Kapitel 6   –   Die Lebensverhältnisse unserer Vorfahren

Abschnitt 1   –   Leibeigenschaft



Viele hundert Jahre lebten die Menschen in Marienfels als Leibeigene, lebten ohne Freiheit und Selbstbestimmungsrecht. Die erste Nachricht von der Leibeigenschaft stammt aus dem Jahre 1345, man geht aber davon aus, dass sie schon vor dem 14. Jahrhundert bestanden hat. Iäcitius hatte ja schon von Nobiles, Ingenues und Servos, also von Edlen, Freien und Knechten geschrieben.

Dass die Leibeigenschaft im Vierherrischen weit verbreitet war, geht aus dem alten Spruch hervor: „Die Luft im Einrich macht leibeigen.“ Der Leibeigene war mit seinem Leibe, mit dem Körper und seinen Kräften, seinem Herrn, dem Leib-herrn eigen. Dieser nutzte seine Arbeitskraft, konnte ihn verkaufen, vertauschen, als Lehen vergeben. Vor dem Ding war der Leibeigene weder stimmberechtigt noch schöffenbar, er wurde durch seinen Herrn vor Gericht vertreten.

Die Leibeigenschaft wurde begründet durch Geburt und durch Niederlassung. Wenn „landesfremde“ Personen aus irgend einem Grund in das Vierherrische kamen und dort gewissermaßen keinem Herrn unterstanden, wurden diese „Wildfänge“ unter den vier Herren verlost. Nassau erhob auf einem Oberwettentag gegen diese Verteilung der Fremden Einspruch mit dem Hinweis, es sei vor alten Zeiten ein übliches Herkommen gewesen, dass was über die Lahn an Wildfängen und ledigen Leuten käme, an Nassau fiele (W 351 III 6.1).

Zu einer Beschwerde und zu langen Verhandlungen kam es nach einem Bericht aus dem Jahre 1640 (W 351 XXV 6.1), als der Wildfang Christian Schütz, der sich in Marienfels niedergelassen hatte und eine arnsteinische Magd heiratete, verlost werden sollte. Arnstein legte dagegen Protest ein und verlangte den Mann für sich. Peter Fuhr aus Grumbach hatte sich hier über zwei Jahre als Kuhhirte aufgehalten und wollte sich dann in Buch niederlassen, um sich ein einem hessischen Leibeigenen zugestandenes Gut zu erhandeln. Er konnte das Gut nicht eher übernehmen, auch nicht pachten, bis er als Wildfang sich für hessisch leibeigen erklärte und die Versicherung abgab, beständig so bleiben zu wollen.

Wollte ein Leibeigener heiraten, so bedurfte er der Zustimmung seines Herrn. Wenn der Konsens nicht vorgezeigt wurde, war es dem Geistlichen untersagt, Ehen zu schließen. Welche Schwierigkeiten sich dabei ergeben konnten, möge an einem Beispiel aus den Akten von 1618 gezeigt werden: Der nassau-saarbrückische Leibeigene Emmerich Zippel war Knecht in der Steegsmühle bei Marienfels und wollte die hessisch leibeigene Magd Margarethen Eifarthen von Dornholzhausen heiraten. Zwischen den Leibherrschaften entspann sich nun wegen dieses Falles ein drei Jahre währender Schriftwechsel. Da man sich nicht einigen konnte, wurden auf die Verlobten die „bereitesten Zwangsmittel“ ausgeübt, um eine Verheiratung zu verhindern. Wie die endgültige Entscheidung ausfiel, ist dem Bericht leider nicht zu entnehmen. 1708 tauchte auf dem Oberwettentag eine schwierige Frage auf. In einer Ehe gehörten Mann und Frau zwei verschiedenen Leibherrschaften an. Man hatte sich geeinigt, sie als Leibeigene zu halben Kindern zu erklären, das bedeutete, daß das erste Kind aus dieser Ehe der Herrschaft der Frau, das zweite der des Mannes zufiel. Und nun der strittige Fall: Es waren Zwillinge geboren worden und man konnte sich nicht einigen, welches Kind zuerst geboren und somit der Herrschaft der Frau zu eigen war.

War ein Fremder in das Dorf gezogen, so musste er sich auch um Aufnahme in die Bürgerschaft bemühen. Interessant sind die Bestimmungen, die die Gemeinde Marienfels 1772 aufstellte und die Einzug und Aufnahme in die Bürgerschaft regelten (W 351 III 6.2). Darin heißt es, dass nach der Verheiratung die Gemeinde das Bürgerrecht zu geben schuldig war. Nach einem Jahr musste man dann das „dreyer Kopfgeld“ zahlen und erhielt dadurch die Berechtigung, drei Schafe zu halten. Als Gebühr für die Aufnahme in die Bürgerschaft des Dorfes mussten entrichtet werden:

1.  bei zwei fremden Ehegatten

5 Gulden

2.  bei einem einheimischen und einem fremden Ehegatten

7 Gulden

3.  bei zwei einheimischen Ehegatten

2 Gulden

4.  wenn zwei Eheleute weggezogen waren und dann wiederkamen

8 Gulden


Unterschrieben ist diese Bestimmung vom Schultheiß, den Gerichtsschöffen und vielen Bürgern. Der Leibeigene war zur Entrichtung gewisser Abgaben an den Leibherrn verpflichtet. Der Mann hatte alljährlich die Leibbede, die Frau ein Leibhuhn zu entrichten. Lag die Frau zur Zeit der Entrichtung des Leibhuhns im Kindbett, so war sie von der Abgabe befreit. Die Verpflichtung zur Entrichtung dieser Abgaben begann mit der Hochzeit. Die Leibbede des Mannes wurde im Mai und im Herbst erhoben und betrug im 17. Jahrhundert ca. 3 bis 4 Albus, im 18. Jahrhundert ca. 4 Albus 8 Heller jährlich.

Die Berechnung der Abgaben wurde nicht nur dadurch erschwert, dass es unter den Leibeigenen solche mit ganzen und halben Ehen gab, sondern noch dadurch, dass sie in vier Klassen unterteilt wurden. Wie eine Klasseneinteilung zustande kam, ist nicht bekannt. In verschiedenen Abrechnungen werden in Marienfels als Leibeigene erwähnt (W 351 III 3): Innerhalb des Dorfes Marienfels gehörten 1631 Leibeigene zu folgenden Herrschaften: 8 Familien der idsteinischen und weilburgischen, 5 der hessischen, 1 der katzenelnbogischen, 1 der steinschen und 1 der arnsteinischen Herrschaft. Ein sehr einträgliches Recht des Leibherren war der Anspruch auf einen Teil der Hinterlassenschaft des Leibeigenen. Die Sterbefallsabgaben, Besthaupt genannt, bestanden beim Tode des Mannes in der Abgabe des besten Stückes Vieh, beim Tode der Frau in der Abgabe des besten Kleides. Im 18. Jahrhundert trat an die Stelle der Naturalleistungen eine Geldzahlung. Das Besthaupt oder „Mortuarium“ wurde allgemein als die härteste und drückendste Abgabe empfunden. Als besonders ungerecht sah man es an, dass im Amt Nastätten bei der „Besthauptthaidigung“ beim Tode des Mannes auch das Vermögen der Frau schon in Anschlag gebracht wurde. Erst 1800 wurde bestimmt, dass das Vermögen der vor ihren Weibern verstorbenen Männern erst nach dem Ableben der Frau verbesthauptet werden sollte.

Auch von einem ledigen Burschen musste, wenn dieser einen eigenen Haushalt hatte, von etwa 1770 an, nach seinem Tode das Besthaupt „gethaidigt“ werden. Kam die Herrschaft mit den eingehenden Beträgen – Rede, Frondienst, Zehnte, Atzung und Herberg – nicht aus, so erfand man immer neue Abgaben. Die gefährlichste war die „Schatzung“, weil sie willkürlich festgelegt werden konnte. Graf Johann von Katzenelnbogen legte 1408 seinen Untertanen zum ersten Mal den „zehnten Pfennig“" von all ihrem Vermögen auf und wiederholte diese Auflage 1426. 1683 wird von einem „Landmedum“ berichtet, einem Leibeigenen, der Land zum Roden erhalten hatte. Er musste den sechsten Teil des Ertrages der urbar gemachten Ländereien abliefern. 1664 hat es den Pferden der Herrschaft an Hafer gemangelt, also musste noch zusätzlich Hafer abgegeben werden.

Landsknecht Die bäuerliche Unfreiheit hatte nur den einzigen Vorteil, man war vom Kriegsdienst befreit, es sei denn, man ließ sich zum Kriegsdienst anwerben. Der hessische Landgraf hatte im Vierherrischen das Recht der militärischen Aushebung, und seine Werber saßen an der Straße „in roter Montur, weißen Hosen und hohen Glanzledernen, den Dreispitz auf dem Kopf, den Zopf lang und fest gewickelt, die Kleisterlocken feingedreht, den Schnurrbart hochgezwirbelt“. Auf dem Tisch vor sich hatten sie eine große Dose mit Pfeifentabak, irdene Holländerpfeifen, gewaltige Humpen Bier und daneben ein Häuflein blanker Taler. Das lockte auch manchen kräftigen Bauernsohn, er bekam das Handgeld, ein Handschlag verpflichtete ihn, und dann ging es mit Stock und Bündel über die Hessenstraße „ab nach Kassel“. Nach der militärischen Ausbildung mussten sie dann als hessische Landsknechte Dienst tun in aller Herren Länder. Diese Anwerbepraktiken dauerten bis 1806.

Die Beendigung der Leibeigenschaft konnte durch die Entlassung, die Manumission, erfolgen, wenn man außer Landes zog. Eine solche Entlassung musste beantragt und eine Manumissionsgebühr bezahlt werden. Diese betrug 1747 5 Reichstaler. Endgültig aufgehoben wurde die Leibeigenschaft im gesamten Gebiet des Herzogtums Nassau am 1.1.1808.

Eine besondere Form von Hörigen stellten die „Peterlinge“ dar. 1364 ist Graf Adolf mit den Peterlingen genannten Leuten auf dem Einrich belehnt worden, 1370 wurde die Belehnung von dem Trierer Erzbischof Cuno von Falkenstein bestätigt. Noch 1608 weiß man auf kölnischer wie nassauischer Seite um diese einstigen Lehen der Peterlinge, die aber dann „nicht mehr empfangen werden und verlassen sind“. Was hatte es mit den Peterlingen auf sich, was ist darunter zu verstehen? Vogel hat in seiner „Beschreibung des Herzogtums Nassau“ gemeint, Peterlinge seien kölnischer Zugehörigkeit und stünden unter dem Schutz des St. Peterstiftes. Die Peterlinge (homines sancti Petri de Colonia) genossen eine besondere Freizügigkeit im Vergleich zu anderen Hörigen und Leibeigenen. 1364 heißt es in einem Vergleich zwischen den Brüdern Adolf und Johann von Nassau: „Auch sollen wir alle Peterlinge von beiden syten lazen flissen und varen, alz daz von alder herkommen ist“. Es ist bei einzelnen Peterlingen von weiteren Vorrechten die Rede, wie Befreiung vom Vogtgericht, von Bede und vom „Jahrgeding“. Die Begünstigungen wurden von vielen Herren im Laufe der Zeit aber angefochten, beschnitten und ganz verdrängt. Im 17. Jahrhundert verschwindet dann die Bezeichnung Peterlinge. Ob in Marienfels solche Peterlinge ansässig waren, ist nicht bekannt, sie werden in keiner Aufstellung besonders erwähnt.


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