Kapitel 9   –   Die Kirche

Abschnitt 5   –   Das Kirchenpatronat zu Marienfels



Wappen derer von Kanitz Was versteht man unter Patronatsrecht? Schon bei unseren germanischen Vorfahren hatte der Grundherr Verfügungsgewalt über die auf seinem Eigentum errichteten Tempel. Er konnte Priester anstellen und absetzen. Im 12. Jahrhundert hat Papst Alexander III. das Eigentumsrecht der Grundherrn (Patrone) an den Kirchen verneint, das Anstellungsrecht der Patrone beseitigt und es auf eine bloße Präsentation der Geistlichen an den Bischof beschränkt. Daraus entstand das Patronatsrecht, das „ius patronatus“. Nur einzelne Punkte aus diesem Recht sollen erwähnt werden. So gehörte zu den Rechten und Pflichten des Patrons:

  1. Das Präsentationsrecht, nach dem der Patron bei der Neubesetzung einer Pfarrstelle eine qualifizierte Person benennen (nominieren) oder vorstellen (präsentieren) konnte. Die Einsetzung (Investitur) erfolgte durch den Bischof.
  2. Das Recht des Vortritts bei Prozessionen vor anderen Laien.
  3. Das Recht auf einen besonderen Kirchenstuhl.
  4. Das Recht auf Fürbitte oder auf das Kirchengebet.
  5. Die Pflicht, die Beseitigung festgestellter Missstände zu beantragen.
  6. Die Pflicht, sich an Unterhaltung und Wiederherstellung von Kirche und Pfarrhaus zu beteiligen.
Das Patronat war vererbbares Recht, das im rechtsrheinischen Raum, wo die generelle französische Säkularisierung nicht durchgeführt wurde, so auch in Marienfels, heute noch gilt und von der evangelischen Kirche übernommen wurde. Der Bewerber für eine Pfarrstelle in Marienfels musste früher noch dem Kirchenpatron einen Revers ausstellen, dass er die geistliche Lehre nach der Augsburgischen Konfession predigen und einen guten Lebenswandel führen wolle. Zeitweilig war sogar ein zweijähriges Studium an der Universität Rinteln Voraussetzung für die Einsetzung als Pfarrer in Marienfels. Der Patron der Kirche zu Marienfels hat heute praktisch nur noch das Recht der Zustimmung bei einer Stellenbesetzung durch die Kirchenleitung, wobei die Gemeinde gegen den für sie bestimmten Geistlichen Einspruch erheben kann (votum negativum).

Die Kirche zu Marienfels war eine Eigenkirche der Grafen im Einrichgau und somit der Grafen von Arnstein. Eigenkirche heißt, dass der Grundherr die Kirche gebaut und betreut hat. Im 11. und 12. Jh. wurden die Eigenkirchen allgemein in Patronatskirchen umgewandelt. So wird es auch mit unserer Kirche gewesen sein, und wahrscheinlich ist dann das Patronatsrecht als Heiratsgut einer Arnsteiner Tochter an Reinhold von Isenburg (1103 - 1121) gegangen. 1278 überließ Isolde von Isenburg-Braunsberg das Patronatsrecht von Marienfels gegen das der Kirche zu Niederbieber dem Salentin von Isenburg. 1303, Robin von Isenburg war Archidiakon zu Dietkirchen und mit ihm starb das Haus Isenburg aus, ging das Patronatsrecht an Johann vom Stein, seine Gemahlin Jutta und seine Söhne Johann und Friedrich, die auch den Zehnten aus dem ganzen Kirchspiel bezogen. In der Marienfelser Pfarrchronik steht: „Die Kirche zu Marienfels ist von der freiherrlich vom Steinschen Familie zu Nassau, welche auch jetzt noch das Patronatsrecht ausübt, gestiftet worden. Es ist aber nicht bekannt, wann diese geschehen ist, denn in den Nachrichten, die vorhanden sind, wird nichts hiervon erwähnt“.

Bei der Einführung der Reformation verhielten sich die vom Stein zunächst sehr zurückhaltend. Dietrich vom Stein (gest. 1534) ließ noch seine Söhne in Italien studieren, damit sie „in eines Kardinals oder Papstes Dienst kämen und große Pfründen erlangten“. Dietrichs Sohn Engelbrecht vom Stein soll als Domherr zu Trier lutherisch geworden sein. Aus einem Visitationsbericht von 1544 geht hervor, dass das Steinsche Haus den evangelischen Glauben angenommen hatte. Als es durch die Einführung des reformierten Bekenntnisses zur Spaltung unter den Evangelischen kam, schien die Familie vom Stein eine Vermittlerrolle zwischen beiden Richtungen eingenommen zu haben.

Im Steinschen Herrschaftsgebiet wurde 1688 eine „Freiherrlich vom Steinsche Kirchendisziplin“ erlassen. Darin waren auf 20 Seiten die Pflichten der Pfarrer und Senioren festgelegt. Zu den Amtspflichten des Pfarrers gehörten danach auch Kranke heilen, Verwundete verbinden, Verirrte einholen, Verlorene suchen. Die beigegebenen Senioren oder Schöffen sollten über das Leben in der Gemeinde wachen und das böse, ärgerliche und sündhafte Leben aufspüren. Unbedingte Anzeigepflicht wurde von ihnen gefordert, Unbestechlichkeit eingeschärft. Dass ausgiebig gestraft wurde, hing vielleicht auch damit zusammen, dass die Schöffen an den Strafeinnahmen beteiligt waren. Die Bußgelder fielen zur Hälfte an die Schöffen und je ein Viertel dem Pfarrer und der Gemeinde zu. Diese Ordnung wurde in jedem Jahr im Advent von der Kanzel verlesen. Ob und wie lange diese Ordnung auch für Marienfels Gültigkeit hatte, die vom Stein waren zwar Kirchenpatrone aber nicht Landesherren, lässt sich aus den Unterlagen nicht ersehen.

Als Minister Karl vom Stein 1831 starb, gingen diese Besitzungen und Rechte an seine älteste Tochter Henriette Gräfin von Giech. In die Erbfolge trat dann Steins jüngere Schwester Therese, die Frau des Grafen Ludwig von Kielmannsegge. Übernommen wurde das Erbe von der jüngsten Enkelin des Ministers, Mathilde von der Gröben, deren Tochter einen Grafen Kanitz heiratete. Und diese Familie der Grafen Kanitz besitzt heute noch das Patronatsrecht der Kirche in Marienfels.


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