Kapitel 10   –   Die Schule

Abschnitt 1   –   Aus der Geschichte der Schule



Von der Völkerwanderung bis zur Reformation hat niemand an Bildung und Schulung der hörigen und leibeigenen Landbevölkerung gedacht. Es gab nur Hof-, Kloster- und Stadtschulen. Durch verschiedene Schriften Luthers und seine Sendschreiben wurden Fürsten, Bürgermeister, Schultheißen aufgefordert, christliche Schulen einzurichten „ob der Unwissenheit des armen Volkes“. Der erste Fürst, der Schulen verlangte für Stadt und Land und für beide Geschlechter, war Landgraf Philipp von Hessen. Die aufgestellte Kirchen- und Schulordnung von 1526 galt für die Niedergrafschaft Katzenelnbogen und sicher auch für das Vierherrische.

Die erste Schule wurde in Marienfels nach W. Diehl (Hassia Sacra VII) in der 2. Hälfte des 16 Jh. errichtet. Sie erhielt 1596 ihr erstes Schulhaus. Bis 1598 hatten 13 von 27 Kirchspielsgemeinden des Vierherrischen eine Schule. Wo vor 1596 in Marienfels Schule gehalten wurde, wissen wir nicht. Aber aus dem 17. Jahrhundert berichtet die Marienfelser Schulchronik, dass es um Schulhäuser und Schullehrer sehr traurig bestellt war. „Die Schulhäuser waren gewöhnlich Backhäuser oder sonst elende Hütcher (Hütten), meist war das Schulzimmer zugleich das Zimmer der Lehrersfamilie und die Besoldungen nicht selten zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig, auch dachte man damals wenig daran, Schullehrer zu ihrem künftigen Beruf zu bilden, sondern man behalf sich mit bedankten Soldaten oder Professionsleuten, daher auch ein erbärmlicher Unterricht Eingang hatte“.

Dass die Schule in Marienfels eine besondere Bedeutung hatte, ist daraus zu ersehen, dass sie von 1606 bis 1624 schon mit studierten Schulmeistern besetzt war. Nach dem 30-jährigen Krieg hat es Jahrzehnte gedauert, bis die Voraussetzungen für ein geordnetes Schulwesen wieder gegeben waren. Man war nach der schrecklichen Zeit froh, eine halbwegs geeignete Person zu finden. Verarmte Pfarrer, invalide Militärpersonen, unzufriedene Handwerker, verkrachte Existenzen wurden als Lehrer angestellt, und es entstand zunächst die „Dingschule“. Es wurde ein Dinglehrer angestellt, gedingt für ein Jahr oder nur für einen Winter, in der Regel, wie das Gesinde, von Martini bis Mai. Als erster festangestellter Lehrer in Marienfels wird von 1659 bis 1665 ein Samuel Rörich genannt.

Wie wurden in den folgenden 120 Jahren die Lehrer für die Kirchspielschule in Marienfels ausgewählt? Wollte man als Lehrer angestellt oder befördert werden, dann musste man sich an den Ortspfarrer und den Kirchenvorstand wenden. Man musste „dessen Gunst suchen zu gewinnen und auf seine Seite wissen zu bringen, gelang ihm dieses, welches öfters durch Spendieren glückte, dann war Hoffnung da“. „Was von dem Schullehrer gefordert wurde, bestund darin: Lektionen in dem Confessions Catechism lernen und hersagen, Lesen und Buchstabieren, Schreiben und Rechnen, die Schüler die vorzüglichsten Kirchenlieder singen lehren und den Choral nothdürftig dazu spielen können“. Besaß der Kandidat diese Kenntnisse, dann wurde zur Probe geschritten, die während des öffentlichen Gottesdienstes stattfand. Der Anwärter musste zunächst von dem Lied, das bei dem Gottesdienst gesungen werden sollte, einen Vers allein singen. Der 2. Teil der Prüfung bestand darin, auf der Orgel zu „präludieren“, das Lied choralmäßig vorzuspielen, es auch beim Singen der Gemeinde auf der Orgel zu begleiten und zum Schluss „der Gemeinde mit Hoppser- und Trompeterstückcher“ noch Vergnügen zu machen. Verstummte einer beim Alleinsingen oder war sein Orgelspiel allzu falsch oder wusste er nicht weiter, dann konnte er unter lautem öffentlichen Verspotten und Verlachen abziehen. Bestand er aber die Probe, d. h. gefiel er mit Singen und Spielen der Gemeinde und dem Kirchenvorstand, dann präsentierte ihn letzterer dem „Geistlichen Inspector der Diöces“. Von diesem erhielt er dann die Bestätigung seiner Beförderung als Schullehrer. Diese Art der Prüfung fand bis zum Jahre 1792 statt. Dann regelten die beiden Consistorien zu Dillenburg und Wiesbaden die Anstellungen.

Außer einem kärglichen Lohn aus der Gemeindekasse erhielt der Schullehrer eine ärmliche Wohnung, etwas Nutzland, Naturalien, Holz zum Heizen der Schulstube und der Wohnung. Die Naturalien, meist ein Simmer Mengfrucht, ging er von Haus zu Haus einsammeln. Erst in der 2. Hälfte des 18. Jh. wurden sie ihm ins Haus gebracht. War die Ernte sehr schlecht ausgefallen, gab es auch den „Reihumtisch“, der Lehrer ging an jedem Tag in ein anderes Haus zum Essen. Als Küster hatte der Schulmeister den Pfarrer bei allen geistlichen Handlungen zu bedienen, die Glocken zu läuten, die Orgel zu „schlagen“, vorzusingené den Klingelbeutel während der Predigt umzutragen, die Kirche zu reinigen, den Kinderchor bei Hochzeiten und Beerdigungen zu leiten. Dafür erhielt der Lehrer kleinere Zuwendungen und war vom Frondienst und der Viehhütegebühr befreit. Aus dem Jahre 1660 liegt eine Beschwerde des damaligen Schullehrers vor, in der es heißt, dass er von dem amtierenden alten Pfarrer genötigt wurde, während des Gottesdienstes die Schlafenden mit einem Stöckchen zu wecken.

Um die Besoldung des Lehrers etwas zu verbessern wurde in einer „Renovierten Marienfelser Schulcompetenz vom 15. July 1698“ festgelegt: „Der Schullehrer Joh. Georg Diez von Kördorf, welcher als Schullehrer hier angestellt ist, sollte, um mehr Fleiß bei der Schuljugend anzuwenden, erhalten von jedem Haus jährlich 1 Simmer Glockenkorn und 1 Gebund Stroh für die Viehzucht als Zulage. Dann soll er von einer alten Leiche 12 Petermännchen und 2 Laib Brot für das Läuten bekommen. Im übrigen soll die Schulbestallung bleiben wie sie bisher war.“ Unterschrieben ist diese Vereinbarung von Pfarrer Ebenau, Schultheiß Josef Breithaupt, den Gerichtsschöffen Martin Klos, Joh. Peter Laux, Martin Haxel, Joh. Kaspar Knecht, Joh. Peter Paul, Joh. Adam Rethert und weiteren fünf Bürgern. Der Wohnort der Unterzeichner ist nicht angegeben, sie dürften aus den vier Kirchspieldörfern stammen.

Eine „2. Renovierte und verbesserte Marienfelser jährliche Schulbestallung“ liegt dann vor aus dem Jahre 1718. Darin wird die Besoldung des Lehrers wie folgt beschrieben:

  1. Der Lehrer erhält in Fixo fl (Gulden) Albus
    1. Aus dem Kirchenverein 30
    2. Additione von dem vierherrischen Inspektor laut Spezialdekret 10
    3. Legato von Pfarrer Ebenau 1 1/2
    4. Aus den Almosen als Pfleger derselben 3
    5. Aus diesem für das Kirchengerät waschen 1/2
  2. An Naturalien
    1. Von jedem Kind, das in die Schule geht, ein Wagen Holz
    2. Von jedem Haus, so einen eignen Rauch führet, die Uhr zu stellen, zur gewöhnlichen Zeit zu läuten: 1 Simmer. Für das Orgelspielen 1 Nassauer Sester Korn, welches Korn zu Martini und Ostern an jedem Kirchspielsort muß geschüttet werden.
    3. Von jedem Haus je ein Gebund Roggen- und Haferstroh.
    4. Glockengarben zu Geisig von der Hälfte der Einwohner diesseits der Bach.
  3. Gerechtsame
    1. Gleich jedem Einwohner des hiesigen Ortes das Mast- und Weiderecht, darf sich auch das nötige Streulaub im Walde holen.
  4. IV. Accidentien
    1. Von einer Kindtaufe 2 Petermännchen
    2. Von einer Hochzeit 18 Petermännchen
    3. Von einer Leiche 18 Petermännchen
    4. dann 2 Petermännchen Weck.
  5. V. Gütherstücke
    1. Von jedem Kirchspielsort ein Acker und eine Wiese, von Marienfels aber noch einen Kappesgarten am Sauerborn.
Unterschrieben ist diese Akte vom Schullehrer Joh. Paul Kern, dem Schultheißen Breithaupt und 6 Bürgern. „Obiges wurde Hessischerseits Konfirmiert in St. Goar am 29. Juny 1720 von dem Inspektor Birkenhauer“ und noch einmal vom Fürstl. NassauSaarbruckischen Inspektor bestätigt.

Mit der Nassau-Diezischen Schulordnung von 1736 wurden die Verhältnisse dann wesentlich verbessert. Die Schulinspektoren und Prediger sollten die Schule monatlich einmal revidieren, im Sommer sollte von 7 bis 9 Uhr, im Winter von 8 bis 10 und von 13 bis 15 Uhr Unterricht erteilt werden. Ferien waren in den Hundstagen und 2 Tage vor den hohen Festen.

1777 erließ der Fürst ein „Edikt für den Volksunterricht“. Darin wurde auch ein Schullehr- und -lesebuch angekündigt. Bis zu dieser Zeit wurden als Lehrbücher in der Marienfelser Schule verwandt: die Bibel, das Testament, der Birkenhauersche und später Seislersche Katechismus, das Spruchbuch, das Marburger Gesangbuch, der kleine Katechismus von Luther, der Psalter, Hübners Historie, Rochows Kinderfreund und das ABC-Buch. Von der Methode wird gesagt, dass der Unterricht nach den Anweisungen der Schulordnung „pünctlich“ durchgeführt wurde. 1810 trat ein neuer „Schul- und Lehrplan“ in Kraft. Er legte fest, dass das ganze Jahr Schule zu halten sei, im Sommer wöchentlich an vier Vormittagen. Die Schulstrafen sollte der Lehrer „mäßig üben“.

Durch das „Nassauische Schuledikt von 1817“ wurde auch in unsrem Raum die Simultanschule eingeführt, eine Trennung nach Konfessionen also abgeschafft. Für die Marienfelser Schule brachte das keine Änderung. Die Bewohner von Marienfels und den Kirchspielsorten waren ganz überwiegend evangelisch. 1819 werden von den 107 Schulkindern nur fünf als „katolisch“ angegeben, 1824 war von 115 Kindern nur ein Mädchen katholisch. Diese katholischen Kinder besuchten schon immer die Schule in Marienfels, von Schwierigkeiten irgendwelcher Art wurde nie berichtet. Nach dem Übergang Nassaus an Preußen 1866 wurde die Nassauische Simultanschule noch einmal in Frage gestellt. Der Bischof von Limburg sprach in einem Hirtenbrief 1866 die Hoffnung aus, dass das nassauische Schulwesen „in seinem dermaligen Zustande nicht erhalten bleibe“. Es kam zu einer heftigen Fehde um die Simultanschule auch im preußischen Landtag. Der nassauische Kommunallandtag trat zwischen 1868 und 1873 sechsmal zusammen, bis erreicht war, die Simultanschule zu erhalten.

Durch das genannte Schuledikt wurde auch die Besoldung der Lehrer „normiert“, der Dorfschullehrer aus der Gemeindekasse bezahlt. Der Schulbesuch wurde für die Kinder kostenlos, also frei von Abgaben. Die Lehrer wurden vom Dienst als Glöckner und Küster befreit. Der Handarbeitsunterricht wurde in Marienfels seit 1820 erteilt. Die erste „Industrielehrerin“ war die Ehefrau des Joh. Stotz aus Berg. Sie erhielt jährlich 15 Gulden. Seit 1840 wird auch von einer „Abendschule“ in Marienfels berichtet. Für deren Besorgung erhielt der Lehrer 15 Gulden und 2/3 Klafter Holz. An die „Fortbildungsschule“, die 1922 obligatorisch eingeführt wurde, können sich die älteren Einwohner sicher noch erinnern. Die Gemeinden Marienfels, Berg, Ehr und Hunzel hatten sich zu diesem Zweck zusammengeschlossen und Marienfels zum Schulort bestimmt. Der Unterricht wurde abwechselnd von den drei Lehrern des Kirchspiels gehalten.

Früher bestand in Marienfels die Einrichtung, dass 12 Knaben aus den letzten Klassen einen Leichenzug begleiteten und für das Singen am Grab 24 Kreuzer erhielten. 1858 bestimmte der Lehrer, dass künftig alle Kinder der beiden letzten Klassen am Grabe singen sollten. Das dadurch vereinnahmte Geld war für die Anschaffung geeigneter Bücher gedacht. Politische Gemeinde und Kirchengemeinde stellten dazu kleine Beträge zur Verfügung, sodass die Grundlage für eine Schülerbibliothek gelegt war. Erst am 1.1.1920 wurde das „Leichensingen“ durch Schulkinder eingestellt.

Die Schulchronik berichtet von vielen Beeinträchtigungen des Schullebens während der letzten 200 Jahre. Wegen allzu strenger Winter konnten die Kinder aus Berg, Ehr und Hunzel nicht zur Schule kommen, heiße und trockene Sommer hielten die Kinder von der Schule fern, Einquartierungen im Schulhaus und im Schulsaal ließen den Unterricht ausfallen, Krankheiten und Epidemien suchten die Familien heim. So gab es 1899 erhebliche Störungen im Schulbesuch, da sehr viele Schüler monatelang die Schule nicht besuchen konnten. Es war „Unterleibstyphus“ ausgebrochen und besonders Berg war davon betroffen, 4 Personen starben dort kurz hintereinander an dieser Krankheit. Erst als zwei Pflegerinnen des Roten Kreuzes nach Berg kamen und die Krankenpflege übernahmen, erlosch die Krankheit schnell. Nach dem Ersten Weltkrieg, Marienfels gehörte zur 2. Besatzungszone, wurden in Marienfels französische Soldaten einquartiert. Im Schulsaal lag ein Zug einer Maschinengewehrkompanie mit seinen Waffen, in die Lehrerwohnung war ein Offizier mit zwei Burschen eingezogen. Die Polizeistunde wurde auf 20 Uhr festgesetzt, danach durfte kein Einheimischer mehr die Straße betreten. Die Offiziere mussten durch Abnehmen der Kopfbedeckung gegrüßt werden.

Nach dem 2. Weltkrieg begann im Oktober 1945 wieder der Unterricht in Marienfels. Als Lehrer Henn 1945 nach 39 Jahren Lehrertätigkeit in Marienfels entlassen wurde, wurde die Schulstelle für zwei Jahre von den Lehrern der Nachbarschulen mit versorgt. 1965 beschloss der Landtag in Rheinland-Pfalz, dass die 7. und 8. Schuljahre in Mittelpunktschulen zusammengefasst werden sollten. Marienfels wurde dem neuen Schulverband Miehlen angegliedert. Da dort aber die baulichen Voraussetzungen für die Aufnahme aller Kinder noch nicht gegeben waren, wurde zunächst eine Unterstufenklasse in Marienfels belassen. Das Ende der Schule Marienfels kam 1967, als auch die Unterstufenkinder nach Miehlen eingeschult wurden. Heute besuchen die Kinder von Marienfels die Grundschule in Miehlen (1. -4. Schulj.) und die Hauptschule in Nastätten (5. - 9. Schulj.).


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