Kapitel 6   –   Die Lebensverhältnisse unserer Vorfahren

Abschnitt 2   –   Der Zehnte und sonstige Steuern



Ursprünglich war der Zehnte eine rein kirchliche Abgabe. im Laufe der Zeit kam er aber durch Verkauf, Verpfändungen und Verteilungen immer mehr in weltliche Hände, blieb an Grund und Boden haften und verwandelte sich in eine Reallast. Unter dem Zehnten verstand man den zehnten Teil des Ertrages des zehntbaren Landes, z. B. den zehnten Heuhaufen, die zehnte Garbe usw. Man unterschied zwischen großen und kleinen Zehnten. Der große Zehnte wurde von Korn, Hafer, Weizen, Spelz und Gerste, der kleine Zehnte von Kraut, Rüben, Kartoffeln, Flachs usw. erhoben. Der Viehzehnte, auch Blutzehnt genannt, wurde von den gehaltenen Tieren gezogen. 1669 wurde sogar ein Taubenzehnt eingeführt. Der Novalzehnt war der Zehnte, der vom Ertrag aus Rodungen kam. Oft waren gleichzeitig mehrere Zehntherren vorhanden, dazu gehörten auch Geistliche, Schulen, Glöckner, Adelige, Klöster usw. Der Zehnte konnte auch verpachtet werden. Pfarr- und Schuläcker waren zehntfrei. Die Zehntfrüchte wurden in Zehntscheunen gebracht. Wo diese Scheune in Marienfels stand und ob es überhaupt in Marienfels eine solche gab, ist nicht bekannt.

Abgabe des Zehnten Für die Ablieferung des Zehnten gab es genaue Bestimmungen. In einer Zehntordnung von 1666 heißt es u. a.: „Soll keiner seines eigenen Gefallens selbstens aus Zehnten und wenn unmöglich ein Zehntknecht zu erlangen, welche doch fleißig Ufsicht haben sollen, so soll solches von einem Nachbarn geschehen, die Zehntgarbe bezeichnet, aus der Reihe gezogen und dem Zehntknecht angezeiget werden. Es soll keiner des Morgens vor 4.00 Uhr und des Abends nach 7.00 Uhr Frucht einführen und damit solches desto besser gehalten werden kann, so soll des Morgens und Abends mit der großen Glocke Zeichen gegeben werden und wer alsdann abends nicht geladen, ob er schon im Stücke wäre, soll ungeladen und ledig wieder nach Hause fahren“. Zur Aufzeichnung der Zehntgarben hatte der Zehntknecht einen Kerbstock oder eine Schreibtafel mitzuführen, so heißt es in einer Zehntordnung von 1629. Es wird berichtet, dass die Bauern manchmal versuchten, den Zehntknecht zu hintergehen. Die Zehntgarben wurden dünner gebunden, es wurde Unkraut in die Garben mit eingebunden, bei Dunkelheit wurde Frucht eingefahren usw.

Neben den Zehnten wurden manchmal noch weitere Zinsen gefordert. Der Zinsname enthielt oft den Abgabetermin und die Bezeichnung des zu entrichtenden Gegenstandes. So wurden „Mendelhühner“, die auf dem Mendeltag (Gründonnerstag) zu leisten waren, verlangt. Beim Ableben des Landesfürsten und auch beim Tode des Lehensmannes mussten die Lehen von neuem empfangen „renoviert“ werden, dafür war dann ein „Laudeminalgeld“ zu entrichten. Als weitere direkte Steuer wurde nach dem 30-jährigen Krieg die „Kontribution“ eingeführt. Sie sollte vor allem zur Bestreitung der Heereskosten dienen. Bis zum Jahre 1764 war das Land dafür in drei Steuerklassen eingeteilt, Marienfels gehörte in die zweite Steuerklasse. Nach dem „Steuerreglement von 1764“ wurde jeder Acker nach seinem wahren Wert und seiner Erträglichkeit eingeschätzt. Das Brachjahr blieb außer Ansatz. Die Handwerker gaben als monatliche Kontribution einen Tagesverdienst. Die Müller von Marienfels, die „unzünftig“ waren, wurden nach einem „zu formierenden Überschlag und auf pflichtgemäßes Ermessen der läxatoren angeschlagen“. Die Tagelöhner hatten einen Tägelohn als monatliche Kontribution zu geben bis zum 50. Lebensjahr, danach zahlten sie die Hälfte. Alljährlich im Herbst mußten sämtliche Veränderungen, wie Kauf, Vererbung von kontributablen Gütern angezeigt werden. Die Kontributionen waren eine schwer drückende Last.

Von geringer Bedeutung für Marienfels war das „Ungeld“. Es war eine Verbrauchsabgabe für Wein, Bier und Branntwein. Von einem Fuder Wein, das bei Hochzeiten und Kindtaufen getrunken wurde, musste ein Reichstaler Tranksteuer bezahlt werden, so bestimmte es die Flanksteuerverordnung von 1736. Zur Deckung der Kosten für die Armenpflege und das Feuerlöschwesen wurde von der Gemeinde eine Abgabe von den Gerichtseingesessenen erhoben nach dem Kontributionsfuß. Von sämtlicher außer Landes gehender beweglicher Habe musste das „Abzugsgeld“ entrichtet werden. Da diese Steuer 10% des Wertes betrug, hieß sie auch Zehntpfennig.

Kassel richtete 1720 eine Heiratssteuer ein, die die Kosten für den Bau eines neuen Zuchthauses in Kassel decken sollte. Jedes Brautpaar mußte vor der Trauung diese Heiratssteuer bezahlen. Dazu waren die Untertanen in 8 Klassen eingeteilt. Zur Klasse 1 mit 2 Albus gehörten gemeine Bürger, Handwerker, Tagelöhner, Bauern, Knechte, Mägde. Zur Klasse 2 mit 7 Albus gehörten vermögende Bürger, Zur Klasse 3 mit 10 Albus Bürgermeister, reitende Förster usw. Zur Vermeidung dieser Steuer wurden viele Ehen außer Landes geschlossen.

Besondere Belastungen hatte die Bevölkerung als Folge der Kriege zu ertragen. In wieviele Kriege allein im 18. Jahrhundert unser Raum mit einbezogen wurde, ist kaum vorstellbar. Sie währten von 1700 bis 1714, von 1733 bis 1735, von 1740 bis 1748, von 1756 bis 1763, von 1777 bis 1779, von 1792 bis 1797 und von 1799 bis 1801. Das bedeutete für das Kirchspiel Marienfels Erhöhung der Steuern, auszuführende Fuhren, Fouragelieferungen, Einquartierungen, Plünderungen usw. So waren beispielsweise in den Jahren 1792 und 1793 im Amt Nastätten einquartiert: über 100.000 Mann und 50.000 Pferde der Kaiserl.-Königl., der Königl.-Preußischen, der Hessen-Kasseler, der Nassau-Darmstädter und der französischen Truppen. Bei dem Rückzug der Franzosen im Oktober 1795 kam es zu starken Plünderungen. „Die meisten Bewohner hatten in den Häusern nichts mehr und am Leib nur Lumpen behalten“ heißt es in einem Bericht des Reservatenkommissars vom 17.10.1795.

1768 wurde vom Landgraf von Hessen-Kassel eine Brandkasse eingerichtet. Jeder konnte sein Haus versichern lassen. Tat er das nicht, so durfte er im Brandfalle auf keine Unterstützung hoffen und keine Brandkollekte durchführen. Konnte er das eingeäscherte Gebäude innerhalb Jahresfrist nicht wieder aufbauen, so wurde der „wüste Platz“ einfach verkauft.


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