Kapitel 9   –   Die Kirche

Abschnitt 6   –   Die Kirche zu Marienfels



Wie schon an anderer Stelle erwähnt, gilt unsere Kirche als eine der ältesten des ganzen Gebietes, bestimmt aber als die älteste des Einrichgaues. Spielmann setzt ihre Erbauung in das 8. Jh. Es steht dabei wohl ganz außer Zweifel, dass es sich dabei nicht um unsere jetzige Kirche handeln kann, es muss vielmehr eine Holzkirche gewesen sein. In den Ausführungen über den verschwundenen Ort Denighofen habe ich die Vermutung geäußert, dass südwestlich von Marienfels im Bereich des Dorfes Denighofen die alte Holzkirche gestanden haben könnte. Auf dem Felsen, der sich 10 Meter über dem Spiegel des Mühlbaches und den umgebenden Wiesen erhebt und auf dem heute die Kirche steht, mag in germanischer Zeit eine Kultstätte und später die Dingstätte des Einrichgaues gewesen sein.

Wann wurde die jetzige Kirche erbaut? 1934 stieß man bei der Erbauung einer Heizungsanlage unter der heutigen Kirche auf Mauerreste. Museumsdirektor Kutsch aus Wiesbaden, der benachrichtigt wurde, hielt die Reste für die Abschlussmauern einer älteren romanischen Kirche. Die Mauern, im Fischgrätmuster erbaut, reichen seitlich über die heutige Kirche hinaus und finden ihre Fortsetzung auf beiden Seiten des Totenhofes. Leider hat man diese Spuren unserer ältesten Steinkirche nicht weiter verfolgt. Ein gemauertes Grab unter dem Kaltluftschacht der Heizung wurde nicht geöffnet „wegen Geldschwierigkeiten“.

Dieses alte Gotteshaus mag nicht allzu lange gestanden haben, wenn man bedenkt, dass im 10. und 11. Jh. die Umwandlung der Holz- in Steinkirchen stattfand, seine Errichtung demnach auch in dieser Zeit anzusetzen ist. Die ältere Kirche wurde wahrscheinlich auch als Gerichtsstätte benutzt, was sich aus der Kopplung der Gaugrafen- und Patronatswürde, beide besaßen die Grafen von Arnstein, zu schließen ist. Warum und wann diese erste Steinkirche zerstört und wann auf ihren Grundmauern die heutige Kirche errichtet wurde, wissen wir nicht. In einem Bericht von Karl H. Pack fand ich die Jahreszahlen 1097/98 als Erbauungsjahre für das Haupthaus der heutigen Kirche, aber es fehlen die Quellenangaben, oder sollte es sich bei diesen Zahlenangaben nur um Vermutungen handeln im Zusammenhang mit der Sage, dass ein damaliger Patronatsherr nach der Rückkehr vom Kreuzzug der Maria eine Kirche bauen wollte? Der erste Kreuzzug begann ja 1096. Oder schließt man aus der Zahl 1098, die man am Altartisch der Kirche erkennen will?

Im allgemeinen geht man davon aus, dass die jetzige Kirche mit dem romanischen Turm im 12. Jh. erbaut und der Chorraum etwa um 1300 angesetzt wurde. Da die Kirche in Marienfels von Geschichtsforschern als Eigenkirche der Grafen des Einrichgaues angesprochen wird, ist eigentlich daraus zu schließen, dass diese Grafen auch die Kirche erbauen ließen. Und Gaugrafen waren, wie in einem früheren Abschnitt erwähnt, die Vorfahren der Grafen von Arnstein. Der Name Arnstein taucht bei ihnen erst seit Mitte des 11. Jh. auf. Die Frage bleibt aber offen, ob die Gaugrafen, seit 964 sind sie namentlich bekannt, die ältere Steinkirche oder ob die Arnsteiner Grafen die jetzige Kirche bauen ließen. Auch in diesem Zusammenhang muss die bereits erwähnte Sage aus der Pfarrchronik über die Stiftung der Kirche durch einen Ritter vom Stein, der nach glücklicher Heimkehr der Maria in Marienfels eine Kirche erbaute, kritisch gesehen werden. Denn die Familie vom Stein erhielt erst 1303 die Patronatswürde in Marienfels, und die Pfarrkirche war ursprünglich St. Peter und Paul geweiht.

Kirche Die ursprüngliche Bauart unserer Kirche, in malerischer Lage auf einem Felsen, vom Mühlbach umflossen, scheint romanisch gewesen sein. An dem Turm ist das deutlich zu erkennen. Die untere Hälfte des Turmes hat nur schmale Lichtspalten und eine rundbogige Westtür. Die beiden Obergeschosse sind durch gemauerte Rundbogenfriese gegliedert. Die gekuppelten Schallöffnungen mit Würfelknaufsäulchen liegen in den Rundbogenblenden. Das zweigeschossige Turmdach spricht wohl noch für die frühere Bedeutung der Kirche. Der heutige Turmhelm wurde um 1700 von dem Zimmermeister Hans Wilhelm Schreiber aus Marienfels angefertigt. Der gotische Stil tritt in dem erst 1300 errichteten, dreiseitig geschlossenen, nur wenig eingezogenen Chor in Erscheinung. Das mittlere Chorfenster ist spitzbogig mit spätgotischem Maßwerk aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Das Langhaus wurde 1733 umgebaut und innen mit dem Chor nach Ausbruch des Chorbogens zu einem einheitlich flachgedeckten Saalbau mit Emporen zusammengefasst. Die Emporebrüstungen im Chor sind mit Apostelbildern, im Langhaus mit Darstellungen aus dem Neuen Testament bemalt. Die 12 Apostel sind jeweils mit den Zeichen ihrer Würde oder ihres Handwerks dargestellt. Das Bild mit dem größeren Heiligenschein zeigt den Retter der Welt (salvator mundi), Jesus Christus.

Der alte, aus Steinen gemauerte Altar hat als Altartisch eine 10 cm starke, durchgehende Schieferplatte. Die Weihekreuze in den vier Ecken und in der Mitte zeugen von der Konsekration durch den Erzbischof von Trier, die am 29.06.1098 stattgefunden haben soll. Ob man daraus auf das Erbauungsjahr der jetzigen Kirche schließen kann oder ob die Altarplatte in der älteren Kirche schon gestanden hat, ist nicht bekannt.

Kanzel Die um 1612 erbaute Kanzel wird dem Künstler Schöller aus Ems zugeschrieben. Die einzelnen Felder um die Kanzel trugen früher Bilder, die leider durch spätere Übermalung undeutlich geworden sind. Nur die Tür zur Kanzel hat ihre Ursprünglichkeit bewahrt. An der Unterseite des Schalldeckels stehen die Worte: „Du Menschenkind, du sollst dich vor ihnen nicht fürchten, du sollst ihnen mein Wort sagen, sie mögen es tun oder lassen“.

Maria mit dem Pilz Außergewöhnlich ist zweifellos das mittelalterliche Marienbildnis. Es befindet sich an der Wand rechts vom Altar. Vor barock übermaltem gotischem Altaraufsatz ist die sitzende Muttergottes als Himmelskönigin dargestellt. Sie trägt eine mit Edelsteinen besetzte Krone und hält das Jesuskind auf dem Arm. In der rechten Hand hält sie einen Pilz, ein Zeichen des Wachstums und der Fruchtbarkeit des Taunusgebietes. Das Jesuskind hat ein aufgeschlagenes Buch in den Händen und auf dem Kopf eine spitzwinklig gezackte Gloriole. Und wenn unsere Kirche vor der Reformation häufig als Wallfahrtskirche bezeichnet wurde, so galten die Wallfahrten nach Marienfels dem „wunderwirkenden Gnadenbild der Muttergottes vom Taunus“. Uflacker schreibt in seiner „Festschrift der evangelischen Gemeinde Nastätten“, dass im Jahre 1300 anläßlich des Jubiläumsablasses 7.000 Menschen zu „Unsrer lieben Frau“ nach Marienfels gewallfahret seien.

An der oberen Seite der gegenüberliegenden Wand gibt es ein großes Bild des Josef. Rechts vom Altar liegt in der Chorwand die im Zuge der 1985 durchgeführten Renovierung wieder entdeckte Sakramentsnische, wahrscheinlich aus dem Jahr 1732. Das Alter des Taufsteines kann nicht genau angegeben werden. Pack schreibt, dass er auf das 11. Jh. zurückgeht, Dehio datiert ihn in seinem „Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler“ in das 18. Jahrhundert. Die Wangen des Kirchengestühls zeigen wieder die freigelegte Barockbemalung aus dem Jahre 1733. Im unteren Raum des Kirchturms steht in einer Fenstemnische eine aus kleinen Mosaiksteinchen gelegte Pieta. Davor liegt das Buch mit den Namen aller Gefallenen des Kirchspiels. In diesem Raum befinden sich auch zwei Holzepitaphien, links vom Fenster der Epitaph des Pfarrers Ebenau aus 1713 und rechts des Fensters der Epitaph der Dorothe Elisabeth Müller, Tochter des Pfarrers Valentin Müller. Sie ertrank 1721 im Alter von fünf Jahren im Mühlbach.

Im Turm hängen 3 Glocken.

  1. Die große Glocke hat einen Durchmesser von 91,5 cm und ist auf den Grundton „b“ gestimmt. Sie wurde 1445 von dem berühmten Glockengießer Jaen Bruvile gegossen. Eingegossen ist das Bildnis der Maria. Die Inschrift lautet: „Maria heißen ich, doenre on weder verdriven ich, in Gott nam loet man mich, den leven oen doden luden ich“.
  2. Die mittlere Glocke mit einem Durchmesser von 79,5 cm ist dem Petrus geweiht und wurde am 8.10.1439 gegossen. Sie trägt die Inschrift: „0 sancte peter, anno domini milesimo quadregesimo triresimo nono – octavo kalenda octobris“.
  3. Die kleine Glocke hat 62,5 cm Durchmesser, hat den Grundton „es“ und wurde ebenfalls 1445 gegossen. In gotisierenden Majuskeln sind die Namen der vier Evangelisten eingegossen: „s.matheus-s.lucas-s.marcus-s.johannes-heissen ich, jaen bruvile gois mich. anno Domini 1445“.
Im Zweiten Weltkrieg mussten die beiden größeren Glocken zu „Rüstungszwecken“ abgegeben werden. Am 4.12.1947 traf beim Pfarramt in Marienfels die Nachricht ein, dass beide Glocken im Hamburger Freihafen gefunden wurden. Beide Glocken trafen dann im Februar und März 1948, von einer großen Menschenmenge freudig begrüßt, in Marienfels ein. Die feierliche Wiederindienstnahme der heimgekehrten Glocken geschah im Gottesdienst am 1. Ostertag 1948. Zur Heimkehr der Marienfelser Glocken vom Glockenfriedhof in Hamburg schrieb Henriette Fuhrmann folgendes Gedicht:

Läutet hell ihr Kirchenglocken weit ins heimatliche Tal,
möchte gern mit euch frohlocken, seid gegrüßt viel tausendmal.
Oh, wie freu ich mich der Stunde, nach der Zeit so schwer und bang,
dass ihr tönet in der Runde mit dem altvertrauten Klang.
Dass ihr wieder heimgekehret aus der schweren Kriegesnot,
und ihr seid noch unversehret, brachtet niemandem den Tod.
Zweimal wart ihr ausersehen einst und jüngst im schwersten Krieg
in Granaten zu erstehen, wollt euch opfern für den Sieg.
Wunderbar bliebt ihr erhalten trotz manch schwerer Bombennacht,
dankbar sind die Jung und Alten, dass ihr seid zurückgebracht.
Kündet froh den lieben Sonntag mit der ehernen Stimme Klang
und begleitet ernst die Toten auf dem letzten Erdengang.
Mahnet fernere Geschlechter: haltet Frieden alle Zeit.
Gott behüt euch Heimatglocken bis in alle Ewigkeit.


In den letzten Jahrzehnten wurde die Kirche in mehreren Bauabschnitten gründlich renoviert. Nachdem die alten Kirchenbänke ausgebaut worden waren, begann die Innenreparatur der Kirche im Herbst 1958. Sie wurde ausgeführt unter der Leitung des Architekten Theodor Schäfer aus Marienfels von den Kirchenmalern Geßner und Dick aus Wasenbach, Malermeister Heinz Lehmann aus Marienfels und Schreinermeister Paul Debus aus Marienfels.

Kirchturm Die Neubeschieferung des Turms erfolgte 1962. Dazu schreibt Hermann Schild, zu der Zeit Pfarrer und Dekan in Marienfels: „Anno Domini 1962 konnte mit Gottes Hilfe der Turm der Kirche einer gründlichen Reparatur unterzogen werden. Das Gebälk des Turmes befand sich in gutem Zustand, abgesehen von einigen Balken in der Nähe des Daches, die verwittert waren und erneuert werden mussten, blieb am Gebälk sonst alles unverändert. Die Verschalung des Turmdaches zeigte dagegen die Spuren starker Verwitterung und musste im wesentlichen erneuert werden. Der Turmhahn, den amerikanische Besatzungssoldaten im Jahre 1945 mit Maschinenpistolensalven heruntergeschossen hatten und der nach der Währungsreform im Jahre 1948 bei Ausbesserungsarbeiten am Turm wieder aufgesetzt worden war, verließ wiederum seinen luftigen Sitz, um einen Überzug aus Blattgold zu erhalten. Mit Bändern geschmückt wurde er von den Dachdeckern durchs Dorf getragen und danach auf seinen erhöhten Platz zurückgebracht, damit er weiter Geschlecht um Geschlecht mahne, die Geschichte von der Verleugnung des Herrn durch Petrus für das eigene Leben zu bedenken. Die alte fassähnliche Kuppel musste infolge ihres Alters und da sie durch den Beschuss amerikanischer Soldaten beschädigt worden war, durch eine neue ersetzt werden, die von Dachdeckermeister Edwin Grebert aus Eschbach aus Hartblei angefertigt wurde. Der Turm ist mit bestem Kauber Schiefer gedeckt worden und hat eine Dachtraufe erhalten, die bisher nicht vorhanden war. Beim Entfernen des alten Schiefers wurden an der Kirchturmspitze zwei Schiefer gefunden, welche folgende Eingravierung zeigten: Johan Chr. Stromer von Sa. Goar 1700. Ferner entdeckte man in der Kuppel des Turmes ein Schriftstück, das sich in einer Bleiumhüllung befand. Es war von Pfarrer Rhod verfasst anlässlich der Erneuerung des Turmkreuzes im Jahre 1854, welches heute noch unsren Kirchturm ziert. Feuchtigkeit, die in die Bleikapsel eingedrungen ist, hat das Schriftstück ziemlich verderbt. Es wird im Aktenschrank im Pfarrhaus aufbewahrt. Die Finanzierung der Reparatur kam durch die dankenswerte Mithilfe der Zivilgemeinden des Kirchspiels sowie der Kirchenleitung der Ev. Kirche in Hessen und Nassau und des Landesamtes für Rheinland-Pfalz in Mainz wie folgt zustande: Die Zivilgemeinde Marienfels gewährte einen Zuschuss von 800 DM, die Zivilgemeinde Hunzel einen Betrag von 700 DM, die Zivilgemeinde Berg spendete 600 DM und die Zivilgemeinde Ehr stellte eine Spende in Höhe von 50 DM zur Verfügung. Von dem Landesamt für Denkmalspflege flossen der Kirchengemeinde 2.000 DM zu, und die Kirchenleitung der Ev. Kirche in Hessen und Nassau deckte die Finanzierungslücke durch einen Zuschuss in Höhe von 1.000 DM und durch ein zinsloses Darlehen in Höhe von 4.000 DM, welches in zehn Jahresraten zurückzuzahlen ist“.

1963 wurden die Neubeschieferung des Kirchendaches und die Neuanlage der Entwässerung vorgenommen. In einem weiteren Bauabschnitt wurden 1964/65 Verputz und Anstrich des Turmes und der Kirche erneuert. Nach Abschluss der gesamten Kirchenrenovierung konnte 1985 die Wiedereinweihung gefeiert werden.


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