Kapitel 2   –   Marienfels zur Zeit der Römer

Abschnitt 6   –   Verlegung des Limes und römische Bauwerke in Marienfels



So wenig feststeht, wann die Okkupation unserer Gegend stattfand, so ungewiss ist auch, wann dieses Kastell aufgegeben wurde. Lange hat es nicht bestanden, es wurde nach der Grenzregulierung verlegt und ab jetzt haben wir es mit dem 1 km von hier gelegenen Kastell Hunzel zu tun.

Unter Kaiser Vespasian (69 - 79 n. Chr.) begann nun an der Rheinfront eine fast 200-jährige ruhige Zeit. Wohl wurden die Vorstöße gegen die unruhigen Chatten noch weiter geführt, besonders unter Kaiser Domitian (81 - 96 n. Chr.) in den Jahren 83 und 89, doch die nun gebildete Grenze im Taunus stand und wurde weiter ausgebaut. Wann die Grenzbegradigung stattfand und Marienfels garnisonsfrei wurde, ist nicht mehr festzustellen, aber unter Kaiser Domitian wurde der Limes weiter befestigt. In den Jahren 121 und l22 besuchte Kaiser Hadrian (117 - 138 n. Chr.) die römische Provinz Germania Superior mit der Hauptstadt Mainz, dabei dürfte er auch die Limesanlagen entlang der Reichsgrenze bereist haben. Sicher ist, dass nach diesem Besuch eine verstärkte Bautätigkeit an dieser Grenze sich entwickelte und dass spätestens jetzt die Limesgrenze verlegt wurde.

Während der erste Verlauf über Marienfels führte, wurde bei der Begradigung der Mühlbach unterhalb der Happesmühle überquert und nicht, wie bisher angenommen, bei der Dickmühle oder gar bei der Käsmühle. Vom „Mehlacker“ in der Gemarkung Geisig, oder besser gesagt von der „Wolfskaut“, wo ein Wachtturm stand, hatte man eine Einsicht bis zur Happesmühle, von hier wieder eine gute Sicht zum Turm westlich von Berg und von dort über den Limesverlauf in Richtung Kastell Hunzel. Wenn v. Cohausen von einem kleinen Kastell berichtet, das bei der Dickmühle lag, dürfte es doch eher bei der Happesmühle zu suchen sein, um hier das enge Tal zu sperren, den Limes hier zu schützen und den 1,5 km entfernten römischen Ort Marienfels zu sichern. Jedenfalls muß sich der Ort, dessen römischen Namen wir nicht kennen, nennen wir ihn einfach „Marvelis“ nun zu einem römischen Wohnort entwickelt haben. Hier sind es gerade die Reichsgrabungen gewesen, die dieser Tatsache nicht genügend nachgegangen sind.

Wenn schon Habel 1803 von den Monumenten in Marienfels berichtete, wenn v. Cohausen statt von einem Castell von einem römischen Ort spricht, wenn Prof. Dr. Schumacher von einer recht frühen Gelegenheit zur Entwicklung redet und bei der Bedeutung des Ortes mehr inschriftliche und monumentale Denkmäler vermisst, wenn man die Funde der letzten Zeit betrachtet, dann kann all dies nur dazu beitragen, das Wissen um diesen bedeutenden römischen Ort zu erhellen. Nicht das Kastell Marienfels war die alleinige Hinterlassenschaft der Römer, sondern vielmehr der große römische Ort unweit von Rhein und Lahn, ein Ort zur Erholung mit vielen kulturellen Einrichtungen.

In dieses Bild passen das gefundene Thermalbad, der Sauerbrunnen, die schon aufgezeigten Straßen, die entdeckte Römerquelle und auch der Felsen, der schon vorher eine keltische u. gennanische Kultstätte trug. Was lag da näher, als dass sich namhafte Römerforscher Gedanken über Marienfels gemacht haben, dass Prof. Schoppa, Wiesbaden, 1958 meinte, der Ort sei nur ungenau untersucht worden. Zusammen mit Dr. Rosenberg, Nassau, und Dr. Stähler, Lahnstein, übrigens ein Neffe von Prof. Dr. Bodewig, stellten sie die These auf: In Marienfels muß es ein Amphitheater gegeben haben! In der langen und ruhigen Zeit war auch das Bedürfnis für Unterhaltung bei der Truppe und der ansässigen Bevölkerung gestiegen und genau wie in Rom, Trier und sonstwo, wollte man nicht nur finstere Provinz sein, sondern teilnehmen am kulturellen Leben. Genau wie man es auch beim Kastell Zugmantel bei Neuhof im Taunus fand, vermutete man es hier in „Marvelis“.

Es war auch Dr. Bodewig, der in der Kastellbeschreibung die starken Mauern nicht einordnen konnte in das Gesamtbild. Er schreibt: „Ebenso muß in den jetzt feuchten Wiesen (Flur Bornwiesen) nordöstlich vom Kastellgebiet in der Nähe des mittleren Dorfes in römischer Zeit Haus an Haus gestanden haben, denn jeder Einschnitt fördert dort starke Baureste zutage“. Um diese Baureste legt sich das heutige Dorf im Halbkreis. Seit Jahrhunderten wurde vermieden, dieses abfallende Gebiet zu überbauen. Erst in letzter Zeit wird gewagt, Maschinenhallen und Viehställe dort zu errichten.

Es taucht nun die Frage auf, woher stammen die vielen Mauerreste in diesem Halbrund, in dem nach Norden offenen Gelände? Könnten die vielen Fundamente nicht die Reste der Ränge und Sitzreihen gewesen sein, statt wie bisher angenommen von Häusern? Könnte die Arena nicht in dem Bogen zu finden sein wie auch sonst in griechischen Theatern? Und passt die Ausgrabung bei dem Grundstück Hartung nicht mit dem starken Eichenholz-Postament in diese Hypothese? Was stand auf diesem starken Holzpostament? Könnte es sich nicht um einen Teil der Zuschauertribüne handeln? Für diese Annahme spricht:

  1. Die Säulenreihen standen in Ost-West-Richtung, im rechten Winkel vom Zuschauerraum zur vermuteten Arena.
  2. Die Stärke dieses Postamentes ist ausreichend für eine starke Belastung, auch zum Tragen eines Daches.
  3. Die Abstände der Pfostenreihen sind geeignet für eine gute und sichere Abdeckung durch Bohlen.
  4. Der diagonale Verlauf der Reihen gewährt eine sichere Verstrebung und Standfestigkeit der ganzen Anlage.
Und schließlich hätte das als „Militärbad“ bezeichnete Thermalbad, ganz dicht bei diesem Theater gelegen, nun nicht eine ganz andere Bedeutung für den römischen Ort? Zusammen mit dem Wasser des Kaltenbornes, der zur Speisung des Bades diente, könnte auch eine Ableitung des Mühlbaches zum Betreiben einer Wasserarena benutzt worden sein, so wie sie auch in Trier in Betrieb war. „Brot und Spiele“, das galt nicht nur in Rom und den anderen Hauptstädten des Reiches, sondern auch in den Provinzen und hier an der Grenze.

Doch es ist immer schwer, der Wissenschaft vor Ort zu helfen, etwas beweisen zu wollen und die Gelehrten zu überzeugen, denn was nicht ist, darf auch nicht sein. Über die Wege und Straßen innerhalb des Ortes haben wir bereits berichtet. Da wo die Hausnummerierung der Römerstraße heute beginnt, verliert sich die Spur der alten Straße und die Flur heißt „Auf dem Rennweg“. Als sicher gilt, dass die Straße nach Miehlen nicht durch den Talgrund wie heute gegangen ist. Denn einmal reichte der Mühlbach bis an das steile „Waanersch Uwwer“ noch zur Zeit des 30-jährigen Krieges, später stürzte ein Pfarrer mit seinem Pferd hier ab und ertrank, und zweitens waren die Römerstraßen nicht so kurvenreich. Da gab es seit alten Zeiten eine andere Verbindung über die Höhe, den „Lahnsteiner Weg“. Er führte nicht direkt auf das Dorf zu, sondern kam von der Weierbach aus nach Marienfels, ins Unterdorf und lief dann weiter in Richtung Sauerbrunnen.

Zwischen dem Lahnsteiner Weg und der Flur Rennweg liegt die Weierbacher Mulde. Mit etwas Phantasie kann man sich vorstellen, dass diese Strecke der ideale Austragungsort für Pferderennen jeglicher Art war. Genau wie heute das Benzinmobil, das Auto, zu allerlei Rennen benutzt wird, so wurde damals das Pferd als wichtigstes Transport- und Kriegsmittel gezüchtet, ausgebildet und in den Rennen erprobt. Die römische Führungsschicht, römische Gutsherren, besonders deren Jugend, dürfte hier in der Weierbach ihre Pferderennen, ihre sportliche Ertüchtigung im Reiten und Fahren ausgetragen haben. Wie schon gesagt, man wollte auch an der Reichsgrenze nicht gegenüber den Hauptstädten zurückstehen. So manch kleiner „Ben Hur“ dürfte hier seine Bahnen gezogen und mit einem Gegner gekämpft haben. Für diese Rennbahn war keine Befestigung nötig, ein gewachsener, weicher Boden genügte. Deshalb ist es zu erklären, dass heute von dieser Rennbahn nichts mehr zu entdecken ist, nur der Flurname „Auf dem Rennweg“ hat sich erhalten.

Kommen wir zu den vielen Mauerresten, die in und um Marienfels zu finden sind. Wenn man heute noch Fundamente bis 1,40 m Stärke findet, wenn man weiß, wieviel Steine schon aus dem Boden herausgeholt wurden, dann kann man sich vorstellen, dass auf diesen Fundamenten und Mauern auch Gebäude von beachtlichen Ausmaßen gestanden haben. Denn für einen einfachen Holzbau genügte nur eine flache Steinunterlage, wie wir sie auch von den Fachwerkhäusern her kennen. Auch ist es nicht begreiflich, dass innerhalb eines Erdkastells, also ohne feste Außenmauern und Steintürme, nun große Gebäude aus Stein errichtet worden sein sollten.

Wenn wir annehmen, daß „Marvelis“ unter Domitian etwa 89 n. Chr. oder spätestens 120 unter Hadrian keine Garnison mehr war und das Nachfolgekastell Hunzel errichtet wurde, dann dürfte um diese Zeit hier die Bautätigkeit begonnen haben. Wir können uns Gebäude vorstellen, die der Versorgung der Bevölkerung gedient haben, aber auch Privathäuser, Villen, ausgestattet mit allem damals bekannten Komfort, wie Heizung und fließendem Wasser. Diese Häuser standen nicht nur im Bereich des heutigen Niederdorfes, sondern weit um den Ort herum. Bei Trockenheit sind die Umrisse eines Hauses in Richtung Ehr, 1 km vom Dorfplatz entfernt, noch sichtbar. Mauerreste entlang der Straße nach Dachsenhausen, an der alten Straße am Sauerbrunnen vorbei, Mauerreste in südlicher Richtung am neuen Weg und Markersweg, überall sind sie da und kommen vermehrt ans Tageslicht. Denn es geht nicht mehr ein leichter Pferdepflug über das Land, die drei- und vierscharigen Pflüge, von immer stärkeren Schleppern gezogen, dringen tiefer in den Untergrund.

Karte


Es dürfte fast unmöglich sein, ein Bild von dem damaligen römischen Ort zu zeichnen. Es ist schwer, das fast 40 m lange und 8 m breite Gebäude, dessen Mauern bei den Reichsgrabungen in den „Grundkauten“ gefunden wurde, einzuordnen. Es ist schwer alles zu einer Einheit zusammenzufügen, die Gebäude und Straßen, das Thermalbad und „Amphitheater“ die Rennbahn und den Tempel auf dem Felsen, den Mineralbrunnen und die Wasserleitung. Rätsel über Rätsel hat uns das Altertum hinterlassen. 1803 schreibt Habel von einem Acker in Danighofen gelegen, „worinnen das alte von graulichen, schiefrigen Thonsteinen ausgemauerte runde Bad stand“. War es nun das Thermalbad gewesen, das 46 Jahre vergessen war und erst 1849 ausgegraben wurde, oder hat es sonstwo noch ein anderes Bad gegeben? Was aber am meisten Fragen über Fragen aufwirft, das ist die stellenweise über 1 m starke Brandschicht. Wenn wir vorhin von den vielen gemauerten Gebäuden sprachen, von denen die Fundamente zeugen, dann müssen noch viel mehr Bauten aus Holz bestanden haben. Denn woher soll sonst diese dicke Brandschicht stammen? Habel schreibt ja schon 1803, dass die Einwohner von Marienfels diese „gebrannte Erde schon seit undenklichen Jahren“ auf ihren Grundstücken ausgraben und als Dünger auf ihre Felder fahren. Und noch immer ist diese Brand- und Schuttschicht reichlich vorhanden. Beim Ausschachten der Baugrube von unserem Wohnhaus (1953) habe ich sie selbst kennengelernt als tiefschwarze, zähe Masse, die weder von der Schaufel noch vom pferdebespannten Kippwagen (Koowe) wollte. Jedenfalls muss viel Brennbares, wie ganze Häuser, Stockwerke, Dachstühle und andere Aufbauten dem Feuer zum Opfer gefallen sein, um diese starke Brandschicht zu hinterlassen.


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