Kapitel 2   –   Marienfels zur Zeit der Römer

Abschnitt 3   –   Grabungen in jüngerer Zeit



Doch nun waren in Deutschland alle wach geworden, die es mit der Altertumsforschung hielten. Die „Römische Geschichte“ von Th. Mommsen (1817 - 1903) war erschienen, das Standardwerk der Römerforschung. In Berlin wurde der Reichstag mobil gemacht, um nun eine umfassende Ausgrabungskampagne zu finanzieren und per Gesetz zu organisieren. Die Reichslimeskommission entstand. Mit echt preußischer Gründlichkeit wurde die 550 km lange Grenzanlage vom Rhein bis zur Donau hin unter der Leitung von Streckenkommissaren zum Ende des 19. Jahrhunderts untersucht.

Für Marienfels war Oberlehrer Dr. Bodewig aus Oberlahnstein zuständig. Das Ergebnis seiner Nachforschungen wurde in dem Sonderabdruck„Das Kastell Marienfels“ aus dem Band „Der obergerm. raet. Limes des Römerreiches“ im Jahre 1903 veröffentlicht.

Seit 1903 war es nun still geworden um das römische Marienfels. Ab und zu tauchten noch Scherben, Mauerreste auf und bei allen Erdeinschnitten, Ausschachtungen und Rohrverlegungen stieß man auf Hinterlassenschaften der Römer.

Während des Flurbereinigungsverfahrens in den Jahren 1960/61 wurden auch die sehr feuchten Wiesen unterhalb des Dorfes (Bornwiesen) trockengelegt. Das ganze Gebiet war von Gräben durchzogen worden und durch Drainageleitungen floss nun das stauende Wasser ab. Jeder Grundstücksbesitzer war froh, mit den Erdarbeiten einen Teil der Umlegungskosten abverdienen zu können. Um einem Fortgang der Arbeiten nicht zu behindern, wurde damals vermieden, die Fachbehörde für Bodenfunde hier einzuschalten. Es wurde eine nie wiederkehrende Gelegenheit verpasst, ein zusammenhängendes Grabensystem, das zudem auch noch einige Wochen offenlag, in einem interessanten und fündigen Gemarkungsteil untersuchen zu lassen. Denn immerhin waren die Gräben ca. ein Meter tief ausgehoben worden und brachten Scherben, Schotter, einen runden gemauerten Brunnen und vor allem viel Mauerwerk ans Tageslicht. Gerade diese Mauern, die 1803 schon Habel als „Gußmauern“ umschrieb, waren sehr mühsam herauszubrechen, denn alles musste ja noch mit Bickel, Hacke und Schippe von Hand geleistet werden. Der eigentliche Bereich um das früher ausgegrabene Thermalbad wurde bei diesen Arbeiten nicht berührt, schon aus dem einfachen Grund, weil hier das Gelände trocken war und es nichts zu entwässern gab.

Bei den Ausschachtungsarbeiten für die neuen Häuser im Kaltenborn kamen anfangs in der alten Ortsnähe auch reichlich Mauerreste und Scherben zutage, wogegen sie sich in Richtung Ehr verminderten, um schließlich ganz auszubleiben. Anders war es dagegen bei den beiden Häusern von A. Kirsch und W. Gemmer am Neuen Weg. Hier wurden einige Mauern angeschnitten, die teils eine beachtliche Länge aber auch einen großen Querschnitt hatten. Interessanterweise war der Boden hier teils unberührt, dann wieder gemischt, mit gut erhaltenen Scherben durchsetzt.

Anfang Dezember 1983 wurde bei einem Stallneubau des N. Hartung in der Flur 2, Grundst. Nr. 50 „In den Bornwiesen“ bei einer Güllegrube ein umfangreicher Erdaushub vorgenommen. Die Außenmaße der Baugrube betrugen etwa l8 x 15 m, in der oberen Hanglage wurde der Aushub bis 4 m und in der unteren bis 3,50 m Tiefe abgefahren. Die obere Schicht zeigte in einer Tiefe von 0,75 m aufgeschwemmten oder aufgebrachten Mutterboden. Dann kam eine schwärzliche, von Steinen und einzelnen Scherben, auch mit Holzteilen vermengte Schicht, darunter dann eine dichte, schwarze, wie Reste eines Brandes aussehende, in der Stärke von etwa 0,6 m. Anschließend zeigte sich ein heller, feuchter, lehmig-toniger Untergrund. Entgegen dem sonstigen unberührten Boden in dieser Ortslage, der aus fettem Lehm besteht, sah dieser mehr nach Resten von Schlamm und Schlick eines ehemaligen Gewässers aus. Eindeutiges Mauerwerk oder Fundamente eines solchen waren nur in der westlichen Ecke der Grube erkennbar. Es ragte etwa 6 m in diese hinein, um dann im rechten Winkel nach Norden zu verschwinden. Die Stärke der Mauer dürfte etwa 1,20 m betragen haben, die Sohle ging bis unter die Baugrubentiefe. In diesem Mauerbereich fanden sich zahlreiche Reste von Bodenplatten und röm. Gefäßen.

Auffallend an dieser Baugrube war der starke Besatz mit Holz. Es kamen Reste von Eichenpfosten mit mindestens 0,40 m Stärke zutage. Sie waren angekohlt, lagen schräg in der untersten Schicht oder standen noch aufrecht. Durch den Bagger wurden einige Pfosten herausgeholt, bei denen unten deutlich der freigestemmte Zapfen von etwa 0,15 x 0,15 m erkennbar waren. Diese Hölzer standen mit den Zapfen im Abstand von 1,50 m in leicht schräg liegenden Eichenbalken, die mindestens die gleiche Stärke wie die Pfosten hatten. Im oberen Teil der Grube lagen diese Schwellen fast ganz frei, während sie im unteren tiefer lagen und vom Baggerlöffel nicht erfasst werden konnten. Insgesamt liegt dieser Holzsockel oben etwa 4 m und unten 3,50 m unter der jetzigen Geländehöhe. Die Säulenreihen waren etwa 2,50 bis 3,50 m auseinander, sie verliefen nicht paralell, sondern diagonal von Westen nach Osten.

Eine Untersuchung der Fundstelle wurde durch das Landesamt für Denkmalpflege in Koblenz vorgenommen, nachdem Dr. Wegner am 8. Dezember 1983 die Baugrube besichtigt hatte. Die beiseite gelegten Pfostenreste wurden am 12. Dezember 1983 abgeholt. Die archäologische Befundaufnahme, die dann kurz vor Weihnachten, Ende Dezember und Anfang Januar 1984 durchgeführt wurde, gestaltete sich äußerst schwierig, da die Grube sich mit Wasser gefüllt hatte und teils das stehende Erdreich eingerutscht war. Deshalb ist es verständlich, dass meine Beobachtungen schon während der Ausbaggerung etwas anders waren, als diejenigen der Fachleute des Landesamtes einige Zeit später.

Wenn im Fundbericht von „senkrecht eingerammten Pfählen, die diagonal von Westen nach Osten in Reihen standen“ die Rede ist, kann dem erwidert werden, dass es sich um eingezapfte Pfosten in einem querliegenden Holzfundament handelt. Von besonderer Bedeutung ist das Ergebnis der dendrochronologischen Untersuchung des Holzes dieser Fundstätte. Die Untersuchung wurde im Institut für Ur- und Frühgeschichte in Köln durchgeführt. Alle drei Holzproben wiesen darauf hin, dass die Eichen in den Jahren 147 bis 150 n. Chr. gefällt wurden und dann auch hier ihre Verwendung fanden.

Im Fundbericht des Landesamtes für Denkmalpflege heißt es: „So haben wir hier ein eindeutiges Datum, nach dem diese Anlage offensichtlich in der Mitte des 2. Jahrhunderts errichtet worden ist. Dies stimmt auch mit der aufgefundenen Terra-Sigillata-Keramik überein und passt insgesamt gut in den Ablauf der Geschichte des römischen Marienfels. Hierdurch wird aber auch ein Zeitpunkt der stärksten wirtschaftlichen Entfaltung in den römischen Provinzen Ober- und Niedergermanien markiert. Obgleich in dieser Zeit kriegerische Auseinandersetzungen im großen Stil in dieser Region nicht bekannt wurden, erfuhr doch der Limes in den folgenden Jahren seinen stärksten Ausbau. Dabei wurde auch das Lager Marienfels mit einbezogen. Durch diese Baugrubenbeobachtungen sind wieder neue Erkenntnisse für die Kastellanlage im heutigen Ort Marienfels erbracht worden.“


Holz


Über 40 Zentimeter im Durchmesser sind diese Eichenpfosten stark, die bei der Baustelle Hartung 1983 ausgegraben wurden. Einwandfrei sind die Zapfen zu erkennen, mit denen die Pfosten in fast waagrecht liegenden Eichenbalken verzimmert waren. Das Alter der Hölzer wurde nach neuester Methode bestimmt und dadurch wurde festgestellt, daß die Bäume in den Jahren 147 bis 150 n. Chr. gefällt und verarbeitet wurden.

Was bei allen Untersuchungen seit 190 Jahren auffällt und was zuerst auf ein Kastell und später auf einen Ort hindeutet, das ist das Fehlen von großen Gutshöfen. Nirgends hat man im „Lagerdorf“ oder darüber hinaus einen solchen entdecken können wie in Miehlen und Bogel. Hier standen nur große Häuser, beheizte Villen, aber ein landwirtschaftliches Gebäude konnte bisher nicht nachgewiesen werden.

Ehe wir uns nun weiter Gedanken machen über den römischen Ort von damals, wollen wir noch von einigen Funden berichten, die seit der Ausgrabung bei Hartung gemacht wurden. Im Sommer des Jahres 1986 wurde als Beginn der Ortsentwässerung ein Kanal in den Bornwiesen verlegt. Der Beginn der Arbeiten war in der Nähe des Sauerbrunnens am Mühlbach. Sie wurden dann weitergeführt durch den Wirtschaftsweg „In den Bornwiesen“ entlang der Maschinenhalle des W. Kaiser, dem Viehstall des N. Hartung, an den Hallen des P. Sommer und D. Redert vorbei bis zum Endpunkt beim Anwesen E. Weis im Oberdorf. Eine Kanalleitung bog vor der Halle Kaiser ab und wurde in Richtung Sauerbornsweg zum Haus Debus verlegt und dort in der Römerstraße an die bestehende Kanalisation angeschlossen.

Zunächst kam im Wiesengrund ab Mühlbach unberührter oder zumindest aufgeschwemmter Flußboden zutage. Anders wurde es erst in der Wiese des A. Wiegand, hier begann der mit Steinen und Scherben durchsetzte Aushub. Die Zahl der Mauerreste nahm zu, ebenso wie in der Nähe der Maschinenhalle Kaiser der Holzbesatz. Hier in dieser Gegend wurden auch wieder starke angekohlte Eichenpfosten herausgeholt. In der Kurve hinter dem Anwesen von der Heydt wurden die Rohre fünf Meter tief verlegt, sodass die einmalige Gelegenheit bestand, auch tief in den trächtigen Boden zu blicken. Hier kam eine schwarze, fette Torfschicht zutage, die ständig dicker wurde bis zur Maschinenhalle von P. Sommer. Dann nahm der Torf ab und es kam mehr eine Schotterschicht, mit Scherben duchsetzt, zum Vorschein. Bei dem Abzweig Richtung Römerstraße wurde eine Schotterschicht angetroffen, die weiter unten noch einmal erwähnt wird. Auch bei diesen Kanalarbeiten wurde sofort das Landesamt für Denkmalpflege in Koblenz informiert, das dann anschließend Untersuchungen vornahm. Die Baufirma Maus aus Taunusstein zeigte sich gegenüber den Baueinschränkungen verständnisvoll, sodass die Fachleute aus Koblenz ungehindert arbeiten konnten.

Ein anderer Grabungsbereich ergab sich durch die Verlegung der Wasserleitung von der Römerquelle nach Berg, die in der Zeit von Juni bis Oktober 1987 durchgeführt wurde. Der Graben für die Wasserleitung wurde in einer Tiefe von 1,40 m ausgehoben, sodass sich ein Blick in die jahrhundertealte Vergangenheit recht gut anbot. Ab Berger Weg (K 14) fand sich zunächst unter einem fetten Lehmboden eine etwa 30 cm starke Kiesschicht, die mit Bruchsteinen durchsetzt war. Im Bereich der alten Straße nach Berg (Singhofen-Arnstein) in der Flur Ehrenwiese fand sich in dem Bereich des Bergerbaches sehr viel dunkler, jetzt trockener Schlammboden, der mit reichlich Holz, wie Reisig aussehend, bestückt war. Allenthalben fanden sich Anzeichen einer Besiedelung, wenn es oft nur einige Kohlenhaufen waren. Zum Mühlbach zu wurde wieder fetter Lehmboden sichtbar. Die eigentliche Befestigung der alten Straße muß wohl tiefer gelegen haben, denn sie wurde nicht vom Baggerlöffel erfasst.

Wenn man erwartet hatte, in der Nähe des Sauerbrunnens auf römische Funde zu stoßen, wurde man enttäuscht. Hier fand sich nur aufgefüllter Boden mit einigen Scherben von Krügen der letzten hundert Jahre, gemischt mit kleinen Ziegelbrocken. Ein Mauerwerk war zwischen Mühlbach und der Kurve nicht zu erkennen. Anders wurde es nun in diesem Kurvenbereich. Hier wurde die alte Straße nach Berg, aber auch diejenige nach Dachsenhausen und nach Geisig zu, angeschnitten. Diese Straße war in einer Tiefe von 1,20 m mit Schotter und Steinen befestigt. Hier fand sich das gleiche, wie bereits oben erwähnte, Schottermaterial, das schon im Vorjahr beim Kanalbau im Bornwieserweg angetroffen wurde. Dadurch wurde bestätigt, dass die ehemaligen vorrömischen und auch die späteren Straßen sich hier vor dem Sauerbrunnen kreuzten, dass die römische Straße von hier aus weiter führte zum Thermalbad und den anderen Anlagen in den Bornwiesen. Erhärtet wurde auch die These, dass diese Straße weiter führte in Richtung Kirche, wie es der Schotterbelag hier in der Nähe auswies.

Bleiben wir zunächst bei diesen alten Straßen zur Römerzeit in Marienfels. Bei den Kanalbauarbeiten von 1986 konnte man feststellen, dass in der Nähe des Hauses Debus (Römerstraße 27) bis zum Anwesen Quaiser (Römerstraße 34) unter dem starken Gestück, das in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts aufgebracht wurde, ein Meter darunter ein ebenso starkes vorhanden war. Das deutet darauf hin, dass die alte Straße, die vom Sauerbrunnen herführte, bedeutend tiefer lag und wegen der Steigung und dem feuchten Untergrund auch besser befestigt war. Diese Straße führte dann anfangs wie die jetzige L 335 bis zum Haus Gordner (Römerstraße 17), das dicht an der Römerstraße stand, weiter unter dem Anwesen Neidhöfer, Laux, Hofmann, Jacobi, Pense, unter dem Neuen Weg durch bis in die Flur Rennweg.

Die andere wichtige Straße, die von der Römerstraße gekreuzt wurde, ist der Markersweg. Er brachte die Verbindung des Ortes nach Südwesten, über den Dachskopf zum Rhein bei Filsen. Dieser Markersweg ging in nördlicher Richtung weiter, vorbei an den beiden alten Häusern von Redert und Huth, unterhalb des Oberdorfes in Richtung Kirche. Einwandfrei belegt wurde diese Straße durch die Bauarbeiten für die abgebrannte Scheune des Willi Debus in den Kriegsjahren. Beim Ausheben der Kalkgrube wurde das Straßenprofil sehr gut sichtbar.

Das vorhin beschriebene Straßensystem dürfte für den mittelalterlichen und auch schon römischen Ort maßgebend gewesen sein, vielleicht auch schon für den alten Ort, ehe die Römer kamen. Die Festlegung eines Zeitpunktes, wann die Römer kamen, wollen wir uns hier ersparen, es dürfte aber schon recht früh gewesen sein. Denn Erdkastelle werden schon kurz nach der Zeitenwende im Taunus nachgewiesen. Bei sämtlichen Eroberungskriegen wurde die alte Ordnung der Marschlager, die sich seit langem bewährt hatte, auch in unserem Gebiet angewandt. Nach jedem Tagesmarsch schlugen die Soldaten am Abend nach präziser Ordnung ein genau vermessenes Lager auf. Der Plan des Lagers war immer derselbe, sodass jeder Soldat beim Einmarsch seinen Zeltplatz ohne Umstände finden konnte. Der Vorteil dieses Lagers waren seine schnelle Einrichtung und auch seine schnelle Aufgabe beim Abmarsch, die Verteidigung war gesichert, da die Infanterie auf der Feindseite und die Troßeinheiten hinten untergebracht waren.

Deshalb nehmen wir an, dass es bei der Okkupation unseres Gebietes genauso war. Die Truppe hatte einen Marsch von 15 km mit schwerstem Gepäck und Fahrzeugen hinter sich, egal ob sie nun vom Rhein her von Filsen oder Braubach hier ankamen oder von Friedrichssegen oder Bad Ems aus, das Lager wurde nach alterprobtem Plan aufgeschlagen. Man war an einen wasserreichen Ort gekommen, zu dem schon gute Wege führten, man blieb über Nacht hier liegen. Gab es keinen Widerstand, ging es die nächsten Tage weiter, gab es Kämpfe, dann musste das Lager verteidigt oder auch aufgegeben werden. Wahrscheinlich ist, dass es ein paar Mal hin und her ging, ehe der Kampfwille der ansässigen Germanen gebrochen war und man sich für Dauer einrichten konnte. Das dürfte dann nach 15 n. Chr. oder zumindest um 50 n. Chr. gewesen sein. Eine Grenzlinie konnte ab jetzt gezogen werden, die sich von Rheinbrohl durch den Taunus, die Wetterau bis ins Frankenland zur Donau hinzog.


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