Kapitel 9   –   Die Kirche

Abschnitt 2   –   Das Landkapitel Marienfels



Unser Raum hat zunächst zur Diözese Mainz gehört. Da aber in der frühmittelalterlichen Zeit der Bischofsstuhl in Mainz längere Zeit nicht besetzt war, hat das Bistum Trier über den Rhein nach Osten hinausgegriffen. Im 8. Jh. kam es zwischen den Bischöfen in Mainz und Trier zu erheblichen Kompetenzkonflikten auch für unser Gebiet. Im 9. Jh. konnte Trier sogar das Gebiet lahnaufwärts bis Wetzlar in seine Diözese eingliedern.

Die geistlichen Aufgaben wurden den sogenannten Chorbischöfen übertragen, zur Verwaltung und zur geistlichen Gerichtsbarkeit ernannten sie besondere Stellvertreter, die Archidiakone. Trierische Teile diesseits dr Rheins waren dem 1217 zuerst genannten Archidiakonat Dietkirchen untergeordnet, das die Dekanate oder Rural- oder Landkapitel von Marienfels für den Einrichgau, von Engers für den Engersgau, von Haiger für den Haigergau und von Dietkirchen, Kirberg, Wetzlar für den Niederlahn- und Erdehegau unter sich hatte. Dieses Archidiakonat, oft das goldene genannt, umfasste also in sechs Landkapiteln alle rechtsrheinischen Gebiete der Erzdiözese Trier.

Der Dekan versah die unmittelbare Aufsicht über die Pfarrer, berief sie zu Zusammenkünften und bildete mit ihnen das „Landkapitel“. 1345 wird das Siegel des Landkapitels Marienfels erwähnt, und aus dem Jahre 1346 stammen die „Statuten des Landkapitels Marienfels“. W.H. Struck hat in seiner Abhandlung „Die Landkapitel im Archidiakonat Dietkirchen“" auf die besondere Bedeutung dieser Marienfelser Statuten verwiesen, die die ältesten bisher bekannten Landkapitelsatzungen im Erzbistum Trier sind. Sie sind in lateinischer Sprache verfasst. Das Diakonat Dietkirchen erstellte sich seine Statuten erst 1366 nach dem „Vorbild der Marienfelser Vorschriften“.

Das Landkapitel Marienfels bestand aus der Welt- und Klostergeistlichkeit des Dekanates, und die Statuten dienten der Begründung und der Zusammenarbeit innerhalb dieser Bruderschaft. Die einleitenden Sätze weisen auf die vier geistlichen Übungen hin: Messen, Gebete, Gelübde und Fasten und auf das Psalmistenwort „Siehe wie fein und lieblich ist's, dass Brüder einträchtig beieinander wohnen“. Die 19 Artikel der Statuten beginnen mit Bestimmungen über den Nachlass der Geistlichen und über ihr Seelgedächtnis. Dekan und Kämmerer sollen unter Zuziehung von drei oder vier benachbarten Kapitelsbrüdern am Leichenbegängnis teilnehmen.

Die Bestrafung von Kapitelsanghörigen steht dem Dekan zu. In der Bestätigung der Statuten durch den Offizial der erzbischöflichen Kurie erhält der Dekan ausdrücklich die Vollmacht, Brüder, die gegen diese Statuten verstoßen, mit Exkommunikation und Suspension vom Gottedienst zu bestrafen. Unter dem damals regierenden Erzbischof Baldewin von Trier herrschte also ein straffes Kirchenregiment. In Artikel 12 ist auch der Eintritt von Laien, Männern und Frauen in das Kapitel vorgesehen. Sie hatten bei der Aufnahme eine bestimmte Summe zu zahlen und jährlich je sechs Messen für die lebenden und toten Brüder einzurichten. Auf dieser Verbindung zwischen Geistlichen und Laien zu einer Fraternität beruhten auch die „Kalande“ Versammlungen, die ursprünglich an dem ersten Tag (den Kalanden) jeden Monats stattfanden.

Weil bei der Zusammensetzung des Landkapitels Marienfels auch von der Klostergeistlichkeit die Rede war, sei kurz auf die damaligen Klöster im Einrich verwiesen. Es waren entstanden: um 1117 die Propstei Lipporn, später als Kloster Schönau, 1130 Gronau, 1139 Arnstein, etwa zur gleichen Zeit das Nonnenkloster Brunnenburg, 1222 Kloster Affolderbach.

Der Vereinigungspunkt des Dekanates war die Metropolitan- oder Mutterkirche, unter der die Kirchspielskirchen standen. Die Kirchspiele deckten sich meist mit dem Gebiet der Zehnten, sodass die Bezeichnungen Zehnte oder Kirchspiel oft gleichgesetzt werden. Die Mutterkirchen (Ecclesia baptismalis), auch Taufkirchen genannt, weil die Taufen des Gesamtsprengels in alter Zeit nur bei ihnen vollzogen wurden, behaupteten lange ihre bevorrechtete Stellung. Marienfels wird als solche genannt. So hatte Miehlen zwar schon 1531 einen eigenen Pfarrer, zur Taufe musste man aber bis 1564 nach Marienfels. Zum Dekanat Marienfels gehörten folgende Kirchen: Marienfels, Himmighofen, Ruppertshofen, Weyer, Lierschied, Wallmenach, Lipporn, Welterod, Kaub, Weisel, Bornich, Braubach, Oberlahnstein, Nievern, Dienethal, Schweighausen, Dornholzhausen, Singhofen, Nieder- und Obertiefenbach, Nastätten, Holzhausen, Diethard, Niedermeilingen, Zorn, Laufenselden, Reckenroth, Ackerbach, Habenscheid, Obernhof, Esten (Holzappel). Zum Dekanat Marienfels gehörten nicht die Pfarreien Arnstein und Kördorf, diese waren auch nicht dem Archidiakonat St. Lubentius in Dietkirchen unterstellt. Es gehörten auch nicht dazu die Pfarreien Wellmich, Kamp und Dahlheim, die dem Dekanat Boppard unterstanden.

Man vermisst vielleicht bei dieser Aufstellung auch unsere Nachbarkirchen in Miehlen, Bachheim und Dachsenhausen. Diese heutigen Kirchengemeinden gehörten damals zur Kirche in Marienfels. Dies geht aus einer Urkunde aus dem Jahre 1357 hervor, die überschrieben ist: „documentum super facta superatione Capellae de Bachheim abecclesia matrice in Merfels anno 1357“. Auf Vorschlag der Patrone der Kirche zu Marienfels, des Ritters Johann vom Stein, seiner Gemahlin und Söhne, verfügte der Erzbischof mit dieser Urkunde, dass die Kapelle zu Bachheim, bisher Marienfelser Filiale, zur selbständigen Pfarrkirche erhoben werde. Die Kirche zu Marienfels solle den halben Zehnten zu Geisig behalten. Die Kapelle zu Miehlen, weiterhin Filiale von Marienfels, solle die Hälfte des Kehlbacher Zehnten bekommen. Gesiegelt ist diese Urkunde von Erzbischof Boemund, Robin von Isenburg als Archidiakon von Dietkirchen, Salentin von Isenburg als Lehnsherr des Marienfelser Kirchenpatronats, den Patronen Johann vom Stein, Gemahlin Jutta und den Söhnen Johann und Friedrich. Marienfels blieb die Mutterkirche und die Kirchspielskirchen waren von ihr abhängig. Ihre Geistlichen mussten den hiesigen Pfarrer an Ostern und Pfingsten in seinen Amtsverrichtungen unterstützen. Das Kirchspiel Miehlen hatte darüber hinaus noch Jahrhunderte die Pflicht, bei Bauarbeiten oder Reparaturen an der Kirche zu Marienfels den Bauarbeitern an jedem dritten Tag die Suppe zu reichen.

Aus den schriftlichen Unterlagen sind die Namen einiger Dekane von Marienfels zu entnehmen. So siegelte 1293 ein Dekan von Marienfels für die Gemeinde Osterspai, der Name ist jedoch nicht zu entziffern. 1346 erscheint ein Dekan Nycholaus, 1355 Anselm, 1452 ein Adam Schmidt, 1524 - 1535 ein Claß Schwendenlauf.

Die Gottedienste in Marienfels müssen wohl zeitweilig besonders ausgestaltet worden sein, denn im Marienfelser Pfarrarchiv befindet sich heute noch ein Pergamentblatt aus einem alten Cantionale mit antikem Notensystem und bunt gemalten Initialen, das von einem Pfarrer in Unkenntnis des Wertes als Einbanddecke für Rechnungen aus den Jahren ab 1575 benutzt wurde. Nach Auskunft eines Musiksachverständigen stammt das Blatt aus einem Cantionale, das Mönchschöre zu benutzen pflegten. Die Vermutung liegt nahe, dass also zeitweise ein Klerikerchor in Marienfels gesungen hat.

Wie lange Marienfels Sitz des Landkapitels war, lässt sich nicht mit Bestimmtheit feststellen. Es ist jedoch zu vermuten, dass mit Einführung der Reformation eine Änderung eintrat. Die Kapelle zu Hunzel, die heute noch von dem hiesigen Pfarrer mit verwaltet wird, scheint ebenfalls schon sehr lange zu bestehen. Von ihr wird später noch berichtet.


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