Kapitel 5   –   Das Vierherrengebiet

Abschnitt 1   –   Besitzverhältnisse im Vierherrischen



Wie schon früher erwähnt, spricht man von dem Vierherrengebiet oder dem Vierherrischen oder dem Vierherrengericht, seit 1255 bzw. 1260 die Landesteilung der Häuser Nassau und Katzenelnbogen stattfand und damit vier Herrscherhäuser Besitzungen im Einrich hatten. Da 1355 der Nassau-Walramische Ast sich in die Idsteiner und Weilburger Linie aufspaltete, gab es vorübergehend, etwa bis 1403, sogar 5 Herren auf dem Einrich. Als 1402 Alt- und Neukatzenelnbogen durch Heirat wieder vereinigt wurden, bestand der Name „Vierherrisch“ wieder zu Recht. Die Katzenelnbogener besaßen dabei etwa die Hälfte des Einrichs, Nassau-Dillenburg (früher Ottonischer Stamm) 1/4, Nassau-Idstein und Nassau-Weilburg je 1/8.

Im gleichen Jahre 1402 wurde Graf Philipp der Ältere von Katzenelnbogen geboren. Er sollte der letzte Namensträger seines Geschlechtes sein. Er war für damalige Verhältnisse unermesslich reich, besaß 11 Schlösser und Burgen und hatte über 100.000 Gulden, nach heutigem Wert knapp 1 Million Euro, ausgeliehen. Der eine Sohn, Philipp der Jüngere, starb schon 1453, der andere Sohn wurde im Alter von 27 jahren in Flandern erstochen. Die Tochter Anna hatte den Landgrafen Heinrich von Hessen geheiratet. Sollte das reiche Erbe der Katzenelnbogener nun an Hessen gehen?

Wappen des Hauses Nassau-Dillenburg Da aus der Ehe Phillips mit seiner inzwischen krank gewordenen Frau, einer Württemberger Gräfin, keine Kinder mehr zu erwarten waren, ließ er sich scheiden und heiratete mit 71 Jahren die Herzogswitwe von Braunschweig, eine geborene Gräfin von Nassau-Dillenburg. Am Darmstädter Hof fürchteten Tochter und Schwiegersohn nun wohl um ihr Erbe. Und es kam kurz nach dieser Heirat in der Burgkapelle auf Schloss Rheinfels zu einem Mordversuch an der Gräfin durch den Priester Johann von Bornich, der der Gräfin Gift in einen Becher Wein geschüttet hatte. Die Gräfin überlebte, der Missetäter wurde gefasst und 1474 in Köln verbrannt. Nach den Aussagen des Verurteilten hatten Vertraute des Landgrafen von Hessen wohl als Hintermänner des Verbrechens zu gelten.

Graf Philipp starb 1479 als letzter im Katzenelnbogener Mannesstamm und wurde an der Seite seiner Vorfahren im Kloster Eberbach beigesetzt. Kinder waren aus seiner 2. Ehe nicht mehr hervorgegangen, und so kamen 1479 über die Erbtochter Amia auch die Besitzungen im Einrich an den Landgrafen Heinrich IV. von Hessen und blieben bei Hessen bis zur Aufteilung des Vierherrischen im Jahre 1774. Über diese Erbschaft sagt Leopold von Ranke, dass die Hessen eine sorgfältig gepflegte Landschaft erhielten, von welcher die alten Katzenelnbogener Grafen nie ein Dorf, nie ein Gut, weder durch Fehde noch durch Verkauf hatten abhanden kommen lassen. Landgraf Philipp der Großmütige von Hessen nahm 1567 eine Teilung seiner Länder vor und sein 3. Sohn Philipp II. gelangte in den Besitz der Niedergrafschaft. Als er 1583 kinderlos starb, erhielt Landgraf Wilhelm von Hessen-Kassel die Niedergrafschaft mit dem Besitz im Vierherrischen. Jeder Teilhaber des Vierherrischen bezog in seinem Territorium die „Kontribution“ und hatte auch seine eigenen Leibeigenen, die Gerichtsbarkeit und Gesetzgebung wurden gemeinschaftlich ausgeübt.

Neben Nassau und Katzenelnbogen waren aber noch mehrere Herrschaften mit kleineren Besitzungen im Einrich vertreten: Die Eppsteiner Grafen in Braubach und Osterspai, die Isenburger Grafen in Patersberg und Niederwallmenach, Kurmainz in Oberlahnstein und die Herren von Bollanden in Weisel, Dörscheid und Kaub. Diese vielfachen und oft verworrenen Besitzverhältnisse reizten besonders die Stärkeren zu Übergriffen und Besitzerweiterungen, sodass sich die Eigentumsverhältnisse ständig änderten. Die Besitzverhältnisse und Zuständigkeiten wurden noch unübersichtlicher dadurch, dass die Einwohner und Gehöfte innerhalb eines Dorfes zu verschiedenen Herrschaften gehörten. So wird von Marienfels gesagt, dass 1233 ein Graf von Hohenstein dem Kloster Arnstein 2 Frauen schenkte. 1446 versöhnt sich Reinhard zu Westerburg mit Jakob Schneis von Grenzau wegen des Gutes zu Marienfels und 1448 verkaufen Wilhelm von Staffel und Gemahlin Grete von Grenzau an Letzschin Landschreiber zu Hoenstein und Keller zu Reichenberg und an Reinhard zu Westerburg Güter, Zinsen und Gefälle (darunter je 3 1/2 Malter Weizen und Hafer) in Marienfels, um nur einige aktenkundige Beispiele zu nennen.

In einem alten Buch steht: „Das Vierherrengebiet ist eines der buntesten Flecklein auf der scheckigen Landkarte“. Auch die nassauischen Anteile haben mehrfach gewechselt, zeitweise waren sie in 4 Teile (1355 - 1403) oder in 2 Teile (1605 - 1627) aufgeteilt. Um Überschneidungen und Kompetenzschwierigkeiten auszuräumen, beschloss man 1647, das Gebiet in drei Quartiere aufzuteilen. Doch darüber wird später noch zu berichten sein.


zurück ... 5. Das Vierherrengebiet 5.2. Umfang des Vierherrengebietes weiter ...

© Gemeinde Marienfels  –  alle Rechte vorbehalten