Kapitel 6   –   Die Lebensverhältnisse unserer Vorfahren

Abschnitt 5   –   Aus der Land- und Forstwirtschaft



In ältesten Zeiten wurde die zur Bestellung bestimmte Fläche Landes in drei oder vier Abteilungen aufgeteilt, die man Gewanne nannte. Jeder Dorfgenosse erhielt in jeder Gewann einen gleichgroßen Streifen zur Bebauung. Die Größe der Äcker wurde in Morgen angegeben (ein Morgen war die Fläche, die man an einem Morgen pflügen und säen konnte). Ein Morgen bestand aus vier Viertel. 30 Morgen bildeten eine Hufe. Die Gewanne und die einzelnen Äcker waren durch Grenz-(Mark-)Steine getrennt. Es herrschte Flurzwang, d. h., in jeder Gewann wurde die gleiche Frucht angebaut. Ein bestimmter Teil blieb brach liegen (Trieschland) um sich zu erholen, Düngung kannte man noch nicht.

Zugtier war das Pferd, nach 1600 traten Ochsen-, im 17. Jahrhundert die Kuhgespanne auf.

Daneben kannte man seit dem 9. Jahrhundert bei uns auch schon die Dreifelderwirtschaft (1 Teil (Gewann) Wintergetreide, 1 Teil Sommergetreide, 1 Teil Brachland). Das Brachland wurde von Oktober bis Juni als Weideland genutzt, dann „gebracht“ (umgebrochen, Juni = Brachmonat) und im Herbst mit Winterfrucht bestellt. Wenn man die Aufteilung der Gemarkungsflächen sieht, wundert man sich, dass verhältnismäßig große Weideflächen angegeben wurden, im 17. und 18. Jahrhundert in Marienfels noch etwa 80 bis 100 Morgen. Diese Weide war „Allmend“, d. h. gemeinsames Eigentum der Gemeinde. Das Vieh wurde vom Gemeindehirten gehütet. Später gab es dann auch Hirten für einzelne Vieharten (Kühe, Schafe, Ziegen, Schweine, Gänse). Den Vieharten waren oft besondere Weidestellen vorbehalten, die sich in manchen Orten als Distriktsbezeichnungen bis heute erhalten haben (Kuhweide, Sauwasen, Geisheck). Auch bei Nacht blieben die meisten Tiere auf der Weide und wurden nur im Winter in die Ställe gebracht. Mit der Zeit wurde ein Großteil der Allmende an Einzelne verkauft oder verpachtet und, als man sich ab dem 15. Jahrhundert verstärkt dem Ackerbau zuwandte, in Ackerflächen umgewandelt.

Die landwirtschaftlichen Besitzverhältnisse änderten sich im Laufe der Jahrhunderte entscheidend. In unserem Raum gab es nur zwei Gebiete, die noch freie Bauernschaften hatten, also keine Leibeigenschaft kannten: im Rheingau und auf dem Westerwald. Das Kirchspiel Marienfels gehörte nicht zu diesen privilegierten Bereichen. Hier gab es die Leibeigenschaft. Der Besitz gehörte den Fürstenhäusern, Adligen und Klöstern und wurde als „Lehnstücke“ an einzelne Bauern oder als Erblehen an die ganze Gemeinde vergeben. Die Pachtsummen müssen für die damaligen Verhältnisse einigermaßen tragbar gewesen sein. Die Pacht betrug durchschnittlich 1/4 des Ertrages. Aus einem Kanzleibericht von 1798 geht hervor, dass die Pachtsummen nach dem 30-jährigen Krieg niedrig angesetzt und seitdem nicht erhöht worden waren. Man unterschied zwischen Zeitpacht und Erbpacht. Bei Zeitpacht konnte das gegebene Gut vom Eigentümer nach Ablauf einer bestimmten Zeit eingezogen werden, sie endete in der Regel mit dem Ableben des Besitzers. Der Erbbeständer hatte mit der Erbpacht weitergehende Rechte. Sein rechtmäßiger Erbe hatte Anspruch auf weitere Beleihung. Er hatte ein weitgehendes Nutzungs- und Verfügungsrecht und durfte sich „aller Nutzbarkeiten, als Haus, Scheuer, Stallung, Garten, Äcker, Wiesen, Weidgang, Mastung, Waldung in summa alles, nichts ausgeschlossen“ bedienen. Im Laufe der Zeit gingen dann auch einzelne Grundstücke, auch Lehen- und Hubengüter, die zunächst gegen Zinsen und Dienstleistungen verliehen worden waren, in das Eigentum der Bauern über.

Im 18. Jahrhundert bestand das „Anerbensystem“, d. h. der älteste Sohn oder die älteste Tochter erbten den Besitz des Bauern, die Geschwister erhielten eine Entschädigung. Da der Bauernstand nicht über viel Barmittel verfügte, war es oft nicht möglich, eine Barentschädigung an die Geschwister zu leisten. Deshalb wurden deren Forderungen oft als Hypotheken eingetragen, und das bedeutete, zusammen mit einem evtl. Altenteil, eine beträchtliche Belastung des Hofes. Aufgrund dieser erheblichen Belastungen, der starken Bevölkerungsvermehrung und der sich ständig mehrenden Abgaben infolge der vielen Kriege, setzten zum Ende des 18. Jahrhunderts die Güterteilungen ein. Im Erbfall wurden die Grundstücke geteilt und immer wieder geteilt. Aus einem Bericht von 1796 geht hervor, dass einzelne Teilstücke keine Rute mehr groß waren. Bei solch kleinem und unwirtschaftlichem Grundbesitz mussten sich viele Eigentümer eine Nebenbeschäftigung suchen. 1784 erschien ein Erlass der verfügte, dass überall da, wo die Rentkammer es für nötig hielt, die Konsolidation (Zusammenlegung) durchgeführt werden sollte. Durch Anlegen von Feldwegen, an die jedes Grundstück wenigstens mit einer Seite stoßen sollte, konnte auch die lästige Gewanneinteilung aufgehoben werden. In Marienfels fand diese Zusammenlegung allerdings erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts statt.

Wie war es mit der Viehhaltung? Bauern mit größerem Landbesitz hatten schon frühzeitig Pferde als Zugtiere, später kamen Ochsen dazu. Kleinere Bauern arbeiteten mit Kuhgespannen. Es gab auch ärmere Bauern, die wegen fehlenden Weidelandes wenig Vieh besaßen oder halten konnten, die auf die „Viehleihe“ zurückgriffen. Sie erfolgte entweder auf bestimmte Zeit gegen Entgelt oder es wurden besondere Bedingungen ausgehandelt, bei denen die Bauern oft benachteiligt oder gar betrogen wurden. Die Schafzucht war ein wichtiger Teil der Viehhaltung. Im 17. Jahrhundert wurden in der Niedergrafschaft 5 bis 6 Schafe pro Feuerstätte gezählt. Der Schäfer weidete die Tiere tagaus, tagein, brachte sie nachts in den Pferch und schlief in seiner Hütte bei der Herde. Schweine wurden gern gehalten, weil sie mit Abfällen des Haushaltes leicht zu füttern waren und auch in den Wald zur Eichelmast getrieben wurden. Nach den Bauernkriegen wurden allerdings die Mastgänge von den Herrschaften eingeschränkt und mit erheblichen Abgaben belegt. Die Ziegen, die Kühe des armen Mannes, waren nicht gerne auf der Weide gesehen, weil sie Hecken und Bäume schädigten. In alten Akten ist mehrmals von dem „verwünschten Geisenvieh“ die Rede. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts standen in Marienfels noch besondere gemeindeeigene Hirtenhäuser für Schweine-, Kuh- und Schafhirten.

Und nun einige Anmerkungen zum Pflanzenanbau. Es wurde an anderer Stelle schon erwähnt, dass an Getreide angebaut wurden: Korn, Weizen, Hafer, Spelz und Gerste. Nach dem 30-jährigen Krieg hatte es lange gedauert, bis der Ackerbau wieder in geregelte Bahnen kam. Und selbst dann kam es immer wieder durch Trockenheit und Unwetter zu Missernten und regelrechten Hungerjahren. Das sollte besser werden, als man 1730 begann, im Vierherrischen den Kartoffelanbau einzuführen. Es hat einige Jahrzehnte gedauert, bis sich die Kartoffel bei uns durchsetzen konnte. Erst nach den Hungejahren 1771 und 1772 wurde ihr Anbau verstärkt, sodass sie besonders bei der armen Bevölkerung als Hauptnahrungsmittel gelten konnte. Bekannt ist aus dieser Zeit noch der alte Spruch: „Morgens rund, mittags gestampft, abends in Scheiben, so soll es bleiben“.

Ein weiteres Problem der Landwirtschaft war die Futtermittelknappheit. Weiden waren in Ackerland umgebrochen worden, Rüben kannte man noch nicht. Da fehlte es an Viehfutter. Deshalb sollte 1770 bei uns der Rotklee eingeführt und in die Dreifelderwirtschaft mit einbezogen werden. Dass unsere Vorfahren allem Neuen gegenüber nicht sehr aufgeschlossen waren, sollte sich bei der Einführung dieser neuen Pflanzenart zeigen. 1773 wurde durch eine Verordnung „Land- und Futterbau betreffend“ angeordnet, dass Klee anzubauen sei, um die Futtermittelnot zu beseitigen. Das Steuerkollegium hatte Samen- und Kulturkosten vorzuschießen. Die Kleeäcker durften von Schafen nicht beweidet werden, die Probeäcker wurden eingezäunt. Dem Bemühen der Regierung stand die Befürchtung der Bevölkerung entgegen, der Klee würde Gesundheit und Wolle der Schafe verderben. Um einen Anreiz für den Anbau zu schaffen, erklärte die Regierung 1790 sogar sämtliche Kleeäcker für zehnt- und hudefrei. Im Jahre 1800 konnte die Kanzlei berichten, dass „ziemlich viel Klee“ angebaut wurde.

Weinrebe Düngung war zu jener Zeit allgemein noch nicht üblich. Doch Hofkammerrat Habel, dem an der Hofkammer zu Wiesbaden auch das „landwirtschaftliche Fach“ zugeteilt war, schreibt im Reichsanzeiger von 1803: „Bey dieser Gelegenheit bemerkte ich, daß die Einwohner von Marienfels sich der gebrannten Erde schon seit undenklichen Jahren als eines Düngemittels bedienten, welche man in den neueren Zeiten den Engländern verdanken zu müssen glaubte, und daß hiervon der Einrich und das Hessenländchen die Erddüngungsart wahrscheinlich erlernet hat“.

Was den Obstanbau angeht, so war bei uns bis etwa 1800 nur die Vogelkirsche als Steinobst bekannt. Kernobst (Äpfel und Birnen) dürften erst danach bei uns angebaut worden sein, genaue Angaben darüber waren nicht zu finden. FA. Diehl, seit 1790 Brunnenarzt und Landphysikus in Rad Ems, hat sich um Anbau und Veredelung des Kernobstes in unserm Gebiet Verdienste erworben. Der Dorflehrer sollte, so heißt es in einer Anweisung für den Lehrer, beim Anbau des Obstes helfen und Aufsicht führen. Auch Obstbaumschädlinge machten den Bauern schon zu schaffen. So wurde 1816 das Abraupen der Räume, Hecken und Sträucher anbefohlen, es ging also noch ohne chemische Hilfsmittel. Als Obst- und Feldfruchtschädlinge wurden auch die Spatzen angesehen. Die Territorialherren erließen im 18. Jahrhundert eine Verpflichtung zur Ablieferung von Sperlingsköpfen. Im Jahre 1585 (W 351 X d 3) wird ein Flurname „Im Weingarten“ in Marienfels erwähnt. Daraus ist zu schließen, dass hier auch Weinreben angebaut wurden. Wie lange und in welchem Umfang das geschah, ist nicht bekannt.

Seit dem 15. Jahrhundert wird schon ein Produkt aus Korn genannt, der Branntwein. Zum Unterschied vom gewürzten Wein aus Obst und Trauben, nannte man ihn den gebrannten Wein. Zunächst brauchte man ihn als Arznei bei Magenbeschwerden und zum Einreiben. Im und nach dem 30-jährigen Krieg nahm der Genuss erheblich zu, man glaubte er sei gut gegen Ruhr und Pest (Schnaps ist gut für die Cholera). Seit 1790, als man auch Kartoffelschnaps herstellen konnte, wurde auch in Marienfels vermehrt Schnaps gebrannt und getrunken.

Marienfels hatte, durch Lage und Bodenbeschaffenheit bedingt, nur geringe Waldungen. Der Wald wurde im 18. und 19. Jahrhundert von der Gemeinde verwaltet, die Aufsicht führten Dorfschützen. Zur Erschöpfung der Waldungen trugen der starke Weidgang, Holzfrevel und vermehrte Rodungen bei. Holz war das wichtigste Brenn- und Baumaterial. Man war darauf angewiesen. Aus 1792 wird berichtet, dass jedes vollwertige Gemeindeglied in Marienfels Anspruch auf eine gewisse Menge Hartholz und Reisig hatte. Das Missverhältnis von Holzangebot und -nachfrage lässt sich auch auch an den Preisen ablesen. 1730 kostete ein Klafter Brennholz 2 Gulden 20 Kreuzer, 1789 schon 14 Gulden. Vor allem im Herbst, nach dem Bucheckern- und Eichelfall, durften Schweine gegen eine Mastgebühr in den Wald getrieben werden. Das Recht, Eicheln, Eckern, wildes Obst usw. im Wald zu sammeln, stand der Gemeinde oder dem „Forestalherrn“ zu.

Die Jagdausübung gehörte dem Landesherren. In einem alten Bericht heißt es, die Landgrafen von Hessen seien teilweise mehr um Wald und Wild besorgt gewesen, als um ihre Untertanen. Aus der Mitte des 18. Jahrhunderts liegen Klagen von Bauern wegen starken Wildfraßes vor, Männer sollen nachts auf den Feldern Wache gehalten haben, um das Wild zu verscheuchen. Geschossen werden durfte nicht. Aus dem Jahre 1663 gibt es eine Verordnung, die bestimmte, dass sämtlichen Hunden ein 5/4 Ellen langer Schleifknüppel anzubinden war, damit sie das Wild nicht verfolgen konnten. Der Schäfer durfte nicht mehr als zwei Hunde bei seinem Pferch halten.


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