Kapitel 2   –   Marienfels zur Zeit der Römer

Abschnitt 1   –   Frühere Ausgrabungen und Entdeckungen in Marienfels



Man schreibt das Jahr 1802. In Lunéville war der Frieden mit Napoleon geschlossen worden, wonach Frankreich das ganze linke Rheinland bekam, und in dem kleinen Dorf Marienfels im Nassauischen war ein neues Schulhaus anstelle des jahrhundertealten Gerichts- und Schulgebäudes gebaut worden.

In diesem Herbst unternahm der Hofkammerrat Christian Friedrich Zabel eine „Bereisung“ des „Polgrabens“. Er war schon einmal vor zehn Jahren hier gewesen und hatte bei diesem Besuch eine wichtige und interessante Entdeckung gemacht: Die Einwohner von Marienfels benutzten schon seit „undenklichen“ Jahren die Aschenschicht, „die gebrannte Erde“ als Düngemittel für ihre Felder. Habel „untersuchte die häufig gebrannte Erde und den Schutt von Gebäuden, der schon sehr weit von Danighofen herauf ausgegraben und auf die Äcker gefahren worden war“. Dabei fand er „römische gebackene Ziegelsteine, Stücke von samischen und anderen Gefäßen, Gußmauern, die noch eine große Strecke ins Feld liefen, also die unbezweifelten Anzeigen von einem sehr großen Orte, der eine halbe Stunde hinter dem Polgraben lag“. Seine „Amtsgeschäfte gestatteten die nähere Entwicklung seiner Entdeckung nicht“.

Antonin In diesem Herbst nahm sich Habel nun mehr Zeit, um den römischen Ort in oder bei Marienfels zu untersuchen. „Der würdige Pfarrer Ohly, der mir in Ermangelung eines Wirtshauses ein Bett darbot, gab mir noch einige Nachrichten wegen des alten Ortes Danighofen. Der brave und thätige Schultheiß Güth half mir selbst einen Ort aufräumen, wo kurz vorher zwey sehr schöne römische Krüge, wovon ich einen dahier in Idstein besitze, ausgehoben wurden. Ein silberner Antonin (Münze des Kaisers Antonius 138 - 161 n. Chr.) nebst der wohlerhaltenen, gewöhnlichen Umschrift um das Brustbild, mit demselben Revers Tempo-rum felicitas lag daneben. Diese nebst Stücken von den vier Zoll hohen gebackenen Steinen, mit einen Zoll starken durchlaufenden vielen Löchern fanden sich in Menge. Darunter lagen viele noch nicht verbrannte Kohlen und eine noch zusammenhängende weiße Wand lag darüber. Auch viele große Nägel, eine eiserne subtile Bande und mitunter ein schöner, dicker feiner gebrauchter Schleifstein lagen daneben. Das wichtigste davon nahm ich mit mir. An anderen Orten fand ich sehr große Stücke von kürzlich zerbrochenen irdenen römischen Wassergefäßen. Einen großen römischen Eymer, dergleichen ich kürzlich von Prof. Bodmann in Mainz erhielt, konnte ich noch über die Hälfte zusammen stellen.“

Weiter schreibt Habel über seine Entdeckungen: „Das Kloster oder die Abtey Arnstein hat einen Meyereyhof in Marienfels, nahe der Kirche und dem Pfarrhaus, und in einem Acker desselben in dem alten Dannighoben, wo jetzt der Hof seine Dungstätte hat, stand das alte von graulichen schiefrigen Thonsteinen ausgemauerte runde Bad“ Für den Hofkammerrat Habel sind alle diese Entdeckungen so wichtig, daß er sie in dem „Kaiserlich, priviligierten Reichsanzeiger“ 1803 beschreibt und von „den allerältesten Urkunden und Monumenten“ berichtet, „welche man in und bey Marienfels findet.“ „Man sieht hieraus, daß von den ersten Zeiten her, dieser Ort, der jetzt so weit herunter gekommen ist, daß man keine 40 Häuser mehr und nur noch 34 leibeigene Unthertanen zählt, äußerst wichtig war und noch ist; daß man nicht einmal die natürlichen Producte, welche sich nach Singhofen zu finden, mehr weiß, daß die Geschichte von der Gründung der Kirche, von dem alten Dannighofen, von dem alten verschütteten römischen Orte, sehr dunkel sey, und daß dieses insgesammt Aufhellung erfordere und verlange“.

Dies schreibt Habel im Januar 1803. Wahrscheinlich hatte er keine Gelegenheit mehr, seine Ermittlungen in Marienfels fortzusetzen. Am 20. Februar 1814 verstarb er in Schierstein. Der kurz vorher gegründetet „Nassauische Alterthumsverein“ verlor einen bedeutenden Mitarbeiter, konnte aber auch seine wertvolle Sammlung an Altertümern, Bodenfunden und Mineralien als Stiftung einbringen. Sein Sohn Karl setzte als Archivar die Arbeit seines Vaters fort und fand einen begeisterten und interessierten Römerforscher innerhalb des Vereines in dem Pfarrer Brinkmann von Miehlen.

Nachweislich hat Pfarrer Brinkmann im Auftrag des Nass. Altertumsverein 1824 in Marienfels Grabungen veranlasst. Doch es lagen immerhin 22 Jahre dazwischen, seit Habel von den Monumenten in Marienfels berichtet und den Ausgrabungen von 1824. In 22 Jahren geschieht viel und in dieser Zeit lag die Festigung des Herzogtums, die Neuordnung der Gemeinden, die Abschaffung der Leibeigenschaft und die Vermessung der Gemarkung. Letzteres war am allermeisten dazu geeignet, die Hinterlassenschaft der Römer zu dezimieren. Die Grundstücke wurden intensiver genutzt, und durch die vermehrte Viehhaltung wurde auch die letzte Parzelle in der Ortslage und der Feldflur zum Anbau der sogenannten neuen Brachfrüchte Kartoffeln, Rüben und Klee gebraucht.

Wenn Habel 1802 noch von Monumenten und Mauern berichtet, die weit ins Feld liefen, dann muss angenommen werden, dass noch viele oberirdische Reste von Bauten damals vorhanden waren. Zum einen waren die Steine, Ziegel und Fußbodenplatten das billigste Baumaterial und leichter zu gewinnen als aus dem Steinbruch und zum anderen war die Brandschicht ein gutes Düngemittel, das ebenfalls nichts kostete.

In Wiesbaden hatte man jetzt von den römischen Resten in Marienfels erfahren, sowohl bei der Herzogl. Landesregierung als auch beim Verein für Altertumskunde. Es wurde erkannt, dass schnelles Handeln notwendig war. Dazu kamen, wie schon erwähnt, die Entwicklung der Landwirtschaft und des landwirtschaftlichen Bauwesens. Insbesondere wurden die Neubauten von Ställen gefördert; bisher war der Viehstall mit dem Wohnteil des alten nassauischen Hauses unter einem Dach untergebracht. Im Winter war dieser Stall eine Wärmequelle und half mit, das Haus zu heizen, doch nun wurde mehr Rindvieh gehalten. Jauchegruben wurden gebaut und ebenso die Errichtung von Brandmauern gefördert. Dafür wurden große Mengen von Steinen benötigt.

In dieser Zeit kam ein Schreiben aus Wiesbaden an Pfarrer Brinkmann, sofort zu handeln und in Marienfels Erkundigungen einzuziehen. Darüber berichtete er: „Zufolge des verehrlichen Erlasses vom 26. Febr. 1824 habe ich mich des anderen Tages nach Marienfels begeben, um vorläufige Nachrichten für die Beantwortung der aufgegebenen Punkte einzuziehen. Daß ein römisches Lager auf dem Platze, worauf jetzt Marienfels erbaut ist, gestanden habe, ist schon durch die vorgefundenen Töpfergegenstände und Münzen beurkundet worden.“

Doch inzwischen war vieles verschwunden und bei einem Neubau mitverwendet worden. Deshalb musste schon 1824 unter Pfarrer Brinkmann gesucht und gegraben werden. Doch diese Untersuchungen waren nicht allzu ergiebig, sie brachten wohl Mauerreste, Heizungskeller, Ziegel mit Stempeln der 22. Legion und Münzen, die bis Marc Aurel (161 - 180 n. Chr.) zurückreichten, aber Zusammenhänge mit einem größeren Ort, zu Gebäudeanlagen, Bädern und Straßen wurden nicht erkannt.


zurück ... 2. Marienfels zur Zeit der Römer 2.2. Das römische Badweiter ...

© Gemeinde Marienfels  –  alle Rechte vorbehalten