Kapitel 3   –   Der Einrichgau

Abschnitt 1   –   Von der Römerzeit zum Frankenreich



Rund 200 Jahre, von etwa 80 bis 260 nach Chr., hatte das durch den Limes geschützte rechtsrheinische Gebiet am Mittelrhein zum römischen Imperium gehört. Doch dann zerstörten die Alemannen um 260 n. Chr. den rheinischen Limes und das Land rechts des Rheins fiel in ihre Hand. Der römische Kaiser Fl. Claudius unternahm zwar 357 n. Chr. einen Angriff auf die Alemannen, konnte sie aber nicht besiegen, nur die Rheingrenze behaupten. Diese Alemannen teilten ihr Gebiet südlich der Lahn schon in Gaue ein und Wirtz (Bonner Jahrbücher, Band 122) hält den Einrich für einen in jener Zeit entstandenen Alemannengau. Belegt ist diese Annahme nicht.

406 n. Chr. traf der Stoß der Wandalen und Alanen lahnabwärts auf die Alemannen. Die Franken, ein Zusammenschluss mehrerer kleiner Germanenstämme, stießen in unseren Raum vor. 496 n. Chr. wurden die Alemannen von dem Frankenkönig Chlodwig mit Hilfe der Chatten besiegt, das Taunusgebiet wurde dem Frankenreich einverleibt. Es wird vermutet, dass sich der Übergang von der keltisch-römischen in die fränkische Periode allmählich und überwiegend friedlich vollzog. Man nimmt an, dass in unserem Raum die Franken die herrschende Oberschicht gebildet haben, neben und unter der die zurückgebliebene ältere Bevölkerung einen großen Teil der Siedler stellte. Dabei wird die Meinung vertreten, dass gerade im Einrich, wo später strenge Leibeigenschaft herrschte, ein Hauptsitz der besiegten früheren Bewohner gelegen habe. Mit der Verfestigung der fränkischen Herrschaft sind dann die vielfachen Verschiebungen der Bevölkerung zur Ruhe gekommen. Urkundliche Zeugnisse über Besiedelung und Bevölkerungsstruktur aus jener Zeit haben wir nicht. Man ist auf Zufälligkeiten von Ausgrabungen und sonstigen Überlieferungen angewiesen, wie etwa die Ortsnamenkunde. Die sprachgeschichtlichen Untersuchungen und die entsprechenden Auslegungen von Bach und Sponheimer lassen Rückschlüsse auf die Besiedelung des Einrichs zu. Ausgehend von alten Siedlungskammern in den fruchtbaren Lößtalböden des Mühlbaches und der Nebentäler, rodete man die Seitenhänge hinauf, wobei die Besiedlung von West nach Ost fortschritt, denn im westlichen Teil liegen die ältesten Orte. Ein großer Rodungsschub setzte im 10. Jahrhundert ein. Sprachliche Zeugen dieses Erschließungswerkes sind vor allem die Dorfnamen mit der Endung -rod. Es war wohl im 14. Jahrhundert die größte Siedlungsdichte des Einrichs erreicht.

Auch an der Totenbestattung ist der Übergang ablesbar. Die altgermanische Sitte der Leichenverbrennung war aufgegeben worden, es treten typische fränkische Reihengräber auf, wie etwa Funde bei Miehlen aufzeigen.

Zur Versorgung der Grenztruppen hatten die Römer zwischen Rhein und Limes leistungsfähige Einzelgehöfte mit Nebenanlagen an boden- unbd klimabegünstigten Stellen erbaut. Daraus wurden nun in der fränkischen Zeit zusammenhängende Gruppen von Höfen, aus denen sich die Siedlungsform der Dörfer entwickelte (Marienfels, Bogel, Hainau, Endlichhofen). Das weitverzweigte und gut ausgebaute Straßennetz der Römer verfiel. Die Steinbauweise der Anlagen war den Germanen ungewohnt und neu. Es dauerte noch längere Zeit bis man es verstand, befestigte Straßen anzulegen, wobei die Befestigungsweise darin bestand, sie mit Steinen zu füllen, mit Kies und Erde zu bedecken und sie dann festzustampfen. Dass dabei die Fuhrwerke oft in Dreck und Schlamm steckenblieben, scheint nicht verwunderlich. Eine „nassau-oranische Chausseeordnung“ die einen rationellen Straßenbau mit Abmauerungen und Straßengräben vorschreibt, erschien erst 1753.

Ochsenwagen Aus der Zeit Karls des Großen bzw. zu Beginn des 9. Jahrhunderts sind einige Landstraßen durch Nassau bestätigt. Eine davon verlief von Biebrich am Rhein über die Hohe Wurzel, Kemel, Kloster Gronau, Nastätten, Marienfels, Braubach, Lahnstein nach Deutz. Eine Karte der mittelalterlichen Fernwege (Nass. Ann. Bd. 78) zeigt, dass sich in Marienfels zwei Straßen trafen, die oben bezeichnete von Nastätten kommende und eine andere, die von Pohl an Hunzel vorbei nach Marienfels führte. Von Marienfels aus verlief dann eine Straße über Geisig, Schweighausen nach Lahnstein, eine über Dachsenhausen nach Braubach und eine weitere über Gemmerich zum Rhein. Auf diesen Straßen muß ein buntes Leben geherrscht haben, Frachtwagen rollten und humpelten darüber. Wo es bergan ging, und von Marienfels nach Dachsenhausen und nach Gemmerich ging es steil aufwärts, standen Bauern bereit, gegen gutes Entgelt Vorspann zu leisten. Dabei musste man sehr aufpassen, dass man nicht dem „Grundrührrecht“ verfiel. Brach nämlich die Achse eines Wagens und berührte der Wagen auf einer Seite den Boden, so war seine Ladung dem Herrn des Territoriums verfallen. Geleitsleute des Territorialherren, die auch das Geleitsgeld erhoben, warteten auf solche Pannen. Kannte man früher nur zweirädrige Ochsenwagen, so waren ab etwa 1100 Pferde mit Kummet im Gebrauch und um 1300 kamen erst die vierrädrigen Wagen auf.


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