäuser Bachtal geplant wurde. Nach Abschluss der Vermessungsarbeiten und dem nötigen Landankauf begannen ab Braubach die Arbeiten. Die gesamte Strecke wurde mit Bruchsteinen gestückt und erhielt eine Schotterdecke. In der Gemarkung Manienfels wurde die Steigung am Weißen Graben durch eine große Kurve umgangen und über den Ehrer Bach eine Brücke errichtet. Vorher führte die Straße über den heutigen Sauerbornsweg Richtung Brunnen, knickte dann im spitzen Winkel ab, um zunächst durch den Ehrer Bach und an der Kaltenborner Mühle vorbei Richtung Weißer Graben zu verlaufen. Wir sehen aus der alten Straßenführung, dass sich hier am Sauerbrunnen die Braubachen Straße (auch die Nassauer- oder Lahnsteiner Straße genannt) und diejenige, die von hier an Berg vorbei über Singhofen, Salscheider Hof zur Burg und späteren Abtei Arnstein führte, trafen. Könnte hier nicht Mittelpunkt des an anderer Stelle erwähnten größeren Ortes Denighofen gewesen sein? Von alters her wird überliefert, der Sauerbrunnen lag früher mitten im Dorf. Jedenfalls brachte die neue „Braubacher Chaussee“ wie sie nun genannt wurde, für Marienfels eine große Verkehrsverbesserung.


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