Kapitel 3   –   Der Einrichgau

Abschnitt 3   –   Das Gaumal zu Marienfels



Der Mittelpunkt des Einrichgaues war ohne Zweifel unser Marienfels, der Gau wird mehrfach als Comitatus Maruels (Marvels) genannt. So in der Urkunde von 1031, mit der Konrad II. der Trierer Kirche den „comitatus Marivelis nominatum situm in pagum Einricha cum omni sua integritate et cum omni potestate“ schenkt. Man nimmt heute an, dass mit der Grafschaft Marvels der gesamte pagus Einricha gemeint ist.

In Marienfels befand sich wahrscheinlich die Malstätte des Gaues, wo das öffentliche Gauding, die Gerichtsversammlung aller freien Männer des Gaues unter dem Vorsitz des Gaugrafen, stattfand. Wo hier in Marienfels die Dingstätte war, läßt sich nicht mit Bestimmtheit feststellen. Ich vermute sie auf dem Platz, wo heute die Kirche steht und auf dem sich früher schon eine germanische Kultstätte befand. Es heißt in einem alten Bericht, dass sie in der Nähe eines heiligen Haines war, damit „das Gefühl der gegenwärtigen Gottheit jeden Anwesenden durchschaure und zur Gewissenhaftigkeit treibe“.

Auf der Dingstätte fanden drei- oder viermal im Jahr an bestimmten nach dem Mondstande festgesetzten Tagen die Versammlungen der Gaueingesessenen statt. Es wurde über alle wichtigen Dinge gemeinschaftlich verhandelt. Nach Erledigung aller vorgebrachten Sachen traf man sich zum gemeinsamen Essen und Trinken. Es war gleichsam eine Versöhnungsfeier und soll bei manchen die Hauptsache gewesen sein, daher wahrscheinlich die Übertragung Mal oder Mahl auf diese materielle Schlusshandlung. Da jedermann den „Iäg des Dings“ wusste und ebenso, dass er sich dabei einzufinden hatte, so wurden diese Versammlungen die „Ungebotenen Dinge“" (Unbot dinc), auch „echte Dinge“, genannt.

Ding Auf einer solch feierlich gehegten Volksversammlung wurde Gericht gehalten, Streit geschlichtet, das Verbrechen gestraft und der Friede des Landes erhalten. Dazu wurden die ältesten und weisesten Männer ausgewählt und sie wiederum koren als Vorsitzenden den Angesehensten, den Grauen, Graven, Grafen, so war es ursprünglich, doch später bedurften sie der Bestätigung durch den König oder wurden gar von ihm ernannt. Der Gaugraf war der Urteilsverkünder, der Sprecher. Die Gerichtsmänner hießen Schöffen (Rechtsschöpfer), es sind ihrer oft bis 21 gewesen. Sie mussten alle anwesend sein. Blieb einer ohne schwerwiegenden Grund fern, wurde er schwer bestraft. Das Gericht wurde unter freiem Himmel gehegt, d.h. der Gerichtshof mit roten Seilen eingefriedigt. In diese Hege trat die Gesamtheit der freien Männer. Auf Steinbänken um einen Steintisch saßen der Graf und die Schöffen, der Graf angetan mit einem Mantel und einem Stab in der Hand, beides zum Zeichen seiner Gewalt.

Frauen, Kinder, Hörige und Leibeigene blieben außerhalb des Geheges stehen. Mündlichkeit und Öffentlichkeit waren die Grundbedingungen der alten Rechtshandlungen. Die Weistümer (Satzung und Recht) gingen von Mund zu Mund und wurden, wenn nötig, laut vorgetragen. Bevor die Gerichtshandlung begann, stellte der Graf an die Schöffen die Frage, ob alles in Ordnung und was seines Rechtes wäre. Dann traten Käger und Beklagte vor. Die Rechtshandlung war einfach: Klage, Verteidigung, Urteilsspruch nach Beratung der Schöffen, den die freien Männer durch Zuruf oder Schildanschlagen bestätigten. Das Urteil wurde meist an Ort und Stelle vollstreckt. Es bestand in Buße und Sühne. Für eine Reihe von Vergehen und Verbrechen musste der Verurteilte mit seinem Besitz büßen und er wurde oft arm und landlos. Die Todesstrafe als Sühne wurde in ältesten Zeiten nur über Ehebrecher und Feiglinge verhängt, Mord wurde erst später damit geahndet. Die zum Tod Verurteilten wurden meist von der Dingstätte in einen Sumpf geführt und versenkt. War das Dinggericht erledigt, dann erhob sich der Gaugraf, schob die auf dem Tischblock liegende Steinplatte zur Seite, er „hob die Tafel auf“. Wenn das Ding gebrochen war, wurde die Steinplatte herabgestürzt.

Aus besonderen Anlässen wurde das „Gebotene Ding“ (Bot ding) einberufen. Als aber der rechtlichen Fälle zur Entscheidung auf der Malstätte zu viele wurden, da teilte man die Gaue in Hunderte oder Cente und errichtete dort Centgerichte. Dem Gaugericht blieben dann nur noch der Blutbann und die höheren Buß- und Sühnesachen, außerdem war es Appelationsgericht. Auch die Centgerichte waren nur für die Freien. Man unterschied zu jener Zeit zwischen

  1. Edelinge, Gefolge und Helfer des Königs
  2. Gemeinfreie
  3. Freigelassene
  4. Leibeigene; die sich freiwillig unterwarfen, durften gegen Zins und Pacht als Hörige leben
Die Leibeigenen und Hörigen konnten nur durch das Mittel ihres Herren gegen einen Freien oder einen Ihresgleichen rechten.


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