Kapitel 3   –   Der Einrichgau

Abschnitt 5   –   Die Grafschaft Marienfels und die Grafen von Arnstein



Die Gauverfassung hatte ein klares, einheitliches, festes Gefüge gebildet, das König und Volk miteinander verband. Die Gaugrafen walteten anstelle des Königs. Rechtsfindung und Rechtsprechung waren volkstümlich und im Bewusstsein der Freien fest verankert. Doch dann wuchs die Volkszahl. Das Leben differenzierte sich, und damit änderten sich auch die rechtlichen Verhältnisse. Die Gaugrafen wurden vom König bestellte Beamte, wesentliche Teile des Gaues gingen in den Besitz der Kirche und damit auch in deren Gerichtsbarkeit über. Damit war das Ende des Einrichgaues, der Gauverfassung und der Gaugrafen gekommen. Immer häufiger erscheint nun für den Einrichgau der Name Grafschaft Einrich und Grafschaft Marienfels, die unter der Herrschaft der Grafen von Arnstein stand.

Die Arinsteiner oder Arnsteiner waren zu jener Zeit eine der angesehensten Familien am Mittelrhein, nicht allein wegen ihrer Stellung als Nachkommen der königlichen Gaugrafen und als oberste Gerichtsherren in der Grafschaft, sondern wegen ihres überaus großen Landbesitzes. Außer ihren Erblanden im Einrich besaßen sie noch weite Strecken Landes auf der anderen Rheinseite, im Trevirergau, der Gegend von Oberwesel bis zur Moselmündung, die durch Erbschaft unter Ludwig I. in ihre Hand gekommen war. Ludwig II. von Arnstein wird in Urkunden 1105 und 1108 erwähnt. Ludwig III. war noch ein Kind als sein Vater starb. Als Jüngling nahm er an den Fehden, Räubereien und dem wilden Treiben der Ritterschaft jener Zeit teil. Mit seiner Gattin Jutta, einer Gräfin von Boyneburg blieb die Ehe kinderlos.

Kloster Arnstein Als 30-jähriger beschloss er im Jahr 1139, seine über der Lahn auf einem hochragenden Bergvorsprung herrlich gelegene Burg Arnstein in ein Prämonstratenser Mönchskloster umzuwandeln. Er ließ die Mauern seiner Burg einreißen und an die Stelle ein Kloster bauen, Macht und Würden gab er auf und trat als Mönch in das Kloster ein. Papst Innocenz II. bestätigte in der Bulle vom 30.09.1142 die Gründung des Klosters, König Konrad III. schloss sich in einer Urkunde von 1145 dem an. Ludwig hatte sich aus dem Kloster Gottesgnad in Sachsen 12 Mönche und 12 Laienbrüder aus dem neugestiftetetn Orden der Prämonstratenser geholt. Seine Frau zog sich in eine Zelle am Fuße des Burgberges zurück und hat so in der Nähe ihres Mannes ihr Leben als Einsiedlerin betend und büßend verbracht. Ein Fenster ihrer Klause soll ihr einen Blick freigegeben haben auf den Gipfel des Berges, wo sie einst als Gräfin gewaltet hatte.

In vielen Urkunden ist nachzulesen, welchen Reichtum der Graf aufgegeben hatte. Viele Dörfer werden aufgezählt, die mit den dem Grafen Leibeigenen, mit Feldern, Wiesen und Wäldern an das neue Kloster übergingen. Er gab auch die Grafschaft auf mit der ganzen „provincia“ des Einrich. Das Kloster wurde mit dem Patronat verschiedener benachbarter Kirchen dotiert. Es wird aber auch von vielen Schenkungen und Käufen berichtet. Über 40 Jahre hat Ludwig die Ordenstracht getragen, ehe er 1185 in dem auch von ihm gegründeten Kloster Gommersheim in Rheinhessen starb. Sein Leichnam wurde zur Lahn zurückgebracht, sein Sarg stand eine Nacht in der Kirche zu Kördorf, ehe er am 2. November 1185 vor dem Hochaltar der Arnsteiner Kirche beigesetzt wurde.

Die Grafschaft Marienfels übertrug Ludwig III. 1139/1140 bei seinem Eintritt in das Kloster seinem Vetter Reginbold von Isenburg, der schon vorher Grundherrschaften in Niederbachheim, Winterwerb und Niederwallmenach besaß. Eine Tochter Ludwigs I. hatte einen Isenburger geheiratet. Übrigens hatte dieser Ludwig 7 Töchter, die als „Exempel aller Tugenden“ geschildert wurden „von Liebe schön, von Angesicht noch schöner, von Geburt an allerschönsten“. An die Nachkommen dieser 7 Töchter gingen einzelne Teile des Einrich über. Der Einrich war zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr ein geschlossenes Ganzes. Es hatten sich schon mehrere kleine Grundherrlichkeiten gebildet, König Karl hatte der Abtei Prüm Schenkungen im Einrich gemacht (Habenscheid). Nassau wurde durch Konrad I. an Weilburg gegeben. Das Kloster Kettenbach erhielt 845 den Weiler Lierschied im Einrich mit 64 Leibeigenen. Mehrere Schenkungen werden 1050 und 1067 von Kamp gemeldet, um nur einige Grundherrlichkeiten im Einrich zu nennen.

Schliephake schreibt zu der Teilung des arnsteinischen Territoriums: „Die Zerstückelung des Gebietes und der Übergang herrschaft1icher Rechte in andere Hände ist indessen nicht als eine Erbteilung der Grafschaft unter die nächstverwandten Häuser anzusehen, obschon es geschehen sein mag, dass einzelne Besitzungen als Heiratsgut in die Familien der Schwestermänner des vorletzten Grafen von Arnstein gelangten. Bei einer wirklichen Teilung nach Erbrecht würden auch ferner wohnende Abkömmlinge von des letzten Ludwigs Vatersschwestern, die im gleichen Verwandtschaftsgrade standen, in den Nachlass miteingetreten sein, wovon indessen nicht das mindeste in unsere Kunde gebracht ist. Es waren vielmehr nur die nahegelegenen Häuser, denen die Arnsteiner Gebiete übergeben wurden“. So ist es zu verstehen, dass der größte Teil des Einrichs, dabei auch Marienfels, an das Haus Isenburg gelangte, das durch Heirat Reginbolds I. von Isenburg mit der 6. der Arnsteiner Grafentöchter zu diesem Haus in nahen Beziehungen stand. Die Söhne Gerlach und Reginbold II. teilten sich das Arnsteiner Erbe, wobei Reginbold (Reinbold) den größten Teil des Einrichs erhielt, dazu die Grafenwürde, die damals auch gleichbedeutend war mit dem Amt des obersten Gerichtsherren. Gerlach erhielt das spätere pfälzische Unteramt Kaub. Eine genaue Grenzbeschreibung des Gebietes, welches an Reinbold II. fiel, ist mir nicht bekannt.

Die Isenburger Herrschaft auf dem Einrich währte nur wenige Jahre, denn schon 1160 verkaufte Reinbold II. seinen Erbteil nebst der Grafenwürde an seine Vettern die Grafen von Nassau und die von Katzenelnbogen gemeinsam. Die Nassauer waren durch die Heirat ihres Ahnherren, des Grafen Drutwin IV. von Laurenburg mit einer der 7 Töchter des Grafen Ludwig I. von Arnstein, mit dem Hause Arnstein verwandt und hatten aus dieser Beziehung als der letzte Arnsteiner unbeerbt ins Kloster ging, bereits bedeutende Vorteile geschöpft. Durch den nun mit Katzenelnbogen gemeinsam vollzogenen Kauf der Grafschaft auf dem Einrich konnten sie ihre größte Gebietserweiterung verzeichnen. Auch für Katzenelnbogen war dieser Kauf von größter Bedeutung. Dieses Adelsgeschlecht, ihre in der letzten Hälfte des 11. Jahrhunderts erbaute Burg stand am oberen Dörsbach (das heutige Katzenelnbogen), hatte nach und nach seine Güter auf dem Einrich zu vermehren versucht und vor allem die Vogtei über das zur Abtei Prüm gehörende Stift St. Goar an sich gebracht. Zum Unterschied von ihren Besitzungen in der Gegend der Bergstraße, der „Obergrafschaft“, werden später ihre Territorien auf dem Einrich und auf der anderen Rheinseite als „Niedergrafschaft Katzenelnbogen“ zusammengefasst.


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