Kapitel 5   –   Das Vierherrengebiet

Abschnitt 2   –   Umfang des Vierherrengebietes



Umfang und Größe des Vierherrengebietes lassen sich mit Hilfe eines Weistums vom 6. Juli 1361 ziemlich genau bestimmen. Dieses Weistum, im Jahre 1839 entdeckt und von Conrady 1891 in den Nassauischen Annalen ausführlich beschrieben und erläutert, beschreibt eine Gerichtsverhandlung auf dem Vierherrengericht zu Marienfels. Dabei wünschten die Vertreter des Pfalzgrafen eine genaue Grenzbeschreibung. Der Grund für die Niederschrift dieses Weistums mag in den Worten der Grenzbeschreibung gesucht werden „den dritten dylen des Zirkels konden sie niet gantz finden“. Anscheinend war seit längerer Zeit kein Weistum mehr aufgenommen worden, eine Grenzbeschreibung also dringend notwendig.

Die Urschrift dieses Weistums ist auf Pergament geschrieben und mit einem wohlerhaltenen Siegel versehen. Auszugsweise lautet der Bericht des Gerichtssitzung wie folgt, wobei versucht wird, den Text in hochdeutscher Übersetzung wiederzugeben:

In Gottes Namen Amen, kundgetan sei allen Leuten, die diese Veröffentlichung ansehen, lesen oder hören, dass im Jahre, da man zählt nach Christi Geburt tausenddreihunderteinundsechzig Jahre, des ersten Dienstags in dem Heumond, saßen vor mir, dem geschworenen Schreiber von des Kaisers Gewalt, der strenge Ritter Heinrich von Lindau, Waldbote des Landgerichtes der vier Herren auf dem Einrich, an der Zum Ahorn genannten Gerichtsstätte. Bei ihm waren als Vertreter der Pfalzgrafen Ruprechts d. A. bei Rhein die Ritter Gerlach Knebel und Rulmann von Kramberg, für den Stamm Nassau die Ritter Marsilius von Reifenberg und Siegfried von Rheinberg und für den Stamm Katzenelnbogen die Ritter Friedrich von Rheinberg und Fuchs von Rüdesheim. Heinrich von Lindau fragte die geschworenen Boten des Landgerichts auf Eid, ob sie alle Landleute aufgeboten hätten. Diese bejahten es und darauf erschien eine große Anzahl von ihnen vor Herrn Heinrich und den Rittern. Herr Heinrich fragte sie, ob sie zahlreich genug seien, um über die auf diesem Tage zu verhandelnden Angelegenheiten Weisungen zu erteilen, was gleichfalls bejaht wurde. Danach fragte Gerlach Knebel zugleich im Namen Rulmanns, als Beauftragter des Pfalzgrafen, was in das Vierherrengericht auf dem Einrich gehöre, welches die Grenzen des Gerichtes seien, wieviel Dörfer dazugehörten und was an Herrschaften und Rechten von der Pfalz lehenshörig sei. Die Landleute gingen hinaus, berieten sich, und ließen dann durch ihre 3 Sprecher Trutel von Singhofen, Arnold von Endlichhofen (Endelengaben) und Helle von Meilingen antworten: Trutel sagte: Das Vierherrengericht auf dem Einrich beginnt zu Laynstayn an der Mittelbach byt in den Rin, also verre, als eyn ritter darinn geryden moge und eyn sper vur sich geschiezzen, und die Layn herwieder uß an die Rupach.

DAs Vierherrengebiet Es folgt dann die Beschreibung der Grenze, die von Oberlahnstein lahnaufwärts bis zur Mündung des Rupbaches führte, diesen dann aufwärts etwa der heutigen Klingelbacher Gemarkungsgrenze folgend nach Bleidenbach, an Nieder- und Mittelfischbach vorbei nach Ackerbach. Sie lief dann „hinder Lauffenseldener gericht und Walde“ nach Huppert. Der weitere Verlauf: Michelbacher Brücke, Kemel, bis gen Sauerburg, dem Laufe der Wisper folgend bis Lorch. Die Grenze umging dann die Gemarkungen Reitzenhain und Niederwallmenach, folgte ein Stück dem Bogeler Bach, erreichte den Hasenbach, führte über den Falkenborner Hof ins Dinkholder Tal, zum Rhein und abwärts nach Oberlahnstein. Dann folgte die Aufzählung von 75 Dörfern. Die Beschreibung endet:

Alle diese Dörfer wurden aufgeschrieben in Übereinstimmung mit allen Anwesenden unter Eid und nach bestem Wissen von den drei gekorenen Sprechern gegeben, die damit jedoch niemandem, der Gut im Vierherrengericht hat, in seine Rechte eingreifen wollen. Gerlach Knebel und Rulmann von Kramberg forderten den unten genannten Notar auf hierüber ein Instrument zu verfertigen.

Zugegen warern die Ritter Knebel d. Ä., Burgraf zu Kaub, Johann Hertwin von Lorch, Arnold Diemar, Burggraf zu Fürstenberg, die Edelknechte Dietrich Mul von St. Goar, Konrad und Boemund von Erlen, Brüder, Emmerich von Geroldstein, Eberhard Groß von Bacharach und viele andere Leute. Siegel Heinrichs von Lindau. - Signet und Unterschrift des kaiserlichen Notars und Stadtschreibers von Oberwesel Konrad von Ellwangen.

Wie schon erwähnt, nennt diese Urkunde 75 Ortschaften. Rechnet man nun noch einige Dörfer, die das Weistum in dem von ihm beschriebenen Umfang ungenannt lässt, hinzu, so geht daraus hervor, dass dies nicht mehr das ganze Territorium des ehemaligen Einrichgaues mit etwa 144 Orten darstellte. In einer Urkunde Gerlachs von Isenburg 1337 heißt es: „Die Grafschaft von dem Einriche“, in einem trierischen Lehensbrief von 1371 dagegen „Grafschaft uff dem Einrich“. Darf man in dieser Zeitspanne die Verminderung des Vierherrengebietes annehmen?

In Bezug auf die Schreibung der Ortsnamen scheint das Weistum nicht besonders zuverlässig zu sein. So steht für Marienfels z.B. die Bezeichnung „Mufrus“. Zur Entschuldigung möge angeführt werden, dass der Schreiber der Urkunde, Conrat von Elwangen, der „Schriber derr stede van Wesel“ (Stadtschreiber von Oberwesel) die unrichtig gehörten und ihm fremden Namen unrecht niedergeschrieben hat, obwohl das Wort Mufrus einen umso unbegreiflicheren Fehler bietet, als der Schreiber doch vermutlich hier „zum ahorne“ mit zu Gericht saß.

Eine weitere genaue Grenzbeschreibung liegt aus dem Jahre 1581 vor, aber die Zahl der Dörfer hat sich auf etwa die Hälfte vermindert. Es werden 35 Orte namentlich aufgeführt und 1646 werden fast dieselben Dörfer als vierherrisches Gut bezeichnet. Wie kam es zu der Schrumpfung des Vierherrengebietes zwischen 1361 und 1581? Von den 1361 genannten Orten waren inzwischen 9 eingegangen, 21 werden 1581 als katzenelnbogischer Besitz und 11 als nassauisches Eigentum bezeichnet. Es stellt sich jedoch die Frage, warum diese neun Dörfer verschwunden sind. Dörfer und Einzelgehöfte wurden aufgegeben, weil die Bewohner oft in das größere Nachbardorf zogen und von dort aus ihre Felder bestellten. Aber auch andere Erwägungen, wie das Kleinklima und Wasser, aber auch Seuchen und Unsicherheit (Kriege) waren Ursachen der sogenannten Wüstungsvorgänge. Auswanderungen kamen noch nicht in Frage. Zu den in dieser Zeit eingegangenen Orte gehört auch Wenigengemmerich, das zwischen Niederbachheim und Gemmerich lag und im 14. Jh. zum Kirchspiel Marienfels gehörte. Nach 1415 wird der Name dieses Dorfes nicht mehr genannt.

Auf welche Weise sich die Besitzwechsel aus dem Vierherrischen vollzogen haben, lässt sich nur in einzelnen Fällen nachweisen. So hat z.B. Graf Johann III. von Katzenelnbogen Gemmerich für 1.600 Gulden gekauft. Ähnlich werden auch die anderen Wechsel verlaufen sein. Katzenelnbogen als reiche Macht konnte den Hauptteil davontragen gegenüber dem geteilten und sich immer in Geldnöten befindlichen Hause Nassau. Der Umfang des Vierherrengebietes hat sich von 1581 bis zur Aufzeichnung von 1646, ja sogar bis zur Teilung im Jahr 1774 dann kaum noch geändert.

Vielleicht sollte noch ein Wort zu den „Weistümern“ gesagt werden, weil dieser Begriff sehr häufig in alten Unterlagen auftaucht und auch in diesem Abschnitt mehrfach benutzt wurde. In Weistümern waren die Pflichten und Rechte der Bewohner niedergelegt, sie gaben Auskunft über Rechtsverhältnisse und Rechtsansprüche. In unserem Raum gab es verschiedene Formen der Weistümer:

Man versuchte damit, an dem Althergebrachten, Überlieferten, festzuhalten. Das geht auch daraus hervor, dass zu Beginn jeder Gerichtsverhandlung der Schultheiß die Schöffen fragte, ob Zeit und Tag sei, das Weistum zu halten, und dann wurden die wichtigsten Bestimmungen des Weistums vorgelesen.


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