Kapitel 2   –   Marienfels zur Zeit der Römer

Abschnitt 5   –   Kastelle in Marienfels



Cohausen ist in seiner 1884 in den Nassauischen Annalen XVII geschriebenen Abhandlung der Meinung, dass in Marienfels nie ein Kastell stand. Er schreibt dazu: „Da nun Marienfels 1.500 Schritt hinter dem Pfahlgraben und durch Berg und Tal von ihm getrennt, nichts mit einem Kastell gemein und doch Legionsziegel verwandt hat, so wird im Auge zu behalten sein, daß die Legionäre zur Ziegelfabrikation auch für Private abgegeben wurden“. Cohausen hat dabei aber nicht gewusst, dass, wie im vorigen Abschnitt beschrieben und wie erst seit kurzem bekannt, dass die erste wenig befestigte Grenze am Sauerbrunnen in Marienfels vorbeiführte und der von ihm erwähnte Pfahlgraben über Berg und Hunzel erst später angelegt wurde.

Übersichtskarte Bodewig stellte dann bei seinen Grabungen südlich des Niederdorfes in den „Grundkauten“ zwei konvergierende und dann ineinander laufende Spitzgräben fest. Er glaubte damals, es handle sich hierbei um zwei Gräben derselben Anlage (Limesblatt 5. 537 und 684 ff.). Auf Grund der in den Gräben gefundenen Scherben konnte er doch später schließen, dass der äußere mehr südliche Graben einer älteren, der innere einer jüngeren Periode angehörte. Man verfolgte dann diese beiden Gräben weiter und konnte tatsächlich Ost- und Westseite der älteren Anlage entdecken. Die von Bodewig durchgeführten Schnitte sind in dem Plan des rekonstruierten Grabens angedeutet. In dem Eingang zu Grundstück 891 fand man tief unter der heutigen Oberfläche das Profil eines Spitzgrabens, wohl zur Nordseite des älteren Systems gehörig. Sie muss sich dann etwa in der Nähe der heutigen Dorfstraße befunden haben.

Zu dem jüngeren Graben konnte man schließlich durch vier Einschnitte auch die Nordseite feststellen. Die Westseite der jüngeren Anlage hat Bodewig nach Angaben eines Arbeiters eingezeichnet, der bei der Geländeabtragung dort eine Grabenböschung gesehen haben will. Nach der Ostseite dieser Anlage wurde trotz vieler Grabungen vergeblich gesucht. Bodewig vermutet sie noch jenseits des Markersweges.

Die beiden Anlagen müssen, nach den Funden zu schließen, bald nacheinander entstanden sein. Mit der größeren Anlage wurde wohl auch das Bad errichtet, für dessen Erbauung Ritterling 115 - 125 n. Chr. angibt, nach den aufgefundenen Namensstempeln der 22. Legion (Westdeutsche Zeitschrift XVII 5. 217). Man ist heute der Meinung, dass es sich bei den beiden Anlagen um römische Erdkastelle handelte, die zu Beginn des 2. Jahrhunderts angelegt wurden. Das ältere Kastell hatte wahrscheinlich die Form eines Rechtecks mit abgerundeten Ecken. Seine Ausdehnung betrug, nach den Angaben und Messungen, die Bodewig 1903 gemacht hat, 117 m x 97,5 m. Auf der Südseite ist der Graben im gewachsenen Boden noch 5,60 m breit und seine Sohle liegt 2,40 m unter der heutigen Oberfläche. Die äußere Böschung ist hier steiler als die innere. Auf der Westseite wurde, im Graben liegend, ein 15 - 20 cm starker Pfahl gefunden, der vielleicht von einer Holzverkleidung herrührte. An der Südseite fand man über dem Graben eine 7 m breite gemauerte Rampe, wohl den Eingang, mit einer Kiesschotterung. Unmittelbar vor der Rampe zeigten sich zwei Löcher mit Asche und Scherben, vielleicht stand hier ein hölzerner Torbau.

Für das jüngere Kastell darf man vielleicht als Maße annehmen: 190 m in ostwestlicher und 150 m in nordsüdlicher Richtung. Der Graben war über 5 m breit und etwa 2 m tief. Die Grabensohle wird auf der Nordseite von einer 20 cm breiten und ebenso tiefen Rinne gebildet. Auf der Südseite stellte man bei den Grabungen eine starke Humusdecke fest und darunter oft eine Brandschicht von über 1 m Mächtigkeit. Zwischen Kohlen und Asche fand man roten gebrannten Barackenlehm und Scherben aller Art, aber durchweg späterer Zeit. Innerhalb des Kastells waren außer dem Fundament des langen Gebäudes angeblich nur Barackenreste, Wohngruben und Kochlöcher zu finden. An Lagerstraßen war von dem Eingang des Kastells auf der Südseite aus die Straße, wohl die via principalis, noch im Innern der Anlage zu erkennen. Sie zeigte in 7 m Breite eine Schotterung aus kleinen Steinen mit darüber gedecktem Kies. Eine 2 m breite dünne Wegschotterung zeigte sich auch vor dem langen Gebäude auf der Ostseite.

Nach welcher Seite war die Front des Kastells gerichtet? Bodewig nimmt an nach Osten. Es kann meiner Meinung nach auch die Nordseite die Feindseite gewesen sein, da Bodewig dort hinter dem eigentlichen Graben noch ein kleines Gräbchen fand. Bei den Erdkastellen war es nämlich üblich, besonders nach der Feindseite, den Graben durch Pfähle oder Astverhaue zu verstärken. Zu diesem Zwecke zeigten die Grabenprofile meist doppelte Spitzen zum leichteren Anbringen und Befestigen der Verhaue. Leider sind von den Grabungen Bodewigs die Profile der geschnittenen Gräben nirgends aufgezeichnet. Befragte Personen, die bei den Grabungen zugegen waren, sprachen jedoch nur von Gräben mit einfacher spitzer Sohle. Nur auf der Nordseite soll bei dem jüngeren Graben die Sohle etwas breiter gewesen sein. Wahrscheinlich haben wir es also hier mit der Feindseite zu tun.

Zur Bestimmung der Stärke der Besatzung bieten die Funde keinen Anhalt. Nach der Ausdehnung des Erdwerks der jüngeren Periode darf man vielleicht annehmen, dass hier eine Kohorte (400 bis 600 Mann) lag.


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